IS
«Cendrim R. wird erst gefährlich, wenn seine Organisation Angriff plant»

Der Strategieexperte Albert A. Stahel äussert sich zum Gefangenenaustausch der Türkei mit dem IS. Er kritisiert das Vorgehen der Türkei und die Freilassung des in Ankara inhaftierten Schweizer Dschihadisten Cendrim R.

Anna Wanner
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Cendrim R. wurde angeblich den IS-Terroristen übergeben. ho

Cendrim R. wurde angeblich den IS-Terroristen übergeben. ho

Herr Stahel, gestern wurde publik, dass die Türkei im Tausch gegen 49 Geiseln 180 IS-Kämpfer freigelassen hat. Darunter befindet sich womöglich auch ein Schweizer. Wie beurteilen Sie den Gefangenentausch der Türkei mit dem Islamischen Staat?

Albert A. Stahel

Albert A. Stahel

Zur Verfügung gestellt

Albert A. Stahel: Die Rolle der Türkei ist speziell. Sie hat im Konflikt relativ früh Partei ergriffen und sich für einen Machtwechsel in Syrien ausgesprochen: Aus der Sicht der Türken sollten die Alawiten – also das schiitische Regime von Präsident Baschar al-Assad – die Macht an die Sunniten abgeben. Ausserdem gibt es ideologisch zwischen dem Islamischen Staat (IS) und der türkischen Regierungspartei AKP eine gewisse Übereinstimmung: Die Lehre des IS beruht auf jener der Salafisten, die der AKP ist allerdings in der ideologischen Nähe der Muslimbruderschaft anzusiedeln.

Wie ist das Vorgehen des türkischen Präsidenten Recep Erdogan zu erklären?

Ob Erdogan versuchte, den IS für seine eigenen Zwecke zu manipulieren, ist schwierig zu sagen. Wenn ja, hat es nicht funktioniert.

Nach einem Zugeständnis folgt das nächste: Macht sich die Türkei durch den Gefangenenaustausch nicht erpressbar?

Aus Sicht der Türkei war es eher ein Versuch der Einflussnahme, eins zu eins mit dem Islamischen Staat zu verhandeln. Beim Gefangenenaustausch handelt es sich letztlich um eine indirekte Anerkennung des IS als Staat. Das ist fatal.

Auf der anderen Seite ging es um 49 türkische Geiseln, die befreit werden sollten. Nach den Massakern, welche der IS an anderen Geiseln vollzieht, ist das Handeln der Türkei doch nachvollziehbar.

Das Handeln war für Erdogan auch innenpolitisch wichtig, um zu zeigen, dass er seine Mitbürger nicht einfach im Stich lässt. Trotzdem war der Austausch ein Fehler.

Welche Folgen haben solche Eingeständnisse auf den Verlauf des Konflikts?

Die Quasi-Anerkennung stärkt die Position von Kalif Ibrahim, dem Kopf des Islamischen Staats.

Was bedeutet der Geiseltausch für die Schweiz? Muss man mit einer Rückkehr von Cendrim R. rechnen, so er sich tatsächlich unter den freigelassenen Dschihadisten befindet?

Nicht unbedingt. Solche Personen sind zwar in der Kriegsführung des Islamischen Staates ausgebildet worden und es hat sicher eine Radikalisierung stattgefunden. Doch hinter einem Kämpfer steht eine straff geführte, militärische Organisation. Erst wenn sich der IS entscheiden würde, die Schweiz anzugreifen, bestünde eine Gefahr.

Von Cendrim R. geht also keine Gefahr aus?

Nicht direkt. Cendrim R. wird dann gefährlich, wenn seine Organisation einen Angriff plant.

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