Corona-Protest
«Leute, jetzt muss es knallen!» – viel Hass im Netz, ein bisschen weniger auf der Strasse

An Demonstrationen geben sich die Coronarebellen betont friedlich. Einzelne folgen der Internet-Hetze und manch einer freut sich über Grenzüberschreitungen.

Pascal Ritter
Drucken
Teilen
Zwei Gesichter: Im Internet aggressiv, auf der Strasse betont friedlich: Coronademonstrant am Mittwoch in St. Gallen.

Zwei Gesichter: Im Internet aggressiv, auf der Strasse betont friedlich: Coronademonstrant am Mittwoch in St. Gallen.

Raphael Rohner

Die Pressekonferenz des Bundesrates ist am Mittwoch noch im Gange, da schreibt Nicolas A. Rimoldi, Co-Präsident der Massnahmengegner «Mass-Voll» und FDP-Delegierter auf Twitter: «Seit heute wissen wir: Nur ein Volksaufstand wird uns ein Leben in Freiheit ermöglichen.»

Etwas später meldet sich ein Massnahmengegner aus dem Kanton Bern mit einer Sprachnachricht im öffentlichen Chat der Coronarebellen auf «Telegram». Seine Stimme klingt dringlich. Er sagt:

«Leute jetzt muss etwas gehen. Und zwar dringend. So wie wir bis jetzt jeweils auf die Strasse gestanden sind, ist alles Pipifax und alles Bullshit. Wir müssen jetzt endlich einen richtigen Widerstand bilden. Es muss einen Knall geben!»

Er ruft alle dazu auf nach St. Gallen zu reisen, wo am Abend eine Demonstration stattfindet. Im Chat postet jemand noch ein Bild, wo eine Comicfigur Gesundheitsminister Alain Berset boxt.

Gewalt an Coronaprotesten

Die Stimmung unter den Gegnern der Coronapolitik von Bund und Kantonen ist gereizt. Sie fühlen sich durch die Diskussion über eine Ausweitung der Zertifikatspflicht provoziert. Zudem empören sie sich über Impfkampagnen an Schulen und Universitäten.

Zuletzt kam es an Demonstrationen der Massnahmengegner zu Gewalt. In Olten zog ein Teilnehmer einem Mann eine Flasche über den Kopf. Bei der feierlichen Lancierung der Zürcher Impfbusse überschüttete ein Mann die Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli (SVP) mit Apfelsaft.

Mit Apfelsaft attackiert: Die Zürcher Regierungsrätin und Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli (SVP), rechts, vor dem Impfmobil in Gossau (ZH) am Samstag, 21. August 2021.

Mit Apfelsaft attackiert: Die Zürcher Regierungsrätin und Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli (SVP), rechts, vor dem Impfmobil in Gossau (ZH) am Samstag, 21. August 2021.

Keystone

Drei Stunden nach den dramatischen Tweets und dem berndeutschen Aufruf versammeln sich in St. Gallen rund 450 Menschen zu einer Demonstration. Die Stimmung passt so gar nicht zum aggressiven Ton in den sozialen Medien. Das Publikum ist durchmischt.

Die Mehrheit der Teilnehmer ist zwischen 40 und 60 Jahre alt. Hündeler, Handwerker, Home-Office-Angestellte. Sie sind betont friedlich. Als erstes sagt der Organisator durchs Megafon: «Danke, dass ihr friedlich bleibt.» Ein Demonstrant trägt ein Pappschild mit dem Spruch: «Our Language is love»: Unsere Sprache ist die Liebe.

27 Bilder

Bild: Raphael Rohner

Aggressive Minderheit

Die Aggressiven bleiben in der Minderheit. Es gibt zwei, drei finster dreinschauende Typen, die mit der Bierdose in der Hand «Hier regiert das Schweizer Volk» rufen. Manchmal strecken sie drei Finger in die Luft. Solche Gesten sieht man auch an Neonazidemonstrationen, es könnte aber auch eine Art Rütlischwur sein. Eine Frau versucht mit einem «Lügenpresse»-Schild Fotografen zu behindern.

Doch als am Rand der Demonstration zwei junge Männer die Massnahmengegner mit einer Flagge verhöhnen (Aufschrift: «Ich ghör nur Mimimi»), bleiben sie unbehelligt. Eine Demonstrantin versucht noch erfolglos, sie zu einer Technoparty einzuladen, dann zieht sie ab.

«Ich ghör nur mimimi» - Zwei Gegendemonstranten am Mittwoch in St. Gallen blieben unbehelligt.

«Ich ghör nur mimimi» - Zwei Gegendemonstranten am Mittwoch in St. Gallen blieben unbehelligt.

rit

Was immer der dringliche Berner aus dem Coronachat meinte, als er sagte, «es muss knallen», am Mittwoch in St. Gallen geschah es nicht. Und auch bei den «Mass-Voll»-Aktivisten ist wenig vom eben noch ausgerufenen «Volksaufstand» zu spüren. Ihre selbst gebastelten Kartonschilder sehen eher nach Hippie-Protest aus.

Heimliche Freude über die Apfelsaft-Attacke

Im Gespräch mit Demonstranten wird aber auch klar: Wut und Anspannung sind grösser geworden. Ein 37-jähriger Monteur aus dem Aargau, der seit einem Jahr an den Protesten teilnimmt, sagt: «Die Stimmung ist überreizt». Er erinnert sich mit Wehmut an die Anfänge der Proteste. Obwohl damals Demonstrieren de facto verboten war, sei es «legerer» zu und her gegangen. Er sagt:

«Es war alles noch neu. Heute haben die Leute zum Teil die Nase voll von uns und wir auch von denen, die uns diffamieren.»

Die Gewalt von Olten findet er nicht gut und die Apfelsaft-Attacke schade dem Image der Proteste. Er gibt aber auch zu: «Über den Vorfall mit dem Apfelsaft hat sich die Szene schon gefreut.»

«Dem hat es einfach den Deckel gelupft»

Bei den drei «Freunden der Verfassung», die nach Kundgebungsende noch im Kreis stehen und diskutieren, ist man sich nicht einig. Gewalt wie in Olten lehnen alle ab. Die Apfelsaftsache will aber nur einer deutlich verurteilen. Der zweite, Josef Rechsteiner, Schreinermeister aus Appenzell Innerrhoden, bringt viel Verständnis für den Apfelsaftspritzer. «Dem hat es einfach den Deckel gelupft. Das verstehe ich gut», sagt er.

Josef Rechsteiner engagiert sich in Appenzell Innerrhoden gegen Coronamassnahmen: «Dem hat es einfach den Deckel gelupft!»

Josef Rechsteiner engagiert sich in Appenzell Innerrhoden gegen Coronamassnahmen: «Dem hat es einfach den Deckel gelupft!»

Tagblatt

Der Dritte im Bunde sagt, die Aktion sei «ein Zeichen der Ohnmacht», welche Impfgegner empfänden, empfiehlt sie aber nicht zur Nachahmung.

Der Augenschein an der St. Galler Demonstration zeigt: Es gibt eine grosse Diskrepanz zwischen der Kraftmeierei im Internet und dem Verhalten auf der Strasse. Nur ein Teil der Demonstranten informiert sich überhaupt via dubiose Telegramkanäle. Die gewalttätigen Vorfälle zeigen aber auch, dass einzelne sich von der Rhetorik im Netz anstacheln lassen und den Hass aus dem Netz mit auf die Strasse nehmen. Und auch mancher friedliche Demonstrant hegt eine heimliche Freude, wenn er von Grenzüberschreitungen wie im Fall von Regierungsrätin Rickli hört.

Aktuelle Nachrichten