Schweiz

Corona-Taskforce: Spitäler könnten schon in einer Woche an ihre Grenze kommen

Martin Ackermann, Präsident der wissenschaftlichen Task Force des Bundes, präsentierte am Freitag die aktualisierte Einschätzung zur Coronasituation.

Martin Ackermann, Präsident der wissenschaftlichen Task Force des Bundes, präsentierte am Freitag die aktualisierte Einschätzung zur Coronasituation.

Die Spitalbetten könnten schon ab Ende Oktober knapp werden, rechnet die Corona-Taskforce am Freitag vor. Ihr Präsident Martin Ackermann ruft die Bevölkerung dazu auf, das Heft nun selbst in die Hand zu nehmen.

(wap) Task Force-Chef Martin Ackermann wurde an der Pressekonferenz am Freitag in Bern ungewohnt deutlich: «Wenn wir in zwei Wochen merken, dass die jetzigen Massnahmen nicht reichen, können wir die Überlastung des Gesundheitssystems nicht mehr verhindern.» Gemäss aktuellen Berechnungen seiner Gruppe von Wissenschaftern seien «die zertifizierten Betten zwischen Ende Oktober und dem 9. November voll».

Die bis jetzt von Bund und Kantonen getroffenen Massnahmen reichten «bei weitem nicht» aus, so Ackermann, um die drohende Überlastung des Gesundheitswesens zu verhindern. Der Spielraum betrage nur noch wenige Tage. Der Task Force-Präsident forderte deshalb die Bevölkerung auf, nicht auf die Politik zu warten und sofort zu handeln: «Warten wir nicht, bis jemand irgendwo Massnahmen beschliesst, tun wir das richtige freiwillig und sofort», sagte er. Das heisse: Alle müssten ihre Kontakte nun auf das Minimum beschränken, und zwar in allen Lebensbereichen.

Kritik an Entscheid der Zürcher Regierung

Martin Ackermann äusserte sich auch zu politischen Massnahmen. So müssten beispielsweise Veranstaltungen nun dringen beschränkt werden: «Es gibt ein grosses Risiko, wenn viele Menschen zusammenkommen, das Problem sind vor allem die Situationen vor und nach der Veranstaltung», sagte der Task Force-Präsident. Ausserdem brauche es dringend mehr Testcenter und Personal für das Contact Tracing. Und wo immer möglich müsse nun darum auf Home Office umgestellt werden.

Auf die Frage eines Journalisten nach seiner Einschätzung zum Entscheid der Zürcher Regierungsrates, nichts zu unternehmen und auf den Bundesrat zu warten, sagte Ackermann: «Es ist absolut wichtig, dass wir sofort reagieren. Jede Woche, die wir warten, verdoppelt die Grösse des Problems. Deshalb müssen wir sofort Massnahmen ergreifen die wirken.»

Die Erkenntnisse der Task Force seien für die Entscheidungsträger keine Neuheit, sagte Stefan Kuster, der Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten im Bundesamt für Gesundheit (BAG): «Der Prozess läuft. Es gibt politische Prozesse, die eingehalten werden müssen.» Falls nötig, könnten weiter Massnahmen allerdings auch schneller getroffen werden als anfänglich vorgesehen, sagte der BAG-Mann.

Contact Tracing mit «Getriebeschaden»

Den Grund für die Eskalation der Lage sieht Martin Ackermann darin, dass die Schweiz bereits zu Beginn der kalten Jahreszeit konstant steigende Fallzahlen gehabt habe. Nach den im internationalen Vergleich sehr weitgehenden Lockerungen im Juni sei das Wachstum bereits ab Juli wieder exponentiell gewesen. Mit dem Einsetzen der kalten Jahreszeit habe sich dieses exponentielle Wachstum dann aber weiter beschleunigt, weshalb das Contact-Tracing und die Teststrategie nicht mehr richtig funktioniert hätten.

Diese Einschätzung des Contact-Tracings teilte auch Rudolf Hauri, Präsident der Vereinigung der Kantonsärztinnen und Kantonsärzte. Er sprach am Freitag vor den Medien in bern von einem «erheblichen Getriebeschaden». Noch vor einer Woche hatte Hauri die Lage lediglich als «Beule am Auto» bezeichnet. Nun gehe es aber darum, mit allen Mitteln den «Totalschaden» zu vermeiden, so Rudolf Hauri.

Wirtschaft wünscht sich Planungssicherheit

Andreas Stettbacher, Delegierter des Bundesrates für den Koordinierten Sanitätsdienst (KSD), zeigte sich ebenfalls alarmiert, was die Entwicklung in den Schweizer Spitälern betrifft. Sowohl bei den normalen Betten als auch in den Intensivstationen sei die Belegung durch Coronapatienten in den letzten fünf Tagen um den Faktor 1,6 gestiegen. Auch Andreas Stettbach forderte deshalb zum Handeln auf: «Ich bin überzeugt, dass allen bewusst ist, dass die Situation ernst ist», sagte der Vertreter des Bundesrats. «Es ist wichtig, dass alle gemeinsam rasch die wichtigen Entscheide treffen», so Andreas Stettbach.

Die Krise werde auch die Wirtschaft treffen, sagte Erik Jakob, der Leiter der Direktion für Standortförderung beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Besonders stark betroffen sei bereits der Tourismus. Hier wünsche sich die Branche Planungssicherheit für die Wintersaison. Es sei aber schon jetzt klar: «Es werden nicht alle Betriebe überleben», so Erik Jakob. Gefragt seien nun die Kantone. Diese könnten schon jetzt Unterstützungen sprechen, wo dies nötig sei. Der Bund könne gegebenenfalls nachträglich eine Co-Finanzierung beschliessen.

Die Schweiz hat alle Nachbarländer überholt

Am Freitag hatte das Bundesamt für Gesundheit 6634 laborbestätigte Neuansteckungen mit dem Coronavirus, 117 Hospitalisierungen und zehn Todesfälle innert 24 Stunden gemeldet. Die Zahl der Neuansteckungen habe sich damit innert einer Woche verdoppelt, resumierte Stefan Kuster. Die Schweiz habe damit nun auch alle Nachbarländer überholt: «Unsere Zahlen sind im Verhältnis höher als Spanien, Italien, Frankreich und Österreich und fünf mal so hoch wie jene in Deutschland.»

Bereits vor Wochenfrist warnten Vertreter der wissenschaftlichen Task Force vor einer Verdoppelung bis diesen Freitag. Damit sei bis in einer Woche schliesslich mit 12'000 laborbestätigten Coronainfektionen in der Schweiz pro Tag zu rechnen. Erst dann, so rechnete Task Force-Präsident Martin Ackermann damals vor, sei damit zu rechnen, dass die am letzten Sonntag vom Bundesrat kurzfristig verschärften Coronamassnahmen sich in den Ansteckungszahlen niederschlagen werden.

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