Wochenkommentar

Corona-Virus: Die rastlosen Behörden wirken wenig beruhigend

Alain Berset auf dem Weg zu einem Treffen mit den kantonalen Gesundheitsdirektoren am letzten Mittwoch.

Alain Berset auf dem Weg zu einem Treffen mit den kantonalen Gesundheitsdirektoren am letzten Mittwoch.

Der Wochenkommentar von Chefredaktor Patrik Müller zum Kampf gegen das Corona-Virus: Die fast täglich neuen Empfehlungen von Bund und Kantonen überzeugen nicht.

Es vergeht kaum ein Tag ohne neue Massnahmen und Empfehlungen: Im Kampf gegen die Ausbreitung des Corona-Virus kommuniziert der Bund kaskadenartig. Am Montag gab er die Devise heraus, aufs Händeschütteln zu verzichten. Am Mittwoch sagte Gesundheitsminister Alain Berset, man solle im Alltag ganz generell Abstand halten («Social Distancing»). Zudem erging der Rat an Grosseltern, keine Kinder mehr zu hüten, weil ältere Menschen besonders gefährdet sind. Am Freitag folgte der nächste Schritt: «Meiden Sie den öffentlichen Verkehr zu Stosszeiten», sagte Berset. Und für die über 65-Jährigen gab es eine weitere Verhaltensregel: Unter anderem sollen sie auf grössere Geburtstagsfeiern verzichten.

Soweit ein kleiner Ausschnitt aus der Kommunikation des Gesundheitsministeriums. Weiter ins Wirtschaftsministerium: Bundesrat Guy Parmelin rief am Donnerstag zum runden Tisch, die Versammlung mit Kantons-, Gewerkschafts- und Wirtschaftsvertretern erhielt schnell das Label «Krisengipfel». Sollte das Ziel dieser Veranstaltung gewesen sein, Ängste ernst zu nehmen und dadurch abzubauen (beschlossen wurde ja nichts), so wurde es verfehlt: Parmelin sprach von einer «ernsten Situation», der Bund kenne «keine Tabus», um die wirtschaftlichen Folgen des Virus zu minimieren. Solche Aussagen, die bezogen auf die medizinische Lage aus dem Departement Berset laufend kommen, wirken wenig beruhigend. Treffend kommentierte die «Luzerner Zeitung» die rastlose Kommunikation der Behörden: «Das Bemühen um eine umfassende und stets aktuelle Kommunikation befeuert die Eskalation.»

Dies umso mehr, da nicht nur der Bund informiert, sondern auch die Kantone und Gemeinden. Worin liegt der föderale Sinn, wenn in Graubünden Veranstaltungen teilweise schon ab 50 Personen bewilligungspflichtig sind, in Basel ab 200 Personen und in Zürich grundsätzlich gar keine Bewilligung nötig ist, dort aber Clubs geraten wird, Partys abzusagen? Wer hat noch den Überblick? Die Medien werden bombardiert mit Communiqués von Behörden aller Stufen, und dass sie so ausführlich über die Epidemie berichten, provoziert ebenfalls Kritik. Zugleich zeigen die Leserzahlen auf den Online-Portalen, dass das Bedürfnis nach Information riesig ist. Wo verläuft die Grenze zwischen ausführlicher Aufklärung und der Förderung von Angst, ja Panik? Diese Frage stellt sich nicht nur den Amtsstellen, sondern auch den Medien.

Die Verantwortung liegt primär bei den Menschen selbst

Was das kantonale Wirrwarr betrifft, ist es zu einfach, die Schuld nur den Kantonen zuzuschieben. Der Bundesrat hätte es in der Hand gehabt, klarere Vorgaben zur Umsetzung des Versammlungsverbots zu erlassen. Die Kantone mussten in kürzester Zeit entscheiden, was sie aus der vagen Weisung aus Bern machen. Daraus gilt es eine Lehre zu ziehen: Im Kampf gegen das Corona-Virus braucht es mehr Zentralismus. Denn das Virus hält sich weder an Landes- noch an Kantonsgrenzen.

Zu spät ist es noch nicht. Das Virus und seine Folgen werden die Schweiz und die Welt noch lange beschäftigen. Zählte man hierzulande Anfang Woche noch 20 Corona-Fälle, waren es am Freitag bereits 210. Alain Berset räumte ein, dass erst im Verlauf dieser Woche wirklich klar wurde, dass der Anstieg so schnell verlaufen würde. Schon bald werden die Behörden keine exakten Fallzahlen mehr liefern können, sondern mit Hochrechnungen arbeiten.

Je länger, je mehr stellt sich darum die Frage, ob rigide Massnahmen wie Quarantäne für alle Verdachtsfälle noch praktikabel sind. Die Aargauer Regierung hat bereits einen Strategiewechsel vollzogen: Es wird nicht mehr jeder Verdachtsfall abgeklärt – und die Quarantäne-Pflicht ist aufgehoben. Ähnlich werden es wohl bald andere Kantone handhaben.

Das zeigt: In der Pflicht stehen nicht nur die Behörden. Die Verantwortung, uns selber und andere zu schützen, liegt bei uns allen, bei jedem einzelnen Menschen.

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