Pandemie
Coronakrise in der Schweiz: Wie lange kann das so weitergehen? Gesucht ist eine Exit-Strategie

Isolation und soziale Distanz, wirtschaftlicher Notstand: Der Lockdown wegen der Coronavirus-Epidemie hat die Schweiz im Würgegriff. Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben wieder hochgefahren werden kann?

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Eigentlich wäre Stosszeit: Autobahnverzweigung Sarganserland, aufgenommen zur morgendlichen Hauptverkehrszeit.

Eigentlich wäre Stosszeit: Autobahnverzweigung Sarganserland, aufgenommen zur morgendlichen Hauptverkehrszeit.

Gian Ehrenzeller (Sargans, 25. März 2020

Die Frage treibt im Moment alle um: Wann geht dieser Alptraum vorbei? Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit der Lockdown vom Bundesrat beendet wird? Gefragt ist eine Exitstrategie. Vom Bundesamt für Gesundheit gibt es dazu im Moment weder Zahlen noch einen Plan. «Wir sind daran, die Strategie nach dem Peak der Krankheit auszuarbeiten», sagt Daniel Dauwalder vom BAG. Es sei aber noch zu früh, sich dazu konkret zu äussern.

«Aus infektiologischer Sicht ist klar, dass der Lockdown nicht allzu lange fortgesetzt werden kann. Wir sehen, dass eine grosse Zahl von Personen die Krankheit oft mild durchmacht und damit auch immun wird gegen die Infektion. Als Folge werden wir dann einen Rückgang der Fallzahlen beobachten. Dann ist es Zeit, die Massnahmen zu lockern. Wir wissen aber nicht, welcher Anteil der Bevölkerung dann schon immun ist», sagt Pietro Vernazza, Leiter der Infektiologie im Kantonsspital St.Gallen.

Pietro Vernazza, Leiter der Infektiologie im Kantonsspital St.Gallen.

Pietro Vernazza, Leiter der Infektiologie im Kantonsspital St.Gallen.

Ralph Ribi

Generell erwartet der Infektiologe einen in etwa gleichen Epidemie-Verlauf wie in anderen Ländern. Nur Südkorea zeige eine frühere Wende, weil im asiatischen Land unter anderem über ein Smartphone-Tracking Gefahrenherde ausgemacht und isoliert worden seien:

In der Regel flacht die Epidemie nach rund acht Wochen ab.

Für die Schweiz erwartet Vernazza, dass danach etwa 10 bis 20 Prozent immun gegen das Coronavirus sein werden. Vielleicht liegt der Anteil auch höher, wenn es mehr unerkannte Infektionen geben wird. Feststellen lässt sich das mit Antikörpertestes, die nach Vernazza wichtiger sind als Coronavirus-Tests. Das Kantonsspital St.Gallen wird Antikörpertests in einer beim Nationalfonds eingereichten Studie mit 1000 Mitarbeitern nutzen, um so den Anteil an immunisierten Menschen feststellen zu können.

Solche Tests hat die «LMZ Dr. Risch Gruppe» in Vaduz entwickelt, die sie in der ersten Aprilwoche anbieten wird. Damit werden spezifische Antikörper gegen Bestandteile des Coronavirus gemessen. «Mit solchen Tests kann Klarheit über die Immunisierung der Bevölkerung geschaffen werden, was sich auf das weiter Vorgehen auswirken dürfte», sagt Verwaltungsratspräsident Lorenz Risch. Für ausgedehnte Tests im ganzen Land müssen allerdings genug Testmaterialien zur Verfügung stehen.

Das Schweden-Modell

Wichtig ist das auch, weil nach dem Exit aus dem Lockdown eine zweite Virus-Welle übers Land schwappen könnte. Deshalb sagt Gesundheitsexperte Felix Schneuwly, der die Corona-Situation für den Vergleichs-Dienstleister Comparis beobachtet:

Um einen Lockdown bei der zweiten Welle zu vermeiden, muss unbedingt die Anzahl der Geheilten mit Corona-Antikörpern erhoben werden. Denn diese Leute sind weder für sich noch für andere eine Gefahr.

Um einen weiteren wirtschaftlichen Schaden zu minimieren, müsse ein Strategiewechsel vorbereitet und eingeleitet werden. «Dann müssen wir nicht mehr alle schützen», sagt Schneuwly. Vernazza rechnet damit, dass uns wegen der teils immunisierten Bevölkerung eine zweite Welle nicht mehr so hart treffen würde. «Ein weiterer Lockdown wäre wohl übertrieben. Wir werden sicher auch die Erfahrungen von Schweden einbeziehen, wo mit viel milderen Massnahmen bisher kaum schlechtere Resultate erreicht wurden.»

Den Lockdown so schnell wie möglich zu beenden, fordern vor allem Psychiater. Im Berliner «Tagesspiegel» auch Stefan Willich, Direktor des Instituts für Sozialmedizin und Epidemiologie der Berliner Charité. Prekäre Lebensverhältnisse und psychische Erkrankungen würden zunehmen. Willich plädiert dafür, nach den Osterferien das gesellschaftliche Leben wieder hochzufahren.

Wenn das bisher exponentielle Wachstum der Neuerkrankungen gebrochen sei, sollte der schrittweise Wiedereinstieg ins normale gesellschaftliche Leben erfolgen. Die Verhinderung einzelner Todesfälle, sollte in den nächsten Jahren nicht die Gesamtsterblichkeit in der Bevölkerung erhöhen, sagt Willich.

Die Schweiz steht still

Die Schweiz steht still
25 Bilder
Der Mensch macht den Tieren Platz: Die verlassene Passage am HB Zürich.
Eine einzelne Frau auf Reisen: Die Rolltreppen vor der Zollkontrolle am Flughafen Zürich.
Die Check-in-Schalter sind verwaist am grössten Flughafen der Schweiz.
Gleiches gilt auch für den Bahnhof Bern. Kaum ein Mensch befindet sich in der grossen Halle um 08 Uhr am Morgen in der letzten Woche.
Auch Bars, Pubs, Restaurants und Clubs sind vom Lockdown betroffen. Sie alle mussten schliessen.
Gleiches Gilt für die Ski-Gebiete. Für sie hiess es: Saison abbrechen und zusammenpacken.
Auch der Verkehr zwischen den Grenzen kam zum Stillstand. Wie etwa hier die abgesperrte Grenze zwischen Konstanz (DE) und Kreuzlingen (CH).
Und auch andernorts gibt es kein Durchkommen mehr. Die Grenzen zu unseren Nachbarstaaten wurden grösstenteils geschlossen.
Mit Zäunen wurden die Grenzen abgeriegelt. Solche Bilder hat es bis anhin kaum je gegeben.
Jeden Tag fahren knapp 3000 Züge in den Hauptbahnhof Zürich, rund 470'000 Passagiere werden hier abgefertigt – jeden Tag. Doch seit einer Woche wurde es merklich ruhiger im «HB».
Genau so verlassen ist auch die Innenstadt von Lausanne. Die Post ist zwar noch unterwegs aber sonst sind nur noch wenige Menschen auf der Strasse.
«Bleibt zu Hause» fordert diese Statue von Freddy Mercury in Montreux die Menschen auf.
Der völlig verwaiste Bundesplatz vor dem Bundeshaus in Bern.
Und auch die Bundesterrasse wurde mit meterhohen Absperrungen geschlossen.
Entsprechend leer ist auch die Innenstadt von Bern. Kaum ein Mensch ist unterwegs in der Strasse, die sonst für einen Spaziergang sehr beliebt ist.
Komplett abgeriegelt wurde auch das Zürcher Seebecken.
Weil sich die Menschen nicht an die Empfehlungen des Bundes gehalten haben, schloss die Stadt Zürich das komplette Seebecken und mehrere Parks.
Das Resultat ist eindrücklich ...
... noch nie hat man das Zürcher Seebecken so verlassen gesehen wie hier am Sonntag, 23. März.
Noch nicht nur in Zürich wurden die Seeufer abgesperrt. Ähnliche Massnahmen wurden auch in der Westschweiz ergriffen.
Und auch in Luzern trifft man dieser Tage kaum noch Menschen an vor der sonst so gut besuchten Kapellbrücke.
Blick auf das Limmat-Ufer in Zürich am vergangenen Sonntag. Hier spazieren am Wochenende sonst tausene von Menschen.
Und auch das Zürcher Niederdorf, eine beliebte Ausgeh- und Flaniermeile, ist dieser Tage komplett verwaist.
Voll ist es dafür auf den Abstellgeleisen des HB Zürich. Hier stehen Dutzende Züge herum, die wegen des Lockdown nicht mehr genutzt werden.

Die Schweiz steht still

Keystone-SDA

Doch lässt sich das aufwiegen? Coronavirus-Erkrankungen versus psychischer und andere Leiden. «Das ist eine schwierige Abwägung», sagt der Ethiker Klaus Peter Rippe von «Ethik im Diskurs». Je länger der Lockdown daure, desto mehr Gründe gebe es, diesen abzubrechen. Jetzt sei es aber zu früh.

Es spiele jetzt auch keine Rolle, ob schwer betroffene Coronavirus-Patienten am Ende ihres Lebens stünden. Eine solche Frage, die sich auch bei künstlichen Lebensverlängernden Massnahmen stellt, wäre höchstens dann in der Diskussion, wenn in den Spitälern, nicht mehr alle Notfall-Corona-Patienten versorgt werden könnten, sagt Rippe. So wie im Elsass, wo über 80-jährige Corona-Patienten nicht mehr an die Lungenmaschinen angeschlossen werden.

Die Entscheidung zum Lockdown habe gezwungener Massnahmen sehr schnell erfolgen müssen. «Vielleicht auch überstürzt», sagt Vernazza. Für den Ausstieg müssten die Entscheidungsträger nun zwingend auf die Wissenschaft hören.