Pro Helvetia
«Computerspiele sind ein Kulturgut»

Die Stiftung Pro Helvetia lanciert im Sommer ein Projekt, welches Schweizer Game-Entwickler fördert. Computerspiele sind das von Jugendilchen meist konsumierte Konsumgut, «wir werden in Zukunft nicht darum herumkommen», sagt der Leiter des Projekts Sylvain Gardel.

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Benno Tuchschmid

Heute wird sich der Nationalrat voraussichtlich für ein Verbot von Killerspielen aussprechen. Pro Helvetia lanciert im Sommer ein Projekt, welches Games als Kunstform fördern will. Wie passt dass zusammen?

Sylvain Gardel: Pro Helvetia nimmt damit ein aktuelles kulturpolitisches Thema auf, das unter den Nägeln brennt. Über 90 Prozent der verkauften Spiele in der Schweiz sind keine so genannten Killerspiele. Offiziell heissen die Killerspiele übrigens Ego-Shooter. Killerspiel ist ein politischer Begriff.

Fakt ist: Es gibt äusserst gewalttätige Computerspiele. Was ist daran künstlerisch interessant?

Gardel: Computerspiele sind ein Kulturgut – und zwar das meistkonsumierte unter den Jugendlichen. Wir werden in Zukunft nicht darum herumkommen, auch Games mit den gleichen Kriterien, die wir bei Film, Musik oder bildender Kunst anwenden, zu messen.

Sie würden Spiele trotz Gewaltdarstellungen förden?

Gardel: Kunstförderung steht immer im Spannungsfeld der Kunstfreiheit. Ob Kunst mit Gewaltdarstellungen gefördert werden darf, diskutiert man seit Jahrhunderten.BüchervonÉmile Zola wurden verboten, ebenso Filme von Pasolini. Bei der Beurteilung von Spielen gelten als zentrale Kriterien die Ästhetik, die Entwicklung der Charaktere, die Geschichte eines Spiels sowie das Gameplay. Diese leiten uns beim Entscheid. Und wie bei allen anderen Förderentscheiden unterstützen wir nichts, was gegen das Gesetz verstösst.

Sind Sie gegen diese Verbote?

Gardel: Das Parlament muss diese Debatte führen, die uns natürlich auch betrifft. Nicht alle Länder machen es gleich: In Österreich hat der Staat eine Bundesstelle gegründet, welche neu erscheinende Spiele positiv prädikatisiert, wie die Österreicher so schön sagen. Das heisst: Speziell wertvolle Spiele werden empfohlen. Damit macht man sehr gute Erfahrungen. Denn eines ist klar: In der Masse von Computerspielen brauchen Eltern Orientierungshilfen, um zu sehen, was für ihre Kinder geeignet ist und was nicht.

Sie wollen mit Ihrem Projekt ein Netzwerk für Schweizer Spiele-Entwickler bieten. Gibt es in der Schweiz etwas zu fördern?

Gardel: Es gibt keine Industrie im klassischen Sinne. Aber es gibt eine sehr kreative, unabhängige Szene, vor allem in Zürich und Genf, die anspruchsvolle Spiele entwickelt. Ein Teil der Spiele steht in der Tradition der klassischen Brettspiele, die auch Inhalte vermitteln wollen. Dann gibt es aber auch die so genannten Serious Games: Das sind hoch entwickelte Lernspiele, bei denen es weniger um reinen Spass, sondern um einen konkreten Nutzen geht.

Aber ist das auch wirtschaftlich interessant?

Gardel: Die Game-Branche setzt in der Unterhaltungsindustrie weltweit am meisten Geld um – jährlich 10 Milliarden. Game-Entwicklung ist Hochtechnologie – für die Schweiz ist es von übergeordnetem Interesse, dass sich in dieser Branche eine Industrie entwickelt. Im Ausland wird der Bereich sehr stark vom Staat gefördert. Schon heute gibt es in der Schweiz Firmen, die gewisse Teile für Games von grossen
Unterhaltungskonzernen entwickeln – ähnlich Zulieferern der Autoindustrie. Dort arbeiten top ausgebildete Leute mit ETH-Hintergrund.

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