Todesfälle
Corona in Alters- und Pflegeheimen ist omnipräsent und fordert Tote: «Das ist traurig und kann Pflegende überfordern»

Die Geschäftsführerin der Schweizer Pflegefachleute findet klare Worte bezüglich der aktuellen Personalsituation. Es komme immer wieder zu drastischen Engpässen.

Lucien Fluri
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In den Altersheimen der Schweiz gibt es nach wie vor sehr viele Corona-Tote. (Symbolbild)

In den Altersheimen der Schweiz gibt es nach wie vor sehr viele Corona-Tote. (Symbolbild)

Chris Iseli

Die vielen Todesfälle in den Alters- und Pflegeheimen belasten auch das Personal. «In Pflegeheimen gehört das Sterben zum Berufsalltag, dafür sind die Pflegefachleute ausgebildet», sagt Yvonne Ribi, Geschäftsführerin des Schweizer Berufsverbands der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner. «Es ist aber anders, wenn aufgrund einer einzigen Ursache plötzlich viele Personen in kurzer Zeit sterben. Das ist sehr traurig und kann Pflegende sehr fordern oder überfordern.»

Yvonne Ribi.

Yvonne Ribi.

Reto Martin

So oder so sei die Arbeitsbelastung für das Personal bereits sehr hoch, sagt Ribi. «Die Personalsituation ist an den meisten Orten schwierig.» Denn Corona-Ausbrüche sind für Heime nicht nur wegen der Todesfälle eine besondere Herausforderung. Meist erkrankt auch ein Teil des Personals . Es geht dabei in einigen Fällen um mehrere Dutzend Mitarbeitende. «Wenn Mitarbeitende krank oder in Quarantäne sind, kann es zu dramatischen Personalengpässen kommen», sagt Ribi. Dies wirke sich negativ auf die Pflege aus und stelle eine zusätzliche Belastung des noch verbleibenden Personals dar. «Das Risiko: mehr Pflegende verlassen den Beruf», warnt Ribi.

Sogar Pensionierte werden reaktiviert

«Es ist sehr schwierig oder unmöglich, solch fehlendes Personal zu ersetzen», heisst es aus Institutionen. Verschiedene Kantone haben zwar Vermittlungspools eingerichtet; Teilzeitmitarbeitende erhöhen ihr Pensum oder Pensionierte werden zurückgeholt. Doch laut Ribi genügt dies nicht. Sie sagt:

Es braucht dringendst Lösungen.

«Die Heime werden in ihrer schwierigen Situation alleine gelassen», kritisiert die frühere Solothurner SP-Nationalrätin Bea Heim, heute Co-Präsidentin des Seniorinnenrates. Sie ortet Versäumnisse insbesondere bei der Politik. «In dieser akut schwierigen Situation hätten wir uns vom Parlament eine höhere Flexibilität im Einsatz von Zivildienstleistenden und Sanitätssoldaten gewünscht», so Heim.

Corona-positives Personal im Einsatz – in einzelnen Fällen

Immer wieder zu hören ist, dass bei Personalengpässen auch Covid-infiziertes Personal zum Einsatz gelangt. Einige Kantone widersprechen vehement. Es sei kein positiv getestetes Personal eingesetzt worden, das hätte in Isolation sein müssen, heisst es aus Solothurn, Baselland und dem Aargau. Dagegen habe es Lockerungen der Quarantänepflicht gegeben, um angespannte Personalsituationen aufzufangen. Aus Luzern heisst es:

Unter keinen Umständen arbeitet das Pflegepersonal weiter, wenn es symptomatisch ist.

Andere Kantone bestätigen solche Einsätze. Der Kanton Bern spricht von einer «Lockerung der Isolation für den Arbeitseinsatz» bei elf Personen in drei Institutionen – unter strengen Auflagen. Der Kanton Zürich will keine Zahlen bekannt geben, hält aber fest: «Zu betonen ist, dass dieses Personal wenn immer möglich nur bei ebenfalls positiv getesteten Bewohnenden arbeitet.» Und Basel-Stadt hält fest: «Bisher war dies in den Pflegeheimen in Basel-Stadt nur in einem Fall notwendig.»

Müssen in der Schweiz auch Corona-positive Pflegefachleute arbeiten?

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Sandra Ardizzone

Solche Einsätze seien «zynisch», kritisiert die Vereinigung aktiver Seniorenorganisationen. «Damit setzt man das Leben der alten Menschen im Heim aufs Spiel, ein für einen humanitären Staat unwürdiger Vorgang.»