Nächstes Jahr ist Knie-Jahr. Vor 100 Jahren – damals noch möglich – reservierten Knies den Begriff Schweizer NationalCircus für sich und feierten in Bern Premiere in ihrem ersten Zirkuszelt. Doch nächstes Jahr heisst es nicht nur hereinspaziert und Manege frei für das Jubiläumsprogramm, sondern auch Vorhang auf für die Sängerinnen und Tänzer eines neuen Musicals über die Geschichte der Zirkus-Familie.

Ausgedacht hat sich das neue Angebot Rolf Knie, Mitglied jener KnieGeneration, die den Zirkus seit den 1970ern geprägt hat. In den 1980ern brach der ehemalige Clown mit dem Leben im Zirkuswagen und verfolgte fortan seine eigenen Projekte, machte Theater, malte Bilder und gründete mit Salto Natale in Kloten schliesslich seinen eigenen Weihnachtszirkus. Ergänzt Rolfs Musical nun die gut geölte Zirkusmaschinerie? Oder funkt er in die Familiengeschichte, ganz wie die Trompete aus der Zirkuskapelle, die hie und da mit einem deplatzierten Ton die Harmonie stört?

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Die Familie Knie sieht sich selbst als Dynastie. Über ein gemeinsames Programm zur Feier des 100. wurden sich die Familienmitglieder aber nicht einig. Über das Jubiläum gesprochen habe man erstmals vor zwei Jahren im Verwaltungsrat des Zirkus, sagt Rolf Knie, der nach wie vor Miteigentümer des National-Circus und Mitglied des Verwaltungsrats ist. Darin sitzen auch Rolfs Bruder, der bekannte Pferdedresseur Fredy Knie junior, sowie Fredys und Rolfs Cousin der bekannte Elefantendompteur Franco Knie. Heute teilen sich Fredy und Franco die Leitung von National-Circus und Kinderzoo in Rapperswil auf.

Rolf und sein Musical

Gesprächstermin in Kloten: Während sich Arbeiter in der Herbstsonne an den schweren Planen des Hauptzelts von Salto Natale zu schaffen machen, erklärt Rolf Knie in einem Pavillon auf dem Zirkusgelände neben Flughafen und Autobahn, wie er zur Musical-Idee gekommen ist. «Es half der Zufall: Marco Rima kam auf uns zu und schlug vor, macht doch mal ein Musical. Ich sagte ihm, du kommst gerade recht, lass uns ein Musical machen.» Die Mehrheit des Verwaltungsrats sah das allerdings anders. Für die Zirkustournee 2019 plante man selbst ein Jubiläumsprogramm. Doch Rolf zog sein Ding durch. Auch ohne Marco Rima, der schliesslich aus zeitlichen Gründen absagte, wie Rolf Knie sagt.

Und so feiert sich die Familie Knie nächstes Jahr gleich doppelt. Hinzu kommen Unterhaltungsangebote, die ebenfalls die Handschrift der Familie Knie tragen. Neben dem Weihnachtszirkus von Rolf in Kloten geht in Dübendorf während der Herbstmonate mit Ohlala eine erotische Zirkusshow für Erwachsene über die Bühne. Mastermind der Show mit knapp bekleideten Artistinnen und Artisten: Rolfs Sohn Grégory.

Mehr Angebote der Familie Knie gab es noch nie: Tickets für «Ohlala», Salto Natale, die Zirkus-Tournee 2018, die Jubiläumstournee 2019 und nun auch noch das Musical. Wer hat da noch den Überblick?

André Béchir jedenfalls, der bekannteste unter den Schweizer Event-Veranstaltern, nicht. Er sagt: «Das Angebot ist verwirrend.» Béchir bezweifelt, dass für den Besucher auf den ersten Blick klar wird, bei welchem der Angebote es sich um den echten Circus Knie handelt. «Ich finde zwei Jubiläumsangebote zum gleichen Zeitpunkt sind einfach eines zu viel.» Besser wäre es, es gäbe ein Kombiticket, so Béchir. Doch das gibt es nicht. Und Béchir ist sich sicher: «Man geht doch nicht ins Musical, wenn das Jubiläumsprogramm im Zelt so super ist – und das im selben Jahr.»

Überhaupt das Unterhaltungsangebot. Es wird immer breiter. Schweizer Zirkusse leiden darunter. Und das bei steigenden Kosten, etwa bei der Platzmiete oder bei den Löhnen der Artistinnen und Artisten. Immer weniger gehen auf Tournee, einige versuchen ihr Glück mit Weihnachts-Shows, andere straucheln (Beispiele in der Bildergalerie).

Rolf Knie selbst sieht in seinem Musical sogar ein «befruchtendes Angebot» für den Zirkus: «Wer lange nicht mehr im Zirkus war und mein Musical sieht, der wird sagen, das ist schon wahnsinnig interessant, was diese Familie alles durchgemacht hat. Komm, gehen wir wieder einmal in den Zirkus.» Nur, warum gibt es keine Kombi-Tickets? «Auf diese Idee sind wir gar nicht gekommen. Wissen Sie was, ich werde diese Idee an der nächsten VR-Sitzung vorschlagen», sagt Rolf Knie mit einem Lächeln im Gesicht.

Fredy und sein Zirkus

Seit Sommer stehen Tickets für Rolf Knies Musical zum Verkauf. Und obwohl die Zirkus-Knie-Tournee 2018 erst Mitte November im Tessin zu Ende geht, gibt es schon seit mehreren Monaten Tickets für die Jubiläumstournee 2019. Auch finden die Vorstellungen des Musicals und des Zirkus nächstes Jahr praktisch zeitgleich statt.

Von einem konkurrierenden Angebot seines Bruders Rolf will aber auch Fredy Knie junior nichts wissen. Im Bistro des Knie-Kinderzirkus in Rapperswil sitzt der Zirkus-Direktor an einem Tischchen und isst zu Mittag. Es gibt Bratwurst und am Abend will er zurück sein in der Westschweiz, wo der Zirkus gastiert. Fredy Knies Vorfreude jedoch gilt bereits der Jubiläumstournee von nächstem Jahr. Er erzählt, wie es gelang, das Satiriker-Duo Giacobbo/Müller für die Manege zu gewinnen. Giacobbo, der nach 13 Jahren zum zweiten Mal mit auf Knie-Tournee geht. Nur diesmal statt mit Kamel Suleika mit Kollege Mike Müller an seiner Seite. Der Grund für den frühen Vorverkauf liege denn auch in der Verpflichtung von Giacobbo/ Müller. «Verkündet man so etwas, dann muss man auch mit dem Ticketverkauf beginnen», so Knie.

Doch ist das Musical, wie Rolf sagt, eine Ergänzung? «Es ist etwas komplett anderes», sagt Fredy, «Rolf macht sein Ding, Grégory macht sein Ding und wir machen unser Ding». Und dann holt er aus: «Mein Bruder war letztmals 1983 mit auf Tournee. Danach wollte er etwas anderes machen mit dem Theater und der Malerei. Wir liessen ihm freie Wahl. Er hätte auch zurückkommen können, doch das wollte er nicht, weil er nicht acht Monate im Jahr Zirkus machen wollte. Lieber war er auf Mallorca am Malen. Dann machte er mit Salto Natale Zirkus und nun will er das Musical machen. Weder könnten wir ihm etwas verbieten, noch wollten wir das. Wir sind Geschäftsleute. Das Publikum wird entscheiden, was es mag. Und im Streit liegen wir auch nicht, wenn Sie das hören wollen!»

Alles im Lot also bei den Knies? Die Familie selbst findet ja, mal abgesehen von den üblichen Meinungsverschiedenheiten. Nur ein auffälliges Scheppern der Schlagzeugschelle hier also, ein schräger Zwischenton der Zirkuskapelle da? Das Musical von Rolf stosse bei den Knies des National-Circus auf Missfallen, sagen Kenner der Familie. Und zwischen Rolf Knie und seinem Sohn Grégory sei es noch schlimmer. Die beiden hätten sich regelrecht zerstritten.

Grégory und seine Erotik-Show

Der Grund: Ohlala, der erotische Zirkus für Leute über 18. Dieses Jahr feierte das Ensemble um Grégory Knie Derniere in Lausanne. Das war Ende Oktober. Nächste Woche lädt Rolf Knie zur Premiere von Salto Natale. Ohlala und Salto Natale sind eng miteinander verknüpft, beschäftigt werden zum Teil dieselben Mitarbeiter, die Infrastruktur wird geteilt.

Bis 2017 hatten die Firmen denselben Sitz. Dann verlegte Grégory Knie den Sitz seiner Firma und Rolf Knie zog sich bei Ohlala zurück. Von Streit könne keine Rede sein, sagt Rolf Knie. «Wo denken Sie hin? Seit ich zurück bin aus Mallorca, fahre ich Abend für Abend zu ihm. Nicht, um ihm reinzureden, sondern aus familiären Gründen.» Er wolle seinen Sohn sehen und dieser wolle ihn sehen. «Kommt er nach Mallorca, dann lebt er auch bei mir. Ist doch ganz normal. Er sagte zu mir: ‹Papi, du bist der beste Papi auf der Welt.›»