Interview
Corona-Forscherin ist zufrieden mit der Bundesrats-Strategie, aber warnt: «Wir haben das Virus noch nicht besiegt»

Epidemiologin Emma Hodcroft forscht an der Universität Basel zur Verbreitung des Coronavirus. Die schrittweise Lockerung sei der richtige Weg, sagt sie im Interview. Jetzt brauche es mehr Tests, um möglichst jede Neuinfektion zu erwischen. Die Bevölkerung ruft sie weiterhin zur Vorsicht auf.

Christoph Bernet
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Trägt mit Datenvisualisierung zum Kampf gegen Covid-19 bei: Emma Hodcroft.

Trägt mit Datenvisualisierung zum Kampf gegen Covid-19 bei: Emma Hodcroft.

Roland Schmid / CH Media

Frau Hodcroft, wie beurteilen sie den Lockerungsplan des Bundesrats aus epidemiologischer Sicht?

Emma Hodcroft: Im Grossen und Ganzen ist es eine gute Strategie, welche die Regierung verfolgt. Das schrittweise Vorgehen ist sicherlich der richtige Weg. Eine sofortige Rückkehr zur Normalität wäre falsch gewesen. Ganz wichtig ist jetzt, vorsichtig zu bleiben, die Entwicklung des Virus genau zu beobachten um daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen und die Strategie den Gegebenheiten anzupassen.

Die Anzahl der Neuinfektionen ist stark zurückgegangen. War es im Nachhinein wirklich nötig, die Schweiz für sechs Wochen in einen Quasi-Stillstand zu versetzen?

Das war auf jeden Fall richtig. Die Schweiz hatte Glück, dass der «Lockdown» zur richtigen Zeit kam und so ein Szenario wie beispielsweise in Norditalien verhindert werden konnte. Aber es ist auch klar, dass man nicht für immer im «Lockdown» bleiben kann. Das ist sowohl wirtschaftlich als auch sozial langfristig nicht durchzustehen. Deshalb braucht es jetzt die schrittweise Öffnung – begleitet durch ein möglichst gutes Tracking aller Neuansteckungen.

Was bedeutet das konkret?

Wenn sich die Neuansteckungen reduzieren, wie es derzeit der Fall ist, müssen wir dazu übergehen, möglichst jeden einzelnen Krankheitsfall zu erkennen, die infizierte Person zu isolieren und ihre Kontaktpersonen möglichst lückenlos zu testen. Dazu müssen die Testkapazitäten erhöht und die Kriterien dafür, wer getestet werden kann, ausgeweitet werden.

Wie gross ist die Gefahr einer zweiten Welle?

Es ist absolut zentral, dass die Bevölkerung weiterhin die Hygieneregeln beachtet, Abstand hält und soziale Kontakte auf ein Minimum beschränkt.

Nur so können wir verhindern, dass sich das Virus unbemerkt bei jungen und gesunden Menschen verbreitet, die keine Symptome zeigen. Denn bei einer solchen Entwicklung kann es rasch auch auf gefährdete Personen überspringen, ältere Menschen und solche mit Vorerkrankungen.

Sieht Tracing-Apps als Chance: Epidemiologin Emma Hodcroft.

Sieht Tracing-Apps als Chance: Epidemiologin Emma Hodcroft.

Roland Schmid / CH Media

Welche Rolle können Tracing-Apps spielen im Kampf gegen das Coronavirus?

Apps können extrem hilfreich sein beim Rückverfolgen von Ansteckungsketten und der Eindämmung des Virus. Die Kontaktpersonen einer infizierten Person lassen sich schnell und einfach identifizieren und kontaktieren. Die unter anderem von ETH- und EPFL-Forschern mitentwickelte Pepp-PT-Lösung ist wirklich vielversprechend. Im Gegensatz zu gewissen digitalen Werkzeugen, die in asiatischen Ländern zum Einsatz gekommen ist, respektiert sie Privatsphäre und Datenschutz stärker. Ich glaube, ein Grossteil der Bevölkerung würde sich freiwillig beteiligen. Das wäre sehr hilfreich für das Monitoring des Virus, mit welchem eine schrittweise Lockerung überhaupt nur möglich ist.

Am 11. Mai sollen die obligatorischen Schulen wieder geöffnet werden. Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit sagte an der Pressekonferenz, Kinder seien nicht die Treiber der Epidemie und würden sich kaum anstecken. War die Schulschliessung im Nachhinein falsch?

Es ist richtig, dass der Krankheitsverlauf bei Kindern fast immer sehr mild ist. Aber meiner Meinung nach wissen wir noch zu wenig über die Rolle, die Kinder beim Coronavirus spielen, um diese Frage abschliessend zu beantworten. Die Schulen zu schliessen ist für jede Regierung eine schwierige Entscheidung. Die Auswirkungen auf die Kinder, auf deren Eltern und auf die Wirtschaft sind weitreichend. Deshalb ist es sicher richtig, die Wiedereröffnung anzugehen. Aber sie muss vorsichtig erfolgen und wir müssen genau beobachten, wie sich der Schritt auf die Entwicklung des Virus auswirkt.

Bedeuten die Lockerungen, dass das Schlimmste überstanden ist?

Wir haben das Virus noch nicht besiegt. Es hat sich nur etwas verkrochen, aber wenn wir nicht aufpassen, kommt es wieder hervor.

Es ist deshalb entscheidend, dass wir wachsam bleiben, Hygiene- und Distanzregeln beachten und soziale Kontakte minimieren. Die Schweizer Bevölkerung hat sich auf eindrückliche Weise an diese Aufforderungen gehalten. Nur wenn wir das weiterhin tun, ist eine Normalisierung unseres Lebens möglich.

Werden wir diesen Sommer Feste feiern und auf Openairs gehen können?

Grossveranstaltungen sind in absehbarer Zukunft schwer vorstellbar. Aber wenn wir vorsichtig bleiben, könnten Familienfeiern im kleinen Kreis irgendwann je nach Entwicklung der Epidemie im Sommer möglich sein. Und die grossartige Natur der Schweiz lässt sich ja jetzt schon geniessen – einfach nur mit Mitgliedern des eigenen Haushalts.

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