Seit 24 Jahren ist Antonio Simona Leiter des Empfangszentrums für Asylsuchende in Chiasso. «Wir hatten viele Schwierigkeiten, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt», sagt Simona ohne Umschweife gegenüber der az. Gemeint sind die Tätlichkeiten einiger Asylbewerber gegenüber Einwohnern oder Gemeindearbeitern, die in der Grenzstadt für Empörung und Verunsicherung sorgen.

Gerade diese Woche gab es zwei neue Vorfälle. Im Bahnhof überfielen drei Asylsuchende einen 30-Jährigen und nahmen ihm das Handy ab. Wenig später knüpfte sich das Trio beim Park an der Via Volta einen 82-Jährigen vor und raubte ihm das Portemonnaie. Die Polizei verhaftete zwei Asylsuchende aus Nordafrika – einen Tunesier und einen Ägypter – im Alter von 27 und 30 Jahren. Der dritte Tatbeteiligte flüchtete.

Trunkenheit, missachtete Verbote

Die beiden Verhafteten wiesen Alkoholblutwerte von rund 1,5 Promille auf. Und dies spiegelt eines der Probleme, die in Chiasso zu Diskussionen führen. Denn viele Asylsuchende kennen beim Alkoholkonsum keine Grenzen. «Birra, birra, sempre birra», sagt ein Juwelier an der Piazza Indipendenza und zeigt auf die Bänke, die bei schönem Wetter von Asylsuchenden besetzt sind. Mit viel Aufwand hat die Grenzstadt die zentrale Piazza verkehrsberuhigt und zu einer Begegnungszone umgestaltet. Ausgerechnet diese ist nun zu einem Hotspot für Asylsuchende geworden. Aber auch öffentliche Parkanlagen sind betroffen. Bierdosen bleiben liegen, Verbote werden missachtet oder es wird in
aller Öffentlichkeit uriniert.

Nicht alle Bewohner haben schlechte Erfahrungen gemacht. «Ich wurde nie belästigt», sagt eine ältere Frau in einem Kiosk. Chiassos Polizeikommandant Armando Scano erklärte, dass nur wenige gewalttätige Übergriffe angezeigt worden seien. Doch die Gemeinde Chiasso hat genug von den Zuständen. «Seit rund drei Monaten haben sich die Probleme verschärft», sagt Polizeidirektorin Roberta Pantani (Lega). «Mit den negativen Nachrichten werden unsere Anstrengungen zunichtegemacht, das Image der Stadt aufzubessern und Chiasso als Wohnort attraktiv zu machen», ärgert sich Gemeindepräsident Moreno Colombo (FDP).

Deshalb hat die Gemeinde vor einigen Tagen an Justizministerin Simonetta Sommaruga geschrieben und eine Schliessung beziehungsweise Verlegung des Asylzentrums verlangt. Doch welche andere Gemeinde wäre wohl bereit, eine Empfangsstelle auf ihrem Terrain einzurichten? Das Bundesamt für Flüchtlinge will sich zu dieser Frage nicht äussern, bevor die Departements- chefin Chiasso geantwortet hat.

Lebensmittelbons statt Taggeld

Verschärft haben sich die Probleme, seit im Asylzentrum vorab Flüchtlinge aus dem Maghreb eintreffen, alleinstehende junge Männer zwischen 20 und 30 Jahren. Familien sind praktisch verschwunden. Mario Amato vom Schweizerischen Arbeiterhilfswerk ist der Meinung, dass die öffentlichen Beschäftigungsprogramme für Asylsuchende intensiviert werden müssten, um die Missstände zu beseitigen. Genau dies will Zentrumschef Simona versuchen, indem Asylsuchende zum Beispiel beim Säubern von Waldwegen eingesetzt werden.

Als erster Schritt wird nun aber die Abgabe des Taggelds eingestellt. Stattdessen erhalten die Asylsuchenden Lebensmittelbons. Polizeidirektorin Pantani ist skeptisch, ob die Massnahme wirkt. Sie befürchtet, dass die Diebstähle zunehmen könnten.