Volksinitiative
Burka-Verbot bringt weniger verschleierte Touristinnen – Branche fürchtet Umsatzeinbussen

Gäste aus dem arabischen Raum sind im Berner Oberland von den Touristikern besonders gern gesehen. Was aber, wenn das nationale Burkaverbot kommt?

Daniel Fuchs
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Eine verhüllte muslimische Frau in Interlaken.

Eine verhüllte muslimische Frau in Interlaken.

Sie wollen Gleitschirmfliegen, Wildwasserfahren und geniessen ihre Ferien im Berner Oberland: Wer in der Schweiz in den letzten Jahren eine vollverschleierte Frau sehen wollte, der besuchte am besten Interlaken. Gäste aus dem arabischen Raum sind dort von den Touristikern besonders gern gesehen. Sie reisen individuell, geben viel Geld aus und sind angenehm im Umgang. Was aber, wenn das nationale Burkaverbot kommt? Meiden die arabischen Gäste dann die Schweiz und mit ihr das Berner Oberland?

Der Blick nach Österreich, wo am 1. Oktober ein nationales Verhüllungsverbot in Kraft getreten ist, zeigt: nicht unbedingt. «Es kommt darauf an, welche Gäste aus den arabischen Ländern zu uns kommen», sagt Hazem Hamza. Er berät die Tourismusregion Zell am See/Kaprun über den arabischen Markt. Zell am See ist bei Arabern besonders beliebt.

Den Anteil vollverschleierter Frauen schätzt Hamza auf 50 Prozent. «Sie kommen vor allem aus Saudi-Arabien. Dort hat die Vollverschleierung Tradition.» Mit dem Islam an sich habe das weniger zu tun. Gerade aus Kuwait, Bahrain oder dem Oman kämen auch viele unverschleierten Frauen. Hamza erklärt es so: «Nur die Ungebildeten verstehen die Vollverschleierung als religiöse Pflicht. Sie werden künftig auf Reisen nach Österreich verzichten.»

Beziffern jedoch lässt sich noch nichts. Im Oktober endete die Hauptreisezeit der Araber und so sind die Hotelbuchungen und allfällige Rückgänge wegen des Burkaverbots nicht aussagekräftig, wie die Touristiker vor Ort betonen.

Interlaken statt Zell am See

Länger schon gilt das Verbot im Tessin. Doch auch dort ist kein klarer Trend erkennbar. Laut Schweiz Tourismus (ST) hat der Gesamtmarkt leicht abgenommen, auch im Tessin. Das hat aber weit stärker mit der Katar-Krise als mit dem Burkaverbot zu tun. Besuche von Kataris sind regelrecht eingebrochen, seit Saudi-Arabien und seine Verbündeten Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate den kleinen Golfstaat vergangenen Sommer isolierten.

Hinzu kamen Landeverbote für die nationale Fluggesellschaft Qatar Airways in Saudi-Arabien. «Die fehlende Konkurrenz verteuerte die Flugpreise von Saudi-Arabien in die Schweiz zum Teil massiv», heisst es bei ST. Was zur Folge hatte, dass im Herbst schweizweit weniger Saudis Ferien verbrachten und sich damit auch die Zahl der vollverschleierten Frauen reduzierte. Die Burkaverbotsinitiative in der Schweiz und die Diskussionen darüber sind in Saudi-Arabien laut ST hingegen kein Thema.

Das sieht man bei Interlaken Tourismus anders. Renato Julier ist verantwortlich für den arabischen Markt. «Die Burkainitiative gibt bei unseren Partnern, den Reiseagenturen im arabischen Raum, schon zu reden. Da kann man sich sehr viele Sympathien verspielen», sagt er. Ein Burkaverbot schrecke Araber von einer Reise ab, ist er überzeugt. Das zeige gerade das Beispiel Zell am See. Julier weiss von Arabern, die wegen des österreichischen Verschleierungsverbots Zell am See bewusst den Rücken gekehrt haben und auf Interlaken ausgewichen sind.

Für Julier ist klar, dass manche Araber bei einem Burkaverbot auch Interlaken links liegen lassen könnten. «Die Konkurrenz schläft nicht. Schon jetzt fliegen viele Araber nach Armenien oder Georgien in die Ferien.»

Burkaverbot hin oder her – Kenner des arabischen Markts gehen davon aus, dass sich immer weniger Frauen voll verschleiern. Das erhoffen sie sich aufgrund der angestrebten Reformen in Saudi-Arabien. «Ich spüre eine liberale Aufbruchstimmung», sagt der für die Golfregion verantwortliche ST-Mann in Dubai, Matthias Albrecht. «Gerade dieses Jahr ist es mir aufgefallen, als ich Saudi-Arabien besuchte: Man sah viel weniger vollverschleierte Frauen auf der Strasse als noch vor vier Jahren.»

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