Nach Massenschlägerei
Chaos in der Moschee: Progressiver Imam kritisiert Vorstand der Gebenstorfer Muslime

Die Massenschlägerei in der Moschee in Gebenstorf wirft ein Schlaglicht auf die Probleme der albanischen Muslime.

Pascal Ritter
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Kritischer Blick auf die Gebenstorfer Moschee der islamisch-albanischen Gemeinschaft: Imam Mustafa Memeti

Kritischer Blick auf die Gebenstorfer Moschee der islamisch-albanischen Gemeinschaft: Imam Mustafa Memeti

Chris Iseli / André Albrecht

Nun wollen sie gar nichts mehr sagen. Die Mitglieder der islamischalbanischen Gemeinschaft von Gebenstorf AG stellen auf stumm. Am Donnerstag machte die «Nordwestschweiz» eine Massenschlägerei in ihrer Moschee publik. Die Polizei hatte am letzten Sonntag 90 Personen kontrolliert. Zwei Verletzte mussten ins Spital. Zur Saalschlacht im Gotteshaus kam es, als sich ein abtretender Imam von der Gemeinde verabschiedete. Recherchen zeigen nun: Es handelt sich um Bashkim I. Acht Jahre lang soll der Mittdreissiger vor seinem Abgang in der Gemeinschaft gepredigt haben.

Bevor die Moschee in einer ehemaligen Pizzeria im Mai eröffnet wurde, fanden die Zeremonien auf der gegenüberliegenden Seite der Limmat in Kirchdorf statt. Dort fielen die Muslime nie negativ auf. Darum verstanden Beobachter nicht, warum sich die Gemeinde Gebenstorf bis vor Gericht gegen den Zuzug der Moschee wehrte. Für diesen Widerstand wurde die Gemeinde als intolerant und ewiggestrig kritisiert. Erst recht, als das kantonale Verwaltungsgericht den Gemeinderat zurückpfiff und dieser trotzdem die Eröffnung der Moschee schwänzte.

Wie radikal ist der Imam?

Nun sieht es so aus, als habe der Gemeinderat mit seinen Bedenken von Anfang an recht gehabt. Denn Vize-Präsident Murseli Ibraimov sagte gegenüber der «Nordwestschweiz», der Vorstand der Gemeinschaft habe von einem Treffen ihres Imams mit radikalen Glaubensbrüdern im mazedonischen Skopje Wind bekommen. Dies sei mit ein Grund gewesen für die Suspendierung des Imams. Bisher konnte nicht geklärt werden, ob der Imam tatsächlich radikal ist. Bashkim I. verweigerte die Auskunft und liess ausrichten, er wolle zuerst mit seiner Gemeinschaft das Gespräch suchen.

Was nach Bekanntwerden des Vorfalls geschah, sagt viel aus über den Zustand und die Organisation der albanisch-muslimischen Glaubensgemeinschaft in der Schweiz aus. Als weitere Medien über den Fall Gebenstorf berichteten, verstummte Vize-Präsident Ibraimov. Stattdessen äusserte sich Vorstandsmitglied Emra Alijevski. Er schildert die Ereignisse in der Moschee anders. Gegenüber «Tele M1» bestritt er radikale Tendenzen des Imams. Bei der Schlägerei habe es sich zu- dem um eine interne Auseinandersetzung gehandelt, die nichts mit Glaubensfragen zu tun habe. Gegenüber der «Schweiz am Wochenende» möchte er sich nicht mehr äussern. Er fühlt sich von den Medien missverstanden.

Wenn eine katholische oder reformierte Kirchgemeinde in Bedrängnis kommt, erhält sie in der Regel Hilfe von der Landeskirche. Eine solche haben die Muslime nicht. Es gibt zwar mehrere muslimische Dachverbände, diese sind aber nur lose organisiert. Die albanisch-islamische Gemeinde von Gebenstorf gehört der Union der Albanischen Imame in der Schweiz an. Diese war diese Woche nicht in der Lage, Fragen zum Imam von Gebenstorf zu beantworten.

Machtkampf der Verbände

Dafür spricht die Konkurrenz. Imam Mustafa Memeti ist Präsident des albanisch-islamischen Verbands Schweiz und befindet sich auf einer Pilgerreise in Mekka, als ihn die «Schweiz am Wochenende» am Telefon erreicht. Er stammt aus Serbien, spricht Albanisch und hat sich einen Namen als progressiver Imam gemacht. Er setzte sich für einen Dialog zwischen den Religionen ein. Auf die Ereignisse in Gebenstorf angesprochen, lässt Memeti seiner Enttäuschung freien Lauf. «Ich schäme mich, wenn ich von einer Schlägerei in einer Moschee höre», sagt er und kritisiert den Vorstand der Gebenstorfer Muslime. Dieser habe die Dialogversuche seines Verbandes stets abgewiesen. Memeti kann sich dies nur so erklären: «Entweder haben sie ein persönliches Problem mit mir oder sie sind gegen das Konzept eines offenen und demokratischen Islams.» Beide Möglichkeiten sind plausibel. Memeti stellte die Union der albanischen Imame und ihre Gemeinschaften auch schon als konservativ dar und rückte sie in die Nähe des Radikalismus. Ob dies aber tatsächlich der Fall ist, zieht Islam-Experte Hansjörg Schmid in Zweifel. «In den Auseinandersetzungen zwischen der Union der albanischen Imame und dem albanisch-islamischen Verband Schweiz überlagern sich ideologische und persönliche Konflikte», sagt Schmid, der das Zentrum für Islam und Gesellschaft an der Universität Fribourg leitet, wo auch Imame Kurse besuchen.

Zuletzt haben sich die konkurrenzierenden Verbände der albanischen Muslime angenähert. Im März unterzeichneten sie eine Charta, in der sie sich zur Trennung von Staat und Kirche und zur Gleichberechtigung von Frau und Mann verpflichteten. Gut möglich, dass der Konflikt durch Gebenstorf und die Kritik von Memeti nun wieder ausbricht.

Gelegt hat sich indes der Streit in Gebenstorf. Dem Vernehmen nach wurden Mitglieder aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, die handgreiflich geworden waren. Darüber reden wollen die Gebenstorfer Muslime aber lieber nicht.