Um 13 Uhr war fertig. Als er am Donnerstag dieser Woche nach der Session nach Hause ging, da wusste Christoph Blocher, dass er das letzte Mal den Ratssaal verlassen hatte. Weder Blumen noch Dankesgrüsse waren ihm beschieden. Denn ausser seinem Parteipräsidenten Toni Brunner hatte er niemanden in Bern in seine Pläne eingeweiht, wie er gestern auf «Teleblocher» sagte. Er hat sich entschieden, nach 31 Jahren als Nationalrat zurückzutreten.

Damals, als Christoph Blocher als Zürcher Parteipräsident für den Nationalrat kandidierte, wollte die Partei einen fünften Nationalratssitz und eines der beiden Ständeratsmandate ergattern. Ein ambitioniertes Ziel, denn die SVP serbelte. 1975 fiel ihr Wähleranteil unter die 10-Prozent-Marke - die Partei musste gar um ihren Bundesratssitz bangen, den sie 1929 ergattert hatte.

Blocher verteidigte den Anspruch. Er argumentierte damals, die Wählerstärke alleine sei nicht entscheidend für eine Vertretung in der Regierung.

Blocher, der kaum vier Jahre vorher erstmals in ein politisches Amt gewählt worden war, schaffte auf Anhieb den Sprung nach Bundesbern und holte den erstrebten fünften Nationalratssitz. Der Wähleranteil stieg wieder auf elf Prozent - eine Marke, die die Partei erst in den Neunzigerjahren verbessern sollte.

Zu Beginn seiner nationalen Karriere steckte Blocher Niederlagen ein. Beim neuen Eherecht erlitt er 1985 eine solche an der Urne: Das Stimmvolk sprach sich entgegen seiner Empfehlung für die Gleichstellung von Mann und Frau aus. Auch seine Ständeratskandidatur 1987 scheiterte. Was aus den Achtzigerjahren in Erinnerung bleibt, ist die knappe Ablehnung des UNO-Beitritts 1986 - und viel wichtiger: die wegen dieser Abstimmung gegründete Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz (Auns).

Blocher legte damit den Grundstein für künftige Abstimmungen: Die Auns wehrt sich bis heute gegen die Integration in eine übergeordnete Organisation. Ihren ersten grossen Auftritt hatte sie 1992, als die Schweizer über den Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) abstimmten. Blocher - und an seiner Seite einzig die Auns - trat nicht nur gegen Parlament und Bundesrat an. Auch die Wirtschaft und die Gewerkschaften erklärten ihn zum Staatsfeind. Das Volk war gespalten. Schliesslich lehnte eine hauchdünne Mehrheit den Beitritt ab und katapultierte Blocher so auf ein nationales Podest.

Unter seiner inoffiziellen Führung (Blocher war nie selbst Parteichef) wandelte sich auch die Partei. Neben Unabhängigkeit und Neutralität beackerte die SVP zunehmend Themen wie Sicherheit und Ausländer. Die Partei lancierte 1992 ihre erste Volksinitiative «Gegen illegale Einwanderung». Das Thema nahm sie damals in Beschlag und besetzt es bis heute.

Nachdem sie jahrelang um elf Prozent Wähleranteil herumdümpelte, startete die SVP um die Jahrtausendwende durch: Den Wähleranteil von 14,9 Prozent (1995) verdoppelte sie in zwölf Jahren auf 28,9 Prozent (2007). Unterwegs konnte die SVP ihren Erfolg nicht nur im Parlament ausbauen: Sie erhielt 2003 auch einen zweiten Bundesratssitz. Für vier Jahre amtete Blocher als Justizminister, verärgerte dabei Kollegen und rüttelte an der Konkordanz der Regierung.

Im Wahlkampf 2007 trug die Partei den Streitigkeiten Rechnung, warb auf Plakaten «SVP wählen! Blocher stärken!» und gewann so weitere Wähler. Doch trotz historisch hohem Wähleranteil nahm man ihr den Bundesratssitz. Am 12. Dezember 2007 fiel Blocher einer in nächtlichen Geheimtreffen organisierten Abwahl zum Opfer. Anstelle seiner wählte die Bundesversammlung die Bündner SVP-Regierungsrätin Eveline Widmer-Schlumpf.

Blocher musste das Bundeshaus verlassen, zum Teufel gejagt von seinen politischen Gegnern. Heute will er den Tag verdaut haben. Auf «Teleblocher» sagte er gestern: «So schnell hatte ich noch nie Karriere gemacht.» Als Bundesrat, der in der Hierarchie auf dritter Stufe noch unterhalb des Parlamentes stehe, sei er direkt wieder zu einem Angehörigen des Volkes geworden. «In einer Sekunde wurde ich wieder auf die höchste Stufe gespickt.»

Trotzdem trat er vier Jahre später nicht nur als National-, sondern auch als Ständerat an. Die SVP scheiterte schweizweit mit dem «Sturm aufs Stöckli», auch Blocher, der nur in die grosse Kammer gewählt wurde. Als Nationalrat tritt er nun noch vor Legislaturende ab.