Nationalrat
Christian Lohr arbeitet barfuss im Bundeshaus

Der rechte Fuss ist das wichtigste Werkzeug des neuen Thurgauer CVP-Nationalrats. Über Nacht ist Christian Lohr zu einem der bekanntesten Behinderten der Schweiz geworden.

Karen Schärer
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Der neu gewählte Nationalrat Christian Lohr (r.) nimmt zusammen mit seinem Assistenten Daniel Lauterburg am Einführungstag der Parlamentsdienste im Nationalratsaal teil. KEYSTONE

Der neu gewählte Nationalrat Christian Lohr (r.) nimmt zusammen mit seinem Assistenten Daniel Lauterburg am Einführungstag der Parlamentsdienste im Nationalratsaal teil. KEYSTONE

Der Fuss ist nackt und warm, und ihn zu schütteln, ist plötzlich ganz selbstverständlich. Christian Lohr ist mit dem Zug von seiner Heimat- und Wohnstadt Kreuzlingen nach Frauenfeld gekommen. Er hat später am Nachmittag einen Termin hier. Zugunsten unseres Treffens verabschiedet er seine Partnerin, eine Wienerin, mit der er seit fünf Jahren eine Fernbeziehung führt, zwei Stunden früher. «Ich wünsche dir einen guten Flug», sagt er noch.

Seit Brigitte Häberli am 13. November im zweiten Wahlgang in den Ständerat gewählt wurde und damit feststand, dass der Gemeinde- und Kantonsrat Christian Lohr in den Nationalrat nachrückt, ist seine Welt eine andere. Wie viele neu Gewählte muss er sein Leben, seine beruflichen Tätigkeiten neu ordnen. Was bei ihm hinzu kommt: Er kann sich vor Medienanfragen kaum retten.

Mutter hat Contergan eingenommen

Über Nacht ist Christian Lohr zu einem der bekanntesten Behinderten der Schweiz geworden. Er ist nach Marc F. Suter erst der zweite Rollstuhlfahrer, der in den Nationalrat einzieht. Und er ist der Erste, der dort mit dem Fuss abstimmen wird: Lohr wurde 1962 ohne Arme und mit verkürzten Beinen geboren. Wie Tausende andere Frauen hatte seine Mutter in der Schwangerschaft das als völlig unbedenklich geltende Medikament Contergan eingenommen.

Nachdem aufgedeckt wurde, dass das Medikament für die gehäuft auftretenden Fehlbildungen bei Neugeborenen verantwortlich war, wurde Contergan genau heute vor 50 Jahren aus dem Handel gezogen. Auf den Medienrummel angesprochen, meint Lohr: «Es zeigt, dass es höchste Zeit wird, dass es normal wird, dass jemandem wie mir auch ein solches Amt zugetraut werden kann.»

Unterstützt durch seine Eltern und seinen älteren Bruder hat Christian Lohr immer wieder gezeigt, was ihm zuzutrauen ist: So besuchte er als Kind die Regelschule – lange vor den Zeiten des integrativen Unterrichts. Mit 14 schrieb er, der aktuell seinen Lebensunterhalt als Publizist und Journalist verdient, als Reporter seinen ersten Matchbericht für die Lokalzeitung. Als er 2008 das Amt des «höchsten Thurgauers» innehatte, absolvierte er 52 öffentliche Auftritte und liess damit die Skeptiker verstummen.

Lohr scheint im Reinen mit sich selbst. Seine schwere Behinderung bezeichnet er als «Handicap», aus dem sich in seinem Alltag «Besonderheiten» ergeben. Hat er denn nicht einmal als Kind mit seinem Schicksal gehadert? «Meine Familie hat mich durch das Stärken meiner Stärken aufgebaut», antwortet er etwas ausweichend. Er saugt am Trinkhalm, der in seinem Latte macchiato steckt.

Fuss ermöglicht grosse Selbstständigkeit

Lohrs rechter Fuss ermöglicht ihm eine grosse Portion Selbstständigkeit. Mit ihm steuert er seinen Elektro-Rollstuhl, schreibt und tippt er, bedient er das Telefon. Wer dem leidenschaftlichen Schwimmer gegenübersitzt, bewundert die Fertigkeit, mit der er sich mit dem Fuss die Brille an- und auszieht, und ist verblüfft, wenn er plötzlich mit dem Fuss gestikuliert. Für alle Handlungen, die zwei Hände bedingen, ist der 49-Jährige aber auf Hilfe angewiesen.

Lohr will sich dagegen wehren, in Bern zum «Ausstellungsobjekt» zu werden. Und er will auch nicht als «Behindertenpolitiker» gesehen werden: «Ich bin Gesellschaftspolitiker. Die Bedürfnisse von Menschen mit einer Besonderheit sind Teil einer ganzheitlichen gesellschaftlichen Betrachtungsweise», sagt er. Der Generationenvertrag – die Solidarität zwischen den Generationen – ist Lohr wichtig. «Wir brauchen Fairness», betont er und fügt gleich an, trotz seines sozialpolitischen Engagements stehe er eindeutig in der Mitte des politischen Spektrums.

Trotzdem: Für Behinderte und deren Organisationen ist Lohr, der als Präsident von Pro Infirmis Thurgau-Schaffhausen amtet, ein Hoffnungsträger. Will er sich nicht auf die Behinderung reduzieren lassen, so will er doch für eine neue Sicht auf behinderte Mitmenschen kämpfen. «Heute stehen die vermeintlichen Defizite und die Kosten zu stark im Vordergrund», beklagt er. Man sollte Behinderten auf Augenhöhe begegnen, fordert er. Und ungefragt betont er, dass er IV-Revisionen befürwortet, die den Missbrauch bekämpfen.

Wer einen Menschen wie Christian Lohr befragen darf, möchte natürlich noch vieles wissen. Man spürt aber instinktiv: Es gibt eine Grenze. Als er sich den Schal umlegen lässt, doch noch die Frage: «Können Sie Ihren Rollstuhl auch mit einer Socke steuern?» Er scheint etwas verdutzt. Dies sei möglich. «Doch jetzt geht es noch barfuss.» Er verabschiedet sich und rollt durch den grauen Novembernachmittag zum nächsten Termin.

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