Corona
«In einigen Kantonen hat man die Idee wohl zur Testdefensive umgedeutet»: Die Testoffensive nimmt nur langsam Fahrt auf

Vor über einem Monat hat der Bund zur grossen Testoffensive geblasen. Doch derzeit nimmt die Zahl der gemeldeten Tests nicht etwa zu, sondern ab - und manche Kantone machen noch immer keine Massentests in Firmen und Schulen.

Maja Briner
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«Testen, testen, testen» lautet der Slogan im Kampf gegen das Coronavirus.

«Testen, testen, testen» lautet der Slogan im Kampf gegen das Coronavirus.

Gaetan Bally / KEYSTONE

Alain Berset lancierte den Appell an die Bevölkerung gleich mehrmals. «Faites-vous tester, lassen Sie sich testen», sagte der Gesundheitsminister diese Woche. Und weiter: «Zögern Sie nicht, sich testen zu lassen, bevor Sie andere Leute treffen – und selbstverständlich bei den geringsten Symptomen.»

Der Appell kommt nicht von ungefähr. Vor über einem Monat lancierte der Bundesrat seine Testoffensive. Seit Mitte März können sich auch Personen, die keine Symptome haben, kostenlos testen lassen. Dennoch sinkt die Zahl der gemeldeten Tests seit Anfang April. Ein Teil des Rückgangs könnte damit erklärbar sein, dass nicht alle Tests gemeldet werden: Wer etwa zuhause einen der kürzlich zugelassenen Selbsttests macht, wird in der Statistik nicht erfasst. Trotzdem hielt Berset fest: Eigentlich müsste die Zahl der gemeldeten Tests stark steigen.

Ähnlich äusserte sich am Freitag der Basler Kantonsarzt Thomas Steffen auf Twitter:

Erklärtes Ziel des Bundes ist, dass sich 40 Prozent der mobilen Bevölkerung wöchentlich testen lässt. Daher übernimmt er seit Mitte März auch die Kosten für regelmässige Tests in Firmen und Schulen. Doch noch sind diese längst nicht überall üblich, wie Anfragen bei diversen Kantonen zeigen. Die Unterschiede sind gross: Vorreiter Graubünden erklärt, kantonsweit beteiligten sich bereits 45 Prozent der mobilen Bevölkerung an den repetitiven Tests. Andere Kantone testen hingegen noch gar nicht oder erst in kleinem Rahmen. Immerhin wollen viele nun loslegen: Der Thurgau etwa beginnt nächste Woche mit seriellen Tests in Betrieben; auch im Wallis und Basel-Stadt soll es bald losgehen.

Bei den Schulen ist die Bandbreite ebenfalls gross. Kantone wie Zug oder Baselland testen seit Wochen regelmässig in allen Schulen, andere wie Luzern oder Bern starten demnächst. Einige wollen hingegen darauf verzichten, so etwa Genf, St. Gallen und Thurgau.

Zwiespältige Zwischenbilanz

Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse drängt seit längerem auf mehr Tests. Zum aktuellen Stand der Testoffensive meint Chefökonom Rudolf Minsch: «Das Glas ist halb voll.» Er übt aber deutliche Kritik: «In einigen Kantonen hat man die Idee wohl nicht richtig verstanden und sie zur Testdefensive umgedeutet: Statt die Umsetzung nun sofort auf der Basis der Vorlage des Bundesamts für Gesundheit an die Hand zu nehmen, scheinen einzelne Kantone die Herausforderung aussitzen zu wollen.»

Rudolf Minsch, Economiesuisse

Rudolf Minsch, Economiesuisse

Walter Bieri / KEYSTONE

Gleichzeitig sieht Minsch auch Gutes: In vielen Kantonen sei die Offensive zügig gestartet, die Behörden hätten mit der Wirtschaft zusammengearbeitet und allfällige Stolpersteine rasch ausgeräumt.

Einen Graben zwischen den Kantonen stellt auch der Gewerbeverband fest. Gewisse wie zum Beispiel Graubünden und Basellandschaft agierten vorbildlich, sagt Sprecherin Corinne Aeberhard. «Diese Modelle sollten als Vorbild für andere Kantone dienen.»

Kritik übt der Gewerbeverband am Bundesamt für Gesundheit (BAG) – und dessen bürokratischen Hürden. Diese gebe es «in einem solchen Masse, dass wir vermuten müssen, dass das BAG die Teststrategie seines eigenen Bundesrates sabotiert», hält Aeberhard fest. Als Beispiel erzählt sie den Fall eines Unternehmers, der Selbsttests importieren wollte. Das BAG habe ihm die Bewilligung verweigert, da er die Tests, die in Nachbarländern bereits zum Einsatz kamen, von einem deutschen Institut prüfen liess.

Grosses Interesse – oder zurückhaltende Firmen?


Doch sind die Firmen überhaupt interessiert an Massentests? Dazu gibt es verschiedene Einschätzungen. Aus dem Kanton St. Gallen etwa heisst es, aktuell hätten sich rund 400 Firmen für das repetitive Testing angemeldet. «Die Unternehmen sind eher zurückhaltend.» Solothurn dagegen meldet, das Interesse der Unternehmen, Schulen und weiterer Institutionen sei derzeit sehr gross.

Der Bundesrat möchte nun sanften Druck aufsetzen. Diese Woche erklärte er, möglicherweise könne die Homeoffice-Pflicht Ende Mai gelockert werden – aber nur für jene Firmen, die regelmässig testen. Economiesuisse hält diesen Schritt für richtig, pocht aber auf mehr Tempo: Firmen, die ihre Belegschaft wöchentlich testen, sollten «umgehend» von der Homeoffice-Pflicht befreit werden.

Auch bei der Testoffensive drängt eigentlich die Zeit. Die Genfer Kantonsärztin Aglaé Tardin sagte es am Freitag so: Je mehr Personen geimpft seien, desto weniger wichtig seien Massentests. «De facto wird die Teststrategie in den kommenden Monaten an Bedeutung verlieren.» In Genf scheint das die Motivation bei den Behörden, die Testoffensive voranzutreiben, nicht zu erhöhen: Bisher wird in wenigen Dutzenden Firmen regelmässig getestet, in Schulen gar nicht.