Schule
Burnout-Gefahr: Der oberste Lehrer fordert Massnahmen

Tausende Lehrer in der Schweiz stehen laut einer schweizweiten Erhebung vor einem Burnout – und arbeiten trotzdem bis zur totalen Erschöpfung. Beat Zemp, der höchste Lehrer der Schweiz, fordert etwa, dass die Zahl der Wochenlektionen reduziert wird.

Dennis Bühler
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«Es ist wie in einer Zirkusmanege», sagt Beat Zemp. «Als Lehrer ist man im Unterricht pausenlos gefordert, ständig sind 20 bis 25 Augenpaare auf einen gerichtet.» Der höchste Lehrer der Schweiz ist «überhaupt nicht überrascht», welches Ausmass die psychische Belastung seiner Berufskollegen inzwischen angenommen hat.

Mehr als ein Drittel aller Volksschullehrer fühlt sich oft oder immer müde, schwach und krankheitsanfällig, wie eine repräsentative Nationalfondsstudie der Fachhochschule Nordwestschweiz zeigt, über die die «SonntagsZeitung» berichtete. Jeder fünfte der befragten knapp 600 Pädagogen des 5. bis 9. Schuljahres gibt an, er sei «ständig überfordert», jeder zweite leidet mindestens einmal im Monat unter depressiven Verstimmungen.

«Weil betroffene Lehrpersonen ihre Klasse oder einzelne Schüler mit besonderen Lernanforderungen nicht im Stich lassen wollen, unterrichten sie weiter bis zur totalen Erschöpfung», sagt Zemp. Tatsächlich wird in der Studie der sogenannte Präsentismus als einer der Hauptgründe für die Überbelastung ausgemacht: Lehrer erscheinen auch dann zur Arbeit, wenn sie gesundheitlich angeschlagen sind. Um zu vermeiden, dass es bei einer hohen Burnout-Gefährdung zu einem körperlichen Zusammenbruch komme, brauche es genügend Stellvertreter, die in akuten Fällen rasch einspringen könnten, sagt Zemp.

«Schule als Reparaturwerkstatt»

Die neuen Erkenntnisse decken sich mit Ergebnissen einer 2013 in der Stadt Zürich durchgeführten Untersuchung. Zemp fordert nun «endlich» politische Massnahmen. Die Anzahl der Wochenlektionen pro Lehrer sei von bis zu 30 auf maximal 26 zu reduzieren, Schüler mit besonderen Lernbedürfnissen sollen bei der Klassengrösse in Zukunft doppelt gezählt werden.

Zwar könne man nicht sagen, dass die Integration der Sonderpädagogik in die Regelklassen generell gescheitert sei, sagt Zemp. Aber man müsse bei jeder Klasse einzeln beurteilen, wie viel es ertrage. «Die Schule ist zur Reparaturwerkstatt der Gesellschaft geworden. Doch wir können nicht die ganze Nacherziehung von verhaltensauffälligen Schülern übernehmen.»

Wie Zemp hält es auch SVP-Bildungspolitiker Felix Müri für problematisch, dass Eltern sich zunehmend aus der Erziehungsverantwortung stehlen würden. «Meine Generation hat noch gemacht, was der Lehrer sagte – und wenn der schimpfte, gab es zu Hause gleich noch eins oben drauf», sagt der Luzerner Nationalrat, dessen Tochter sich gegenwärtig zur Primarlehrerin ausbilden lässt.

Riesiger administrativer Aufwand

Bevor er Fernsehjournalist und schliesslich Politiker wurde, hatte der Berner SP-Politiker Matthias Aebischer selbst als Lehrer gearbeitet. Den Beruf habe er nicht primär deshalb aufgegeben, weil ihn eine andere Tätigkeit mehr gereizt habe, sondern weil er sich schlicht nicht habe vorstellen können, bis 65 Lehrer zu bleiben. «Früher hatte ein Lehrer einmal im Jahr ein Zeugnis zu schreiben», sagt der Präsident der nationalrätlichen Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur. «Heute muss er mindestens halbjährlich zu jedem Schüler einen Bericht verfassen. Auch sonst hat der administrative Aufwand enorm zugenommen.»

Aebischer wie Müri halten die Kadenz an Schulreformen in den letzten Jahren für zu hoch. «Es gibt Initiativen für mehr Turnstunden, für mehr Musikunterricht, für früher unterrichtete Fremdsprachen – wir Politiker reden viel zu viel in die Lehrpläne drein», sagt der Luzerner.

Besorgt ist auch Zemp. Am Lehrplan 21, der die Ziele der Volksschule in der Deutschschweiz harmonisieren soll, hält der Präsident des Lehrerverbands zwar fest. Doch er warnt: Reformen müssten sorgfältig geplant und mit den nötigen Ressourcen ausgestattet sein. «Sonst erhöhen sie das Burnout-Risiko zusätzlich.»

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