Gesundheit

Burnout-Experte kritisiert: «Ärzte schreiben ihre Patienten oft zu lange krank»

Niklas Baer vor der Psychiatrie Baselland.

Niklas Baer vor der Psychiatrie Baselland.

Psychologe Niklas Baer erklärt, wie Burn-outs mit einem neuartigen Vorgehen vermieden werden könnten.

Niklas Baer leitet das Kompetenzzentrum WorkMed der Psychiatrie Baselland. Zu ihm kommen Angestellte, die psychische Probleme wegen eines Arbeitskonflikts haben. Baer glaubt, dass es das Beste für seine Patienten ist, wenn er nicht nur ihre Sicht kennt.

Eine Beamtin mit Burn-out hat den Staat auf Schadenersatz verklagt. Finden Sie es richtig, dass Arbeitgeber in einem Burn-out-Fall haftbar gemacht werden können?

Niklas Baer: Grundsätzlich ja, es ist wichtig, dass ein Arbeitgeber in die Pflicht genommen werden kann, wenn es um die psychische Gesundheit der Arbeitnehmer geht. Die Klärung der Haftungsfrage ist aber schwierig. Man kann einen Arbeitgeber dafür verantwortlich machen, wie er mit einer schwierigen Situation umgegangen ist. Man kann ihn aber nicht immer dafür verantwortlich machen, dass jemand krank wird.

Verbirgt sich hinter dem Begriff Burn-out ein Mythos?

Burn-out ist eine Chiffre für eine persönliche Krise. Meistens gibt es eine Vorgeschichte. 75 Prozent aller psychischen Störungen beginnen vor dem 25. Altersjahr. Dass jemand mit 40 wegen einer ungünstigen Arbeitssituation plötzlich psychisch krank wird und vorher war alles gut, das ist die grosse Ausnahme.

Arbeit alleine mache also nicht krank?

Arbeit hält uns zuerst einmal auch psychisch stabil, denken Sie an die Folgen bei Langzeitarbeitslosigkeit. Die Arbeitsbelastung ist in der Regel aber nicht die Hauptursache für ein Burn-out. Oft geht es um Beziehungen, Kränkungen und Überforderungen. Sonst müssten alle Leute, die sehr viel arbeiten, ein Burn-out haben. Verstehen Sie mich nicht falsch: Es gibt wirklich ungünstige Arbeitssituationen und es gibt wirklich schlechte Chefs. Aber es gibt auch eine gewisse Eigenverantwortung der Mitarbeiter: Wie geht man mit belastenden Situationen um?

Sucht man mit dem Begriff Burn-out die Verantwortung bei anderen anstatt bei sich?

Darum ist der Begriff so beliebt, das Problem liegt dann eher beim Arbeitgeber oder beim eigenen Fleiss. Psychische Störungen sind vorurteilsbelastet. Man sagt nicht gerne: «Ich habe eine Depression» oder «Ich habe eine Persönlichkeitsstörung». Wenn man aber sagt, «Ich habe ein Burn-out», kann man sich Hilfe holen, ohne als «Psycho» zu gelten.

Gehen deshalb heute mehr Leute zum Arzt als früher?

Studien zeigen, dass die psychischen Krankheiten seit dem Zweiten Weltkrieg nicht zugenommen haben. Aber mehr Leute gehen deswegen in eine Behandlung. Der Grund dafür ist, dass sich das Bewusstsein verändert und eine Enttabuisierung stattgefunden hat. Das ist positiv.

Werden Patienten zu oft wegen psychischer Probleme krankgeschrieben?

Tendenziell ja. Ärzte und Therapeuten schreiben ihre Patienten oft zu lange krank wegen psychischer Probleme. Hinzu kommt: Meistens werden die Patienten zu 100 Prozent krankgeschrieben, obwohl Teilzeit für den Wiedereinstieg besser wäre. In drei Viertel der Fälle von Ar­beitskonflikten haben Psychiater den Impuls, ihre Patienten vor dem Arbeitgeber zu schützen. Das ist Engagement, aber das hilft für die Problemlösung wenig, solange die Ärzte nur wissen, was ihnen der Patient erzählt. Bevor gehandelt wird, sollten sie herausfinden, wie der Chef und die Arbeitskollegen die Situation sehen, und versuchen zu vermitteln.

Wenn mein Arzt und mein Chef zusammen reden würden, wäre das ein Eingriff in meine Privatsphäre.

Ja, das wünscht man sich normalerweise nicht. Aber wenn die Alternative ist, dass die Situation eskaliert und man die Stelle verliert, dann redet man besser miteinander und zwar bevor zu viel Geschirr zerschlagen ist. Meine Erfahrung ist, dass die meisten Vorgesetzten froh darum sind, weil sie in diesen Situa­tionen selber an den Anschlag kommen.

Was raten Sie Angestellten, um Probleme zu verhindern?

Wenn man die Freude an der Arbeit verliert, wenn sich die Absenzen häufen, wenn man nicht mehr so genau arbeitet, wenn man Spannungen mit Mitarbeitern oder Vorgesetzten hat, dann sollte man sofort das Gespräch suchen. Wenn die Situation einmal eskaliert, nimmt das Mitgefühl von Kollegen und Vorgesetzten relativ schnell ab. Wenn jemand im Rollstuhl zur Arbeit kommt, nimmt die Geduld hingegen nicht ab, weil jeder sieht, was er kann und was nicht. Bei psychischen Problemen, die häufig mit Beziehungsproblemen verbunden sind, reagieren die Mitarbeiter jedoch verärgert oder gestresst. In 70 Prozent der schweren Arbeitskonflikte wird das Arbeitsverhältnis danach aufgelöst. Das liesse sich oft verhindern.

Wie?

Meistens geht es um Missverständnisse. Häufig ist folgende Konstellation: Ein Mitarbeiter fühlt sich nicht mehr wertgeschätzt und wird krankgeschrieben. Er denkt sich: «Ich melde mich sicher nicht beim Arbeitgeber, der ist ja schuld, dass es mir so schlecht geht.» Der Arbeitgeber sagt später aber allerdings oft: «Ich hätte den Mitarbeiter eigentlich gerne behalten, aber er hat sich in all den Monaten, in denen er krank war, nie bei uns gemeldet.» Solche Situationen kann man lösen, wenn man miteinander spricht.

Wer sollte den Anruf machen?

Das ist eigentlich egal, aber es ist hilfreich, wenn der Betrieb für solche Fälle ein Konzept hat.

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