Game-Studies
Computerspiele gehören an die Universität

Fachhochschulen bieten einen Studiengang für Game-Design an. Universitäten müssen Computerspiele aber erst noch entdecken. Hier finden sie noch kaum Beachtung.

Raffael Schuppisser
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Eines der Spiele, dass an der ZHdK entstanden ist.

Eines der Spiele, dass an der ZHdK entstanden ist.

In einem Raum sind Computerspiele aus vier Jahrzehnten archiviert, und etwa ein Dutzend Spielkonsolen stehen zur Benutzung bereit. Im Atelier nebenan diskutieren Studenten in kleinen Gruppen oder blicken still in ihren Laptop. Viel mehr als einen Computer braucht man nicht, um Computerspiele zu entwickeln. Ausser natürlich einem Kopf voller Ideen, einem Flair, sich gestalterisch auszudrücken, und etwas programmiertechnischem Know-how.

Hier an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) gibt es seit 2004 einen Studiengang Game-Design. Jährlich werden rund 15 Studenten für die dreijährige Bachelor-Ausbildung aufgenommen. Vorkenntnisse in Programmierung sind keine gefordert, aber «wir müssen bei einem Interessenten eine gestalterische Leidenschaft erkennen», sagt Professor Ulrich Götz, Vertiefungsleiter des Studiengangs. «Diese kann sich im Zeichnen, im Programmieren oder auch im Schreiben ausdrücken.»

Erfolgreich im In- und Ausland

An der ZHdK werden die Studierenden in allen relevanten Bereichen ausgebildet und schliessen den Bachelor-Studiengang mit einem komplett selbst gestalteten und programmierten Spiel ab. «Die Game-Industrie zeigt sich immer wieder erstaunt über die Allrounder-Qualitäten unserer Abgänger», meint Götz. So gelingt es immer wieder ZHdK-Abgängern, im Ausland bei etablierten Computerspiel-Studios Fuss zu fassen. Andere machen sich selbstständig und sorgen dafür, dass sich hierzulande eine eigene Game-Industrie formt.

Seit 2011 bietet die ZHdK auch einen drei Semester dauernden Masterstudiengang an, wo sich die Studenten einem ausgewählten Teilbereich intensiv widmen können. Möglich ist etwa eine Vertiefung innerhalb der Serious Games, das sind Computerspiele, die in Therapie oder Bildung zum Einsatz kommen und «ernste» Inhalte spielerisch vermitteln.

Auch an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) und der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) findet eine intensive Auseinandersetzung mit Computerspielen statt. Hier steht vor allem in der Medienpädagogik der Umgang mit dem neuen Medium im Zentrum. «Schüler spielen sehr gerne, und Computerspiele können ein wertvolles Medium sein. Es geht darum, dieses zu nutzen und über die Problematiken bei einem allzu intensiven Medienkonsum aufzuklären», sagt Andy Schär von der FHNW.

Uni: Computerspiele unbeachtet

Anders sieht es an den Universitäten aus. Hier findet das Computerspiel noch kaum Beachtung. Sucht man im aktuellen Vorlesungsverzeichnis der Universität Zürich nach «Computerspiel» oder «Computer-Game» findet man genau eine Vorlesung zum Thema Computergrafik, angeboten vom Institut für Informatik; aber keine einzige Veranstaltung innerhalb der Geistes- und Kulturwissenschaften, in der etwa Kultur, Ästhetik oder Geschichte der Computerspiele thematisiert würde.

Ingrid Tomkowiak, Professorin am Institut für populäre Kulturen der Universität Zürich, relativiert: «Computerspiele kommen in unserem Lehrangebot regelmässig innerhalb verschiedener Themen vor, auch wenn das im Vorlesungsverzeichnis nicht explizit so vermerkt ist.» Auch würden Hausarbeiten zu Computerspielen geschrieben.

Dennoch lässt sich nicht wegdiskutieren, dass das neue Medium von den Fachhochschulen beherzter aufgenommen worden ist als von den Universitäten. Das führt dazu, dass hierzulande zwar gelernt werden kann, wie man Computerspiele entwickelt und wie damit pädagogisch sinnvoll umgegangen wird, dass aber kaum Grundlagenforschung betrieben wird. «Die Universitäten laufen Gefahr, die Kompetenzhoheit in diesem Gebiet an die Fachhochschulen zu verlieren», meint Mela Kocher, die am Institut für Kinder- und Jugendmedien (SIKJM) eine Dissertation zu Computerspielen verfasst hat.

Im Ausland hat sich das Computerspiel im akademischen Raum stärker etabliert – allen voran in den USA und in Skandinavien, wo die sogenannten Game-Studies teilweise ganze Studiengänge füllen. «Computerspiele sind seit 40 Jahren Teil der Populärkultur; es sollte deshalb selbstverständlich sein, dass sich die Universitäten damit befassen», meint Jesper Juul vom Game Center der New York University. Bedenkt man die Relevanz von Computerspielen in Kultur und Gesellschaft, so ist das eigentlich nur logisch. Die GameIndustrie, mit einem jährlichen Marktvolumen von rund 60 Milliarden Dollar, hat sich zu einem ähnlich bedeutenden Zweig der Populärkultur entwickelt wie die Film- und die Musikindustrie.

«Ein neues Leitmedium»

Computerspiel-Forscher Mathias Fuchs, der in Manchester und Potsdam unterrichtet, geht sogar noch weiter: «Computerspiele sind das neue Leitmedium des 21. Jahrhunderts und geben Richtung und Geschwindigkeit vor, der andere Medien zu folgen haben.» Computerspiele sollen deshalb zum Ausgangspunkt für vertiefte soziologische, anthropologische und philosophische Überlegungen herangezogen werden. Gerade im deutschsprachigen Raum werde dieser Trend noch nicht genügend erkannt. Hier gebe es noch Berührungsängste, und Computerspiele würden teilweise als «Kinderspielzeuge» missverstanden, die einer akademischen Betrachtung nicht würdig seien. Allerdings sei ein Umdenken zu erkennen. So wurde beispielsweise 2008 in Potsdam das Digital Games Research Center (Digarec) gegründet, um die «wissenschaftliche Untersuchung des neuen Mediums» voranzutreiben.

Dass es sich bei der Computerspiel-Forschung um einen Trend handelt, den man in der Schweiz verpassen könnte, glaubt Ingrid Tomkowiak vom Institut für populäre Kulturen in Zürich zwar nicht. «Aber es handelt sich um einen wichtigen Bereich, dem die Geistes- und Kulturwissenschaften unbedingt mehr Aufmerksamkeit widmen sollten.»

Mela Kocher, die Schweizer Computerspielforscherin, geht noch einen Schritt weiter: Vorerst mache es zwar durchaus Sinn, Computerspiele vermehrt ins Angebot der etablierten Disziplinen einzubeziehen. «Langfristig gesehen sollten aber auch in der Schweiz eigene Studiengänge eingerichtet werden, so wie das etwa bei der Filmwissenschaft der Fall ist.»

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