Herr Gaudin, der holländische Nachrichtendienst hat Anfang Oktober ein Tabu gebrochen: Er hat detaillierte Informationen zu einem missglückten Spionageversuch des russischen Geheimdienstes veröffentlicht. Wird diese öffentliche Demütigung die Russen in Zukunft von ähnlichen Aktionen abhalten?

Jean-Philippe Gaudin: Ich befürchte nein. Die Russen haben Fehler begangen, aber sie werden daraus lernen.

Sie selber haben nicht an der Pressekonferenz in Holland teilgenommen, obwohl die vier verhafteten Agenten auch in der Schweiz aktiv waren. Liegt Ihnen diese Art von Informationsoffensive nicht?

Diese offensive Kommunikation ist in unserem Metier sicher ein Novum. Ich vermute, meine Kollegen vom holländischen Nachrichtendienst hätten wohl zurückhaltender kommuniziert, wenn es nur nach ihnen gegangen wäre. Aber die Politik hat manchmal andere Prioritäten. An der Pressekonferenz nahm auch die niederländische Verteidigungsministerin teil.

Wie gross ist die Gefahr, dass die Nachrichtendienste durch zu viel Kommunikation ihre Arbeitsmethoden verraten?

Dieses Risiko besteht auf jeden Fall. Je mehr Informationen wir nach aussen geben, desto mehr kann die Gegenseite gegen uns verwenden. Sie nützt alles, was ihr an Informationen zur Verfügung steht. Sie wird morgen in der Zeitung genauestens lesen, was ich heute an der Pressekonferenz in Bern gesagt habe. Sie wird sich auch die Beiträge des Schweizer Fernsehens und der sozialen Medien anschauen, um herauszufinden, wie wir arbeiten.

Neben waghalsigen Spionageaktionen mischt sich Russland auch in die Wahlen westlicher Staaten ein. Wie gefährdet ist die Schweiz im Hinblick auf die Parlamentswahlen im kommenden Jahr? Haben Sie konkrete Hinweise auf Beeinflussungsversuche?

Nein, konkrete Hinweise haben wir zurzeit nicht. Aber es handelt sich um eine Frage der Antizipation. Wir haben gesehen, was in den USA und anderen europäischen Ländern geschehen ist. Auf dieser Ausgangslage müssen wir aufbauen und uns vorbereiten.

Ist die kleine Schweiz mit ihrer Konkordanzregierung nicht zu wenig interessant im globalen Informationskrieg?

Nein, ganz sicher nicht. Aufgrund ihrer Neutralität ist die Schweiz weltweit stark vernetzt und folglich immer ein interessantes Angriffsziel für die Gegenseite, nicht nur die Russen.

Aber ist es wahrscheinlich, dass Russland sagt: Wir wollen die Schweizer Partei X unterstützen und starten deshalb eine verdeckte Propagandaoffensive gegen Partei Y?

Das muss nicht passieren, aber es kann. Die russischen Medien sind schon heute in der Schweiz präsent: Denken Sie an das Online-Portal Sputnik oder den Fernsehsender Russia Today.

Das neue Nachrichtendienstgesetz gibt Ihren Agenten neue Überwachungsinstrumente. Jetzt fordern Sie ein Jahr nach Inkrafttreten bereits mehr Stellen. Warum?

Die Fülle an beschafften Informationen hat zugenommen, der Personalbestand ist gleich geblieben. Bei der Auswertung der Daten fehlt es uns an Kapazitäten. Wir müssen regelmässig Anfragen von Kantonen und Verwaltungseinheiten ablehnen. Der NDB braucht mehr Mittel im Bereich der Antizipation.

Um wie viele Vollzeitstellen geht es konkret?

Das kann ich noch nicht sagen, wir werden jetzt sauber abklären, wo in der Organisation Lücken bestehen. Ich werde dem Bundesrat Ende Jahr einen Bericht mit verschiedenen Varianten unterbreiten. Nicht nur das Verteidigungsdepartement, auch die anderen Departemente haben ein Interesse an einer ausreichenden Personaldecke. Wir arbeiten für alle.

Sie wirken nach 100 Tagen im Amt schon sehr selbstbewusst.

(lacht) Ich bin bereit, mein Amt gefällt mir. Nach drei Jahrzehnten in der Armee und acht Jahren an der Spitze des militärischen Nachrichtendienstes verfüge ich auch über die nötige Erfahrung.