Es ist eine Herkulesaufgabe. Manche nennen es die «Quadratur des Kreises» oder eine «Mission Impossible». Ende Februar hat der Bundesrat die Baslerin Pascale Baeriswyl zur neuen Staatssekretärin im Aussendepartement ernannt – und damit zur neuen Chefunterhändlerin für alle Verhandlungen mit der EU. Am 1. April tritt sie die Nachfolge von «Super-Diplomat» Jacques de Watteville an. Keine einfache Aufgabe: Sogar de Watteville hatte jüngst die Blockade der Dossiers durch die EU kritisiert. Grund ist nicht nur die Zuwanderungsfrage, sondern auch das von Brüssel geforderte institutionelle Rahmenabkommen. Baeriswyl bleibt dennoch zuversichtlich. Gegenüber der «Schweiz am Wochenende» spricht sie erstmals über die Beziehungen zur EU, ihr Verhältnis zu Aussenminister Didier Burkhalter – und ihre Mutter.

Frau Baeriswyl, können Sie zaubern?

Pascale Baeriswyl: Als Kind hatte ich einen Zauberkasten. Doch leider gelang es mir auch mit seiner Hilfe nicht, zu zaubern. Ich versuche, dieses Defizit bis heute mit Kreativität und Knochenarbeit auszugleichen (schmunzelt).

Die Masseneinwanderungsinitiative umzusetzen, ohne die Europäische Union zu vergraulen, wird als «Quadratur des Kreises» bezeichnet – Sie könnten magische Fähigkeiten gut gebrauchen.

Zauberkräfte sind nicht nötig. An einem zerrütteten Verhältnis hat keine Seite Interesse: Die EU ist unsere wichtigste Handelspartnerin, und aus Brüsseler Sicht kommen wir gleich hinter den USA und China. Eine Beziehung, die so wichtig ist, muss täglich gepflegt werden – wie eine Ehe.

Erleben Sie diese Ehe als glücklich?

Das Bild von der Ehe bezog sich auf die Beziehungspflege. Mit Blick auf die EU spreche ich lieber vom bilateralen Verhältnis. Die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative vor gut drei Jahren hat uns in eine schwierige Position gebracht. Nachdem sich das Parlament im Dezember für eine Umsetzungsvariante entschieden hat, kehrt unser Verhältnis zur EU nun allmählich zur Normalität zurück.

Halten Sie die Zuwanderungsinitiative für genügend umgesetzt?

Ja, das Parlament hat eine gute Lösung gefunden.

Auch nach dem Entscheid für den Inländervorrang light geht es Schlag auf Schlag: Bald kommt die Rasa-Initiative, welche die Annahme der Zuwanderungsinitiative ungeschehen machen will. Seit Monaten drohen Auns und SVP zudem mit einer Kündigungsinitiative der Personenfreizügigkeit. Die Schweiz sendet immer wieder neue Signale aus. Erschwert das Ihren Job?

Dass sich die politische Ausgangslage ständig ändern kann, gehört bei unserer täglichen Arbeit dazu. Und wenn die Stimmbevölkerung anders entscheidet, als wir es vorgeschlagen haben, haben wir dies zu akzeptieren. Das ist unser «Reality-Check».

SVP-Asylchef Andreas Glarner allerdings zweifelt am Willen des Bundesrats: Metaphorisch wirft er ihm vor, Vegetarier nach Brüssel zu schicken, um die Interessen des Metzgerverbandes zu vertreten. Sind Sie bissig genug für diese Aufgabe?

Wichtiger als Bissigkeit ist Seriosität: Dazu gehört, Verständnis für die Handlungsposition des Gegenübers aufzubringen, zugleich aber die eigenen Interessen dezidiert zu vertreten. Gut ist ein Verhandlungsresultat, wenn beide Seiten Kompromisse machen müssen und vom Verhandlungsresultat dennoch profitieren. In aller Regel rächt es sich mittelfristig, wenn man versucht, den Partner über den Tisch zu ziehen.

Manch ein Bundesratskritiker wünscht sich ein selbstbewussteres Auftreten gegenüber Brüssel. Zumal die EU die bilateralen Verträge ohnehin nicht von sich aus kündigen werde, wie viele vermuten.

Die Personenfreizügigkeit ist Kern der EU als auch unserer bilateralen Verträge. Sie ist Teil eines Gesamtpaketes. Bricht man ein Stück heraus, werden die Abkommen hinfällig: Wir müssen damit rechnen, dass Brüssel mit dieser Drohung ernst machen würde.

Die EU aber schwächelt: Seit dem Brexit und angesichts der anstehenden richtungsweisenden Wahlen in den Niederlanden, in Frankreich und Deutschland kann nicht einmal mehr ausgeschlossen werden, dass sie zerfällt.

Dies hilft uns nicht – im Gegenteil. Die EU spielt eine wichtige Rolle für die Sicherheit in Europa – das ist auch im Interesse der Schweiz.

Machen Sie sich Sorgen um die EU?

Das wäre übertrieben. Aber ich bedauere es, wenn populistische Kräfte die bewährte Konsenskultur infrage stellen. Solche Tendenzen sind in der EU genauso zu spüren wie in der Schweiz.

Sie sind nicht nur für die EU-Beziehungen, sondern generell für die Schweizer Aussenpolitik zuständig. Kommen Sie noch zu Schlaf?

Weniger als früher. Es ist schon so: Man arbeitet in diesem Job sieben Tage in der Woche während vieler Stunden.

Bevor Sie sich für eine Karriere als Diplomatin entschieden, waren Sie selbst in der Politik tätig: Sie sassen im Vorstand der Basler SP. Nützt Ihnen diese Erfahrung in Ihrem heutigen Job?

Ja. Im UNO-Sicherheitsrat, wo die Weltmächte miteinander streiten, geht es nicht immer anders zu als in der Lokalpolitik. Letztlich geht es überall darum, Kompromisse zwischen Menschen zu erzielen.

Sie sind Sozialdemokratin, Aussenminister Didier Burkhalter ist Freisinniger. Spielt Ihr Parteibuch in der Beziehung zu Ihrem Vorgesetzten eine Rolle?

Ich halte es für sehr positiv, dass unser politischer Hintergrund unterschiedlich ist. Dank dieser Tatsache bringen wir verschiedene Perspektiven ein. Genau so sollte es sein: Dies macht die schweizerische Konsenskultur aus. Meine aktuelle Funktion übe ich aber nicht als Politikerin aus, sondern als Staatsangestellte.

Widersprechen Sie Burkhalter oft?

Das kommt durchaus vor.

Von aussen wirkt es allerdings, als umgebe sich Bundesrat Burkhalter mit einer Gefolgschaft, die ihm treu ergeben ist.

Selbstverständlich ist es der der Vorsteher des EDA, der am Ende unserer Diskussionen als politisch Verantwortlicher die Entscheidungen fällt. Ich trage diese loyal mit.

In mehreren Zeitungsporträts wurde daran gezweifelt, dass Sie Burkhalter in den Kernfragen je widersprechen würden.

Meine Mutter hat diese Zeilen auch gelesen – und herzhaft gelacht. Sie kennt mich anders (schmunzelt).