Burka-Verbot

Burka-Verbot: Nun hat es Sarkozy plötzlich eilig

Burka Nikab

Burka Nikab

Frankreichs Präsident Sarkozy fährt aus wahltaktischen Gründen einen harten Kurs gegen den Nikab. In der Banlieue-Misere gäbe es genug Probleme zu lösen.

Stefan Brändle, Paris

Da meinte man, im 21. Jahrhundert zu leben - bis man auf ein schwarzes Phantom mit zwei Augen trifft. Es muss eine Frau sein. Ihr Überwurf geht von Kopf bis Fuss, er wird ergänzt durch Handschuhe. Der Ärmel ist am Mittelfinger angehängt, damit beim unabsichtlichen Armheben ja kein Handgelenk sichtbar wird.

Nikab heisst dieses Gewand. Es ist ein Skandal für die Menschen- und die Frauenwürde. Seine Anhänger erklären, es schütze die Trägerin vor den lüsternen Blicken der Männer. Das Argument zieht nicht: Wenn eine Frau ihren Körper, ihre Haarpracht oder ihren Unterarm einzig ihrem Mann darbieten will, müsste das Umgekehrte genauso gelten. Ausser Bankräubern dürften aber Männer kaum zu überzeugen sein, sich einen solchen Tarnanzug überzustülpen.

Die Ungleichstellung von Mann und Frau zerstört auch das zweite Argument der Nikab-Community, jeder Mensch müsse sich kleiden können, wie es ihm beliebe. Das tun die Nikab-Trägerinnen nur vordergründig. Sie folgen dem Geheiss jener Männer, die den Koran verfasst hatten, die ihn heute auslegen oder die ihn gegenüber ihrer Frau anwenden. Im Nikab, im Hidschab, im iranischen Tschador oder in der afghanischen Burka drücken sie ihren letztlich sexuellen Besitzanspruch auf den Frauenkörper aus. Sie selbst wollen aber keineswegs einer Frau gehören: Gerade die Gatten von Nikab-Trägerinnen betreiben gerne Polygamie.

Braucht es ein Burka-Verbot?

Mehrere europäische Regierungen prüfen einen solchen Schritt. In Dänemark hält die konservative Regierung die Behörden, Schulleitungen und Firmen mit Nachdruck an, gegen den Ganzkörperschleier vorzugehen. Die Niederlande denken darüber nach, den Nikab aus Schulen und dem öffentlichen Dienst zu verbannen. In Belgien verabschiedete ein Parlamentsausschuss im März einen Vorschlag für ein Schleierverbot, die Debatte musste allerdings letzte Woche wegen einer neuen Regierungskrise ausgesetzt werden.

Frankreich könnte daher als erstes grosses EU-Land die Pionierrolle übernehmen. Sarkozy will ein entsprechendes Gesetz noch vor den Sommerferien im Schnellverfahren durch das Parlament bringen.

Die plötzliche Eile des Präsidenten erstaunt nicht nur Muslime. Noch vor wenigen Monaten hatte Sarkozy in dieser Frage zur Vorsicht gemahnt. Seit seiner bösen Schlappe bei den Regionalwahlen im März greift der Staatschef wieder auf populäre Sicherheitsthemen zurück. Zuvor hatte er eine umstrittene Debatte über die «nationale Identität» vom Zaun gebrochen.

Jetzt fährt Sarkozy beim Nikab wieder einen harten Kurs. Damit erweckt er den Eindruck, dass er diese brisante Gesellschaftsfrage letztlich seinen wahltaktischen Rücksichten unterwirft. Die Muslime in Frankreich fühlen sich dadurch stigmatisiert und meinen, die «Burka-Debatte» sei rechtspopulistisch geprägt. Das ist nicht falsch. Denn was haben Dänemark, Holland, Belgien und Frankreich gemeinsam? Nicht viel - ausser dass sie über starke populistische oder rechtextreme Parteien verfügen. Wenn Sarkozy jetzt hart reagiert, dann auch auf ihren Druck.

Dabei gäbe es eine einfache Lösung: ein generelles Vermummungsverbot. Wir leben nun einmal in einer Gesellschaft, in der man sein Gesicht zeigt. Das gilt für Katholiken und Muslime, Nonnen und Islamisten. Sogar für Demonstranten und Einbrecher. Es hat nichts mit Religion, umso mehr mit Zusammenleben zu tun.

Ein ausdrückliches Burka-Verbot, das nur den islamischen Schleier ins Visier nimmt, wäre verfehlt - und in vielen Ländern zudem überflüssig; je nach Rechtsordnung und -sprechung genügt die allgemeine Polizeiklausel, um das Verhüllen des Gesichts in der Öffentlichkeit zu bestrafen. Auf dieser Grundlage büsste ein französischer Polizist dieser Tage eine Nikab-Trägerin am Steuer. Die Gesichtsverhüllung widerspricht nicht nur den Gewohnheiten des europäischen Kulturkreises, sondern auch der Polizeiklausel. Das heisst, sie ist unzulässig.

0,05 Prozent der Muslime betroffen

Ein eigentliches Verbot des Nikab wäre auch aus einem weiteren Grund verfehlt. In Frankreich etwa kommen auf 4 Millionen Muslime weniger als 2000 Nikab-Trägerinnen (und davon sind ein Drittel Konvertitinnen). Also 0,05 Prozent der ganzen Glaubensgemeinschaft. Deshalb ist der Nikab, so schockierend er wirken mag, in vieler Hinsicht ein gesellschaftliches Scheinproblem.

Sarkozy wäre mit seinem Burka-Verbot überzeugender, wenn er die wirklich gravierenden Probleme rund um die französische Banlieue-Misere endlich anpacken würde. Es gäbe viel zu tun. Die Regierung in Paris müsste endlich die sprachliche Integration isoliert lebender Hausfrauen vorschreiben. Sie müsste der Gewalt gegen junge Frauen, die sich Lippenstift aufzulegen trauen, einen Riegel schieben; sie müsste die Zwangsehen eindämmen, gegen die Klitoris-Beschneidung junger Afrikanerinnen vorgehen. Die entsprechenden Gesetze bestehen. Und von all diesen Phänomenen sind nicht ein paar hundert, sondern jeweils Zehntausende von Immigrantinnen betroffen. Hier liegt der wahre Skandal, hier müssen die Polizei und Politiker zuerst durchgreifen. Hart durchgreifen.

Dies setzt Mut und Fingerspitzengefühl voraus sowie die notwendigen Sozialdienste vor Ort, die wissen, wie es um jene 30-köpfige Familie (davon 25 Frauen) steht, die im 13.Stockwerk eines Wohnblocks der Pariser Gemeinde Aulnay-sous-Bois in einer Fünfzimmerwohnung ihr Leben fristet. Oder um die 40 000 anderen Familien, die in Frankreich schätzungsweise in Polygamie leben. Aber Sarkozy ist in Wirklichkeit kein Mann der Tat, sondern der Mediencoups, der Scheinhandlung. Das Burka-Verbot gehört auch in diese Kategorie.

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