Das erste grosse inhaltliche Interview von Aussenminister Ignazio Cassis zur Schweizer Politik im Nahen Osten hat hohe Wellen geworfen. Erst recht für diplomatische Verhältnisse. Namentlich, dass Cassis letzte Woche in der «Nordwestscheiz» das UNO-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge UNRWA heftig kritisierte, statt Teil der Lösung des Israel-Palästina-Konflikts inzwischen ein Teil des Problems zu sein, bewog UNRWA-Chef Pierre Krähenbühl, in Bern vorzusprechen. «Die UNRWA existiert, solange der Konflikt nicht gelöst ist», sagte der Westschweizer am Samstagabend zu Radio SRF. «Wir leisten möglicherweise einen der wichtigsten Beiträge zur menschlichen Entwicklung in der Region und einen Beitrag zur regionalen Stabilität», erwiderte er indirekt an die Adresse Cassis›. Krähenbühl hatte Cassis auf dessen dreitägigem Besuch nach Jordanien getroffen und gesprochen und zeigte sich entsprechend überrascht von dessen Fazit.

«Befreiender Tabubruch»

Schützenhilfe erhielt Ignazio Cassis am Samstag dafür von der «NZZ»: «Es ist ein befreiender Tabubruch zur rechten Zeit», schrieb der Jerusalem-Korrespondent. Denn Cassis’ formulierte Kritik entspreche auch der Haltung der aktuellen Regierung in Jerusalem. Die UNRWA leiste zwar wichtige Arbeit, «doch auch ihr ‹Sündenregister› ist lang».

Anders sieht dies die Schweizer Landesregierung. Nach Cassis’ Aussagen liess Bundespräsident Alain Berset via den Bundesratssprecher klarstellen, dass sich an der bisherigen Position der Schweiz nichts ändere (die «Schweiz am Wochenende» berichtete). Dies nicht zuletzt aufgrund der UNO-Intervention, wie sich in den Sonntagsmedien herausstellte.