Martin Candinas, monatelang haben Sie mit dem Entscheid gerungen, ob Sie im kommenden April für die Nachfolge des abtretenden Parteipräsidenten Christophe Darbellay kandidieren sollen. Heute Dienstag nun erklären Sie überraschend Ihren Verzicht. Weshalb? 

Martin Candinas: Der Entscheid ist mir in der Tat schwer gefallen. Die CVP muss sich neu ausrichten, und die Zukunft meiner Partei liegt mir sehr am Herzen. Um einen Entscheid einer solchen Tragweite zu fällen, hätte ich allerdings felsenfest von seiner Richtigkeit überzeugt sein müssen. Doch das war ich nicht. 

Weshalb nicht? 

Das Amt des Parteipräsidenten ist heutzutage eine Vollzeitaufgabe, die einen zwingt, den Medien und Mitgliedern fast permanent zur Verfügung zu stehen, während sieben Tagen in der Woche von frühmorgens bis spätabends. Der Präsident ist stets im Schussfeld, wenn es irgendwo brennt. Ich aber bin Vater dreier kleiner Kinder, die ich aufwachsen sehen möchte. Und auf eine berufliche Tätigkeit möchte ich ebenso wenig verzichten wie auf meine Aktivitäten für diverse Organisationen, bei denen ich mich vor allem für die Surselva, Graubünden und die Berggebiete einsetze. Diese Aufgaben bereiten mir sehr viel Freude und ich möchte sie weiter ausüben können. 

Die Ausgangslage war perfekt. Hätten Sie Ihre Kandidatur verkündet, wären Sie nur schon deshalb so gut wie gewählt gewesen, weil innerhalb der CVP viele einen Parteipräsidenten Gerhard Pfister verhindern möchten. Nun ist der rechtsstehende Zuger Nationalrat einziger Kandidat – und dürfte dies wohl auch bis zum Bewerbungsschluss vom 14. Februar bleiben und somit im April kampflos zum Nachfolger Darbellays gewählt werden. 

In meinem politischen Leben ist stets alles sehr schnell gegangen. 25-jährig bin ich in den Grossen Rat Graubündens gewählt worden, 31-jährig in den Nationalrat. Für einen nächsten grossen Schritt bin ich nicht bereit. Es passt nicht in meine jetzige Lebenssituation, auch wenn Sie Recht haben: Meine Chancen wären so schlecht nicht gewesen. 

Mit Ihrem Verzicht ebnen Sie Pfister die Wahl zum Parteipräsidenten – und ermöglichen so eine konservative Wende in der Schweizer Politik. Pfister eignet sich kaum als eigenständiger Gegenpart zu Albert Rösti und Christian Wasserfallen, den designierten Präsidenten der rechtsbürgerlichen Parteien SVP und FDP. 

Ich bin überzeugt, dass die CVP unabhängig vom Präsidenten auch in Zukunft eine eigenständige Zentrumspolitik betreiben wird. Mit ihrer neuen Führung wird die FDP noch mehr nach rechts abdriften und vielleicht sogar im Schoss der SVP landen. So bin ich mir sicher, dass wir nicht zu einer Kopie von FDP und SVP werden. Dazu kommt, dass unsere Partei nicht diktatorisch geführt werden kann, dafür haben wir zu starke Persönlichkeiten in Fraktion und Partei. Auch Gerhard Pfister kann als Präsident nur eine Politik verfolgen, die von der Parteibasis breit mitgetragen wird. 

Fest steht: Weil sich kein Gegenkandidat zu Pfister findet, kommt die CVP um die Richtungsdiskussion herum, die sie so dringend führen müsste. 

Die CVP ist keine Partei, die von einer Person auf einen Kurs getrimmt werden kann. Wir funktionieren sehr demokratisch und föderalistisch, und das soll so bleiben. Gerhard Pfister weiss ganz genau, dass man als Einzelkämpfer keinen Erfolg haben kann. Ich bin überzeugt: Wird er zum Präsidenten gewählt, wird er die Partei mit Umsicht führen. Mein Verzicht, Gerhard Pfister herauszufordern, ermöglicht, dass wir als Team und ohne interne Grabenkämpfe in die Zukunft schreiten. Ich möchte meinen Beitrag leisten und kandidiere deshalb erneut als Mitglied des Präsidiums. Das neue Parteipräsidium muss gemeinsam hart für die CVP arbeiten, damit wir bei den Wahlen 2019 zu den Wahlsiegern gehören. Dies traue ich unserer Partei klar zu.