Pandemie
Trotz harzigem Start spricht Berset von einer Erfolgsgeschichte: So soll das Impfen ab April endlich Fahrt aufnehmen

Viel Kritik steckt Gesundheitsminister Alain Berset für die bundesrätliche Impfstrategie ein. Er nennt diese allerdings erfolgreich. Bis Ende Juli werden 8 Millionen zusätzliche Dosen eintreffen – genug, um rund drei Viertel der erwachsenen Bevölkerung vollständig zu immunisieren.

Kari Kälin
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Tele M1

Nein, die Schweiz ist nicht Impfweltmeisterin. Aktuell sind rund 7 Prozent der erwachsenen Bevölkerung vollständig gegen Corona geimpft. Rund 44 Prozent der Einwohner und Einwohnerinnen taxieren die Impfkampagne gemäss einer Umfrage des Forschungsinstituts Sotomo als zu langsam.

Ja, die epidemiologische Lage spitzt sich zu, die Zahl der Neuinfektionen steigt, Lockerungen sind unmittelbar keine in Sicht. Kein Wunder, erreicht der Gemütszustand der Bevölkerung in Umfragen neue Tiefstwerte.

Schweiz braucht sich im internationalen Vergleich nicht zu scheuen

Unter diesen Vorzeichen schickten sich die Behörden am Donnerstag an, dem Volk mit einem Grossaufgebot Zuversicht zu injizieren: Gesundheitsminister Alain Berset, Wirtschaftsminister Guy Parmelin, die Waadtländer Regierungsrätin und Vizepräsidentin der kantonalen Gesundheitsdirektorenkonferenz Rebecca Ruiz, sowie Vertreter des Bundesamtes für Gesundheit und des Impfstoffhersteller Pfizer/Biontech und Moderna stellten die Schweizer Impfstrategie als Erfolgsgeschichte dar.

Sie sprachen positiv über die Schweizer Impfstrategie: Die Waadtländer Regierungsrätin Rebecca Ruiz, die Bundesräte Alain Berset und Guy Parmelin, Sabine Bruckner, Geschäftsführerin Pfizer Schweiz, sowie Dan Staner, Vizepräsident und Europachef von Moderna (von rechts nach links).

Sie sprachen positiv über die Schweizer Impfstrategie: Die Waadtländer Regierungsrätin Rebecca Ruiz, die Bundesräte Alain Berset und Guy Parmelin, Sabine Bruckner, Geschäftsführerin Pfizer Schweiz, sowie Dan Staner, Vizepräsident und Europachef von Moderna (von rechts nach links).

Bild: Anthony Anex/Keystone

Nein, die Schweiz brauche den internationalen Impfvergleich nicht zu scheuen. Ja, unser Land habe auf die richtigen, effizienten Vakzine gesetzt. Und wenn es jetzt zügig vorwärtsgehe, erhielten wir vielleicht bald unser Leben vor der Coronapandemie zurück, so die Botschaft. Tatsächlich soll der Impfkadenz bald steigen.

Ab April bis Ende Juli, freute sich Alain Berset, erhalte die Schweiz 8,1 Millionen neue Impfdosen von Pfizer/Biontech und Moderna. Mit den bereits vorher gelieferten Dosen stehen bis im Sommer rund 10,5 Millionen Impfdosen allein von diesen beiden Herstellern zur Verfügung. Damit liessen sich gut 5 Millionen Personen vollständig impfen.

Ende Juni sollen alle Impfwilligen an der Reihe gewesen sein

So richtig Fahrt aufnehmen wird die Impfkampagne ab April, wenn die grösseren Mengen eintreffen. Gesundheitsminister Berset hält es nach wie vor möglich, dass bis Ende Juni alle Impfwilligen einen oder zwei Pieks erhalten haben werden. Ob dieses Ziel erreicht wird, hängt auch von der Impfbereitschaft ab. Vereinfacht gesagt: Je weniger Personen sich pieksen lassen, desto eher kommen bis Ende Juni sämtliche Impfwillige an die Reihe.

Gemäss einem Szenario des Bundes könnte dies bei einer Impfbereitschaft von 50 Prozent bei der Nichtrisikogruppe schon in der zweiten Junihälfte der Fall sein. Klettert die Impfbereitschaft auf 75 Prozent, kämen wir Mitte Juli an diesen Punkt. Bei der Risikogruppe rechnet der Bund mit 75 Prozent Impfwilligen. Mit einer Zulassung des Vakzins von Astrazeneca würde sich das Impftempo noch beschleunigen.

Die Ziele des Bundesrates sind klar: Er möchte, dass sich möglichst viele der 7 Millionen erwachsenen Einwohner immunisieren lassen. Und dass die Impfungen rasch voranschreiten, damit das Land die Lockdown-Massnahmen endlich entsorgen kann. Berset stellte denn auch Lockerungen in Sicht: Wenn einmal die Risikogruppe geimpft ist und die Impfkampagne bei der breiten Bevölkerung, dürften die Einschränkungen graduell aufgehoben werden – falls eine zu starke dritte Welle den Impffortschritt nicht zunichte macht.

Bund rechnet mit einer Erkrankungswelle bei Ungeimpften

Berset wiederholte, was er letzte Woche angetönt hatte: Wenn alle Impfwilligen geimpft sind, könne man Einschränkungen kaum noch rechtfertigen. Das Diner im Restaurant, der Besuch eines Konzerts, das Mitfiebern am Fussballmatch, die legale Grillparty mit beliebig vielen Gästen: All das wäre wieder möglich. Für gewisse Veranstaltungen zeichnet sich ab, dass man neben dem Eintrittsticket den Impfpass zücken muss, auch fürs Fliegen. Eine knappe Mehrheit der Bevölkerung taxiert derzeit ein Sonderregime für Geimpfte als unzulässig.

Das Ende der Impfkampagne bedeutet jedoch nicht das Ende der Pandemie. Der Bundesrat rechnet mit einer Erkrankungswelle bei Impfunwilligen, sobald alle Massnahmen gelockert sind. Dies geht aus einem Dokument hervor, das der Bundesrat den Kantonen vor dem letzten Öffnungsschritt, der Aufhebung der 5er-Regel, zustellte. Das Coronavirus werde auch bei einer hohen Durchimpfungsrate weiterzirkulieren und bei Nichtgeimpften eine substanzielle Zahl von Krankheiten und Todesfällen verursachen. Je mehr Personen der Risikogruppen auf eine Impfung verzichten, desto stärker dürfen die Spitäler belastet werden.

Gegenüber der «NZZ am Sonntag» sagte der Genfer Arzt und Epidemiologe Didier Pittet, wegen der ansteckenderer mutierten Variante bräuchte es eine Durchimpfungsquote von 80 Prozent, um dem Virus den Boden zu entziehen. Der Bund kalkuliert in seinen Szenarien mit einer maximalen Impfbereitschaft von 75 Prozent. Auch dieser Wert scheint optimistisch.

Gemäss der Sotomo-Umfrage wollen sich derzeit nur 44 Prozent der Bevölkerung bedingungslos impfen lassen. 20 Prozent würden dies auf gar keinen Fall zu. Mit 48 Prozent am stärksten verbreitet ist die Impfskepsis bei den SVP-Anhängern.