Europa-Dossier
Burkhalters Rücktritt: «Der ewige Optimist hat doch langsam die Wand näher kommen sehen»

Der spontane Rücktritt von Bundesrat Didier Burkhalter am Mittwoch löste schweizweites Erstaunen aus. Im «TalkTäglich» analysieren Politologe Andreas Ladner und Ringier-Publizist Hannes Britschgi Burkhalters Entscheidung und was er im Amt erreicht hat.

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«Ich habe einfach Lust, etwas anderes zu machen.» Mit diesen Worten gab Bundesrat Didier Burkhalter am Mittwoch seinen Rücktritt bekannt. Der Entscheid kam unerwartet. Auch für Politologe Andreas Ladner: «Er ist relativ jung – man konnte nicht davon ausgehen, dass er schon zurücktritt», sagt er im «TalkTäglich» unter der Moderation von Markus Gilli.

An einen spontanen Entscheid glaubt Ladner hingegen nicht. Burkhalter habe seinen Höhepunkt bereits in seinem Präsidialjahr 2014 erlebt. Im selben Jahr war er auch Vorsitzender der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). «Für Politiker sind solche Momente wichtig, in welchen sie wirklich zuvorderst stehen, ganz oben.» Nach dem Höhepunkt ändere sich die Situation jedoch, das Adrenalin gehe zurück. «Man hat nicht mehr den Elan. Dann stellt sich die Frage: ‹Ja, was bringt mir das?›»

Didier Burkhalter
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Er trat sein Amt am 1. November 2009 an.
Didier Burkhalter bei seinem Rücktritt also genau acht Jahre lang Bundesrat gewesen sein.
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Didier Burkhalter

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Ringier-Publizist Hannes Britschgi, ebenfalls zu Gast im «TalkTäglich», findet deutlichere Worte: «Ihm ist die Lust an dem, was er machen muss, vergangen.» Jetzt laufe er davon, wo die offene Baustelle «Europadossier» in eine heisse Phase übergehe. «Am Freitag wird der Bundesrat das weitere Vorgehen besprechen, zwei Tage vorher gibt Burkhalter den Löffel ab.» Moderator Gilli vergleicht den Aussenminister mit dem Kapitän der Costa Concordia, welcher an der italienischen Küste das sinkende Schiff verlassen hatte.

«Ein Politiker hätte das durchstehen müssen»

Politologe Ladner sieht ein Muster: «Diese Aussage zum frischen Wind hat er bereits beim Krankendossier gemacht und dann an Alain Berset übergeben. Man kann nicht immer frischen Wind hinzaubern.» Ein Politiker hätte dies seiner Meinung nach durchstehen müssen: «Das hätte man eigentlich von ihm erwarten können.»

«Burkhalter war immer auf die positiven Aspekte konzentriert», versucht Britschgi zu erklären. So habe der Aussenminister stets an den Erfolg seines Europa-Dossiers geglaubt – zumindest öffentlich. «Jetzt hat er ewige Optimist doch langsam die Wand näher kommen sehen und sagte sich wohl: ‹Ich kann doch nicht alle Ankündigungen einlösen und gehe jetzt mal.›»

Dass Burkhalter und seine Anhänger übertrieben, glaubt auch Ladner: «Er hat sehr viele Vorschusslorbeeren erhalten, als er das Amt übernommen hat.» Der FDP-Bundesrat sei nicht so «super erfolgreich» mit seinen Dossiers gewesen, wie man dies versucht habe darzustellen. Britschgi stimmt zu: «Konkret hat er in der Schweiz einfach nicht wirklich viel zustande gebracht.»

Die ganze «Talk Täglich»-Sendung können Sie hier nachschauen:

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