Tessin
Burkaverbot: Polizei verteilt Flyer statt Bussen

Seit Anfang Juli herrscht im Tessin ein Verhüllungsverbot. Die Polizei musste bisher kaum gegen verschleierte Musliminnen einschreiten. Die Busse gegen Nora Illi ist bis jetzt die einzige geblieben.

Antonio Fumagalli
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Nora Illi vom Islamischen Zentralrat der Schweiz und Rachid Nekkaz (mit Schal) lassen sich gleich am ersten Tag des Verhüllungsverbots im Tessin bewusst büssen

Nora Illi vom Islamischen Zentralrat der Schweiz und Rachid Nekkaz (mit Schal) lassen sich gleich am ersten Tag des Verhüllungsverbots im Tessin bewusst büssen

KEYSTONE

Man kann vom Islamischen Zentralrat der Schweiz (IZRS) halten, was man will – ein Geschick zur (medial wirksamen) Inszenierung ihrer Anliegen kann man ihm jedoch kaum absprechen. So zum Beispiel am 1. Juli dieses Jahres in Locarno: Die Konvertitin Nora Illi, beim IZRS für Frauenangelegenheiten zuständig, lief mit einem Niqab bekleidet über die Piazza Grande. Von den herbeigeeilten Polizisten liessen sich sie und ihr Begleiter, der sie mutmasslich angestiftet hatte, noch so gerne eine Busse ausstellen – genau dies war die Absicht ihres Protests. Seit jenem Tag war im Tessin das Verbot der Vollverschleierung in Kraft, welches das Tragen von Ganzkörperschleiern (Burka) oder Gesichtsschleiern (Niqab) im öffentlichen Raum untersagt.

Ein Monat später zeigt sich nun: Es ist im Tessin bei diesem einen Strafzettel geblieben. «Mir sind keine weiteren Bussen im Zusammenhang mit dem Verhüllungsverbot bekannt», sagt Dimitri Bossalini, Präsident der Vereinigung der Tessiner Gemeindepolizeien, auf Anfrage der «Nordwestschweiz».

Die Polizisten seien in den ersten Monaten nach Einführung des Gesetzes tolerant gegenüber muslimischen Frauen – es sind praktisch ausschliesslich Touristinnen –, die einen Ganzkörperschleier tragen. Bossalini spricht von einer «ausgewogenen Vorgehensweise», die in Betracht ziehe, dass das Verbot erst seit Kurzem gelte und möglicherweise noch nicht allen Betroffenen bekannt sei.

Flyer erklärt Gesetz auf Arabisch

Zentral ist dabei ein Flyer, den die Polizisten auf sich tragen und der auch in den Tessiner Hotels verteilt wird: Auf Arabisch und Englisch werden die «werten Gäste» auf das neue Gesetz hingewiesen, auch die drohenden Sanktionsmöglichkeiten in Form von Busse (100 bis 10’000 CHF) oder Freiheitsentzug bei Nichtbezahlen sind erwähnt. Wie viele Flyer in diesem Monat verteilt wurden, kann Bossalini nicht sagen. «Allzu viele sind es aber nicht gewesen», so der Polizisten-Präsident.

Denn die meisten Touristinnen aus dem arabischen Raum zeigen sich gar nicht erst mit verschleiertem Gesicht im öffentlichen Raum. «Unsere Gäste sind sehr gut informiert. Bereits vor ihrer Ankunft wissen sie über die neue Gesetzeslage Bescheid und kleiden sich entsprechend», sagt Lorenzo Pianezzi, Präsident von Hotellerie-Suisse Ticino. Die muslimischen Frauen zeigten sich «sehr offen» und würden den Niqab – die Burka gibt es seltener – in der Öffentlichkeit so tragen, dass man das Gesicht erkennen könne. Gemäss seinen Erfahrungen fühlten sie sich deswegen «nicht in ihrer Würde verletzt», so Pianezzi.

Gross war die Befürchtung aufseiten des Tessiner Tourismus-Sektors vor Einführung des Verhüllungsverbots, dass die zahlungskräftigen Gäste aus muslimischen Ländern nicht nur verärgert sein könnten, sondern gleich gänzlich einen Bogen ums Tessin machen würden. Soweit es sich nach einem Monat beurteilen lässt, waren diese Ängste unbegründet. «Wir gehen 2016 gegenüber dem Vorjahr von rund 20 Prozent mehr Touristen aus dem arabischen Raum aus», sagt Pianezzi, der selber auch ein Hotel führt. Die Zunahme reihe sich in die Entwicklung der Vorjahre ein, stehe also nicht im Zusammenhang mit dem neuen Gesetz. Denn dass Musliminnen nun erst recht ins Tessin kommen wollen, um sich «endlich frei» fühlen zu können, glaubt Pianezzi auch wieder nicht.

Seminar für arabische Mentalität

Auch wenn sie nur mit wenigen Fällen zu tun haben: Damit die Tessiner Ordnungshüter gegenüber den muslimischen Touristen den richtigen Ton finden, wurde Mitte Juli eigens ein Seminar organisiert. Khaldoun Dia-Eddine von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) erklärte in Lugano knapp hundert Polizisten die Charakteristiken der arabischen Mentalität. Bei Familien empfehle es sich etwa, den Vater – das Familienoberhaupt – und nicht die «strafbare» Frau auf das Verbot anzusprechen, wie er in einem ZHAW-Blog zitiert wird. «Man kann direkt sein, muss das Verbot aber freundlich erklären und auf das Gesetz hinweisen.» Denn: Araber hätten in der Regel einen grossen Respekt vor Autoritäten, so Dia-Eddine.