COP26
«Als Klimaexperte muss ich aber sagen: Das ist eine Katastrophe» – Dieses Fazit zieht der WWF-Mann in der Schweizer Delegation nach dem Gipfel in Glasgow

Patrick Hofstetter nimmt seit fast 20 Jahren für die Schweiz an Klimagipfeln teil. Der WWF-Klimaexperte sieht positive Entwicklungen, aber viel zu wenig Tempo – auch von der Schweiz.

Dominic Wirth
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Gibt es da etwas zu feiern? Schlussszene beim Klimagipfel in Glasgow.

Gibt es da etwas zu feiern? Schlussszene beim Klimagipfel in Glasgow.

Robert Perry / EPA

Herr Hofstetter, Sie sitzen gerade im Zug von Glasgow in die Schweiz, da haben sie genug Zeit, um zwei intensive Wochen Revue passieren zu lassen. Wie lautet Ihr Fazit zur COP26?

Ich muss ein doppeltes Fazit ziehen. Eines mit meiner Innensicht als Delegationsmitglied, das schon viele Klimakonferenzen erlebt hat. Als Verhandlungsfachmann sage ich: Wir haben erreicht, was realistischerweise zu erwarten war. Als Klimaexperte muss ich aber sagen: Das ist eine Katastrophe.

Warum?

Es bleibt völlig unklar, wie wir die Länder dazu bringen, Klimaziele einzureichen, die das Pariser Abkommen umsetzen und die Klimakrise abwenden. Man hat sich jetzt darauf geeinigt, in einem Jahr nochmals zusammenzukommen. Die Hoffnung ist, dass bis dahin nachgebessert wird, aber ich sehe wenige Anzeichen, dass es so kommt.

Reicht das, was in Glasgow erreicht wurde, um dem 1,5-Grad-Ziel näherzukommen?

Es reicht bei weitem nicht. Die erwartete Erwärmung beträgt derzeit 2,4 Grad. Dank verschiedener Zusatzankündigungen, die am Gipfel gemacht wurden, hat man sie immerhin um 0,3 Grad drücken können. Das klingt nach wenig, aber es kann am Ende matchentscheidend sein, um zu verhindern, dass zum Beispiel der Amazonas-Regenwald abstirbt. Aber eigentlich geht es ja darum, die Erwärmung auf 1,5 Grad zu beschränken, den gefährlichen Klimawandel abzuwenden und die Lebensgrundlage zu sichern. Und bis dahin ist der Weg noch sehr weit.

Sie reisen seit fast 20 Jahren als Mitglied der Schweizer Delegation an die Klimakonferenzen. Was hat sich verändert?

Patrick Hofstetter, WWF Schweiz

Patrick Hofstetter, WWF Schweiz

Anthony Anex / KEYSTONE

Alles wird immer grösser. Glasgow hat bei den Veranstaltungen neue Massstäbe gesetzt. Da wurde zeitgleich in zwei, drei Dutzend Pavillons über neue Lösungen diskutiert. Allgemein merkt man, dass die Wirtschaft immer präsenter wird. Im Markt ist der Glauben, dass in der grünen Wirtschaft die Post abgeht, viel grösser geworden. Neue Technologien und Businessmodelle sind viel stärker vertreten. Das gab es vor 10, 15 Jahren noch fast nicht.

Das ist schön und gut, aber die Erde erhitzt sich immer weiter.

Klar, wir sind noch lange nicht aus der Krise, es werden viele alte Interessen verteidigt, etwa von Öl-Ländern wie Saudi-Arabien oder anderen OPEC-Staaten. Aber die anderen Staaten wehren sich immer vehementer, treten selbstbewusster auf. Ich habe das Gefühl, dass wir jedes Jahr ein Schrittchen weiterkommen, was es aber braucht ist ein Dreisprung.

Auch jetzt gibt es wieder die Stimmen, die Sinn und Zweck von Klimakonferenzen hinterfragen. Was bringt das alles überhaupt?

Wenn man sagt, die Klimaerwärmung sei eine globale Krise, dann muss man sie auch global anpacken. Auf Stufe der UNO gibt es übrigens keinen Bereich, der so gut funktioniert wie das Klima. Es gibt nicht nur wortreiche Erklärungen wie etwa von der UNO-Generalversammlung, sondern auch Entscheide. Wie gesagt, das Problem ist, dass diese Entscheide der Dringlichkeit überhaupt nicht angemessen sind. Schlussendlich zeigt die Konferenz einmal mehr, dass neben der UNO zusätzliche Allianzen von willigen Ländern nötig sind, um raschere und weitergehende gemeinsame Schritte zu machen. Auch die Schweiz kann solche Klimaschutz-Allianzen und Partnerschaften schliessen und so gemeinsam vorangehen.

Reden wir noch mehr über die Schweiz. Bundespräsident Parmelin und Umweltministerin Sommaruga haben in Glasgow andere Länder in die Pflicht genommen. Gleichzeitig ist die Schweizer Klimapolitik nach dem Nein zum CO2-Gesetz nicht auf Kurs. Wie glaubwürdig kann man da überhaupt auftreten?

Die Diskrepanz zwischen den internationalen Versprechungen und dem, was national auch aufgegleist worden ist, könnte tatsächlich nicht grösser sein. Die Lücke ist enorm. Als Übergangsmassnahme will das Parlament das aktuelle CO2-Gesetz verlängern. Doch dem Klima bringt diese Verlängerung so wie aktuell geplant nichts. Und auch das neue Gesetz, das bis Ende Jahr vorgelegt werden soll, wird nur wenig Wirkung zeigen.

Bis 2019 hat die Schweiz ihre Emissionen gegenüber 1990 um 14 Prozent reduziert. Bis 2030 sollen es laut Pariser Abkommen 50 Prozent sein. Das Gesetz dazu tritt aber erst in ein paar Jahren in Kraft. Was muss in ihren Augen passieren, um das Ziel noch zu erreichen?

Es ist sehr wichtig, dass es in den Kantonen jetzt rasch vorwärts geht beim Ersatz der Öl- und Gasheizungen. Ich hoffe, dass das Zürcher Volk Ja sagt zum neuen Energiegesetz. Das würde Schub geben. Im Verkehrsbereich hat die Schweiz viel Potenzial, weil sich viele Leute ein neues Auto leisten können. Dieses muss klimaverträglich sein.

Braucht es ein Benziner-Verbot?

Es muss ja nicht ein absolutes Verbot sein. Eine stark beschleunigte Senkung der CO2-Zielwerte reicht. 2025 sollte nur noch eines von zehn neuen Autos ein Benziner sein. Und dann würde ich die Firmen mit finanziellen Anreizen wie Prämien dazu bringen, vor 2030 ihre CO2-Emissionen auf Null zu senken. Sehr viele können das schaffen. Schliesslich dürfen wir nicht vergessen, was auch matchentscheidend ist für den Schweizer Beitrag: Der Finanzsektor und die Luftfahrt müssen klimafreundlich werden, selbst wenn sich das nicht direkt auf unsere Bilanz auswirkt.

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