Ausser ein paar koreanischen Touristen, die in schwarzen Winterschals und dicken Mänteln eingepackt vor dem Luxushotel Victoria-Jungfrau im Schnee liegen und Selfies schiessen, sind an diesem Nachmittag weit und breit keine vermummten Menschen zu sehen in Interlaken.

Nirgendwo Burkas, nirgendwo Niqabs. Und doch wird das Thema Verhüllung hier heiss diskutiert. Allerspätestens, seit der Solothurner SVP-Nationalrat Walter Wobmann im vergangenen März seine Volksinitiative «Ja zum Verhüllungsverbot» – die «Burka-Initiative» – lanciert hat.

Sie fordert, dass niemand im öffentlichen Raum sein Gesicht verhüllen oder verbergen darf. Rund 70 000 Unterschriften hat Wobmann bereits beisammen. Schon im Sommer will er sie in Bern einreichen. In spätestens vier Jahren soll an der Urne über das Begehren abgestimmt werden. Das ist Wobmanns Fahrplan. Und der bringt im verschneiten Interlaken jetzt schon viele ins Schwitzen.

Wie kaum ein anderer Ferienort in der Deutschchweiz ist Interlaken abhängig von arabischen Touristen. Mit 123 878 Logiernächten waren sie 2016 das zweitwichtigste Gästesegment. Verhüllte Musliminnen gehören zwischen Mai und August zum Strassenbild. Und wenn man ihnen plötzlich Kleidervorschriften machen würde, dann kämen sie nicht mehr und brächten den lokalen Tourismus in arge Nöte, so die Sorge vieler Interlakner Touristiker.

Wobmanns Koran-Verweis

Am Mittwochabend lud die SVP Interlaken deshalb Ober-Burka-Gegner Wobmann und den lokalen Tourismus-Direktor zum Kaminfeuergespräch ins «Victoria-Jungfrau» ein, um Wobmanns Initiative «mou eis hurti zäme azluege», wie es Gesprächsleiter und SVP-Gemeinderat Franz Christ ausdrückte. Am Kaminfeuer also sitzt Walter Wobmann. Für ihn sind Burka-Trägerinnen kulturelle Eindringlinge. Ihm gegenüber sitzt Daniel Sulzer. Für ihn sind sie willkommene Gäste. Wer hat recht?

Das sagt Franz Christ, SVP-Gemeinderat Interlaken.

«Die Schwäche der Initiative liegt darin, dass sie nicht zwischen Touristen und Einwanderern unterscheidet. Es ist provokativ, anständige Touristen und vermummte Chaoten aufs gleiche Niveau herunterzureissen», sagte Sulzer. Diese fehlende Unterscheidung zeige, dass die Initianten des Burka-Verbots «absolut keine Kenntnis der touristischen Situation» hätten.

Für den Tourismus in Interlaken sei es bedrohlich, wenn man den Gästen plötzlich Kleidervorschriften mache. «Wir dürfen nicht eine derartige Hetze gegen unsere Gäste lostreten», betonte der Tourismusdirektor.

Das sagt Walter Wobmann, Intitiant der Verhüllungsverbots-Initiative und Solothurner SVP-Nationalrat.

Sulzer rechnet damit, dass rund 20 Prozent der arabischen Gäste nicht mehr kämen, wenn das Verbot durchgesetzt würde. Das wäre ein Minus von knapp 25 000 Übernachtungen jährlich. Ein empfindlicher Einschnitt für die Region, die (wie viele andere) gegen sinkende Besucherzahlen kämpft. Für Sulzer ist deshalb glasklar: «Wenn das Verbot käme, dann bräuchte es eine Spezialregelung für Interlaken.»

Das sagt Daniel Sulzer, Tourismusdirektor Interlaken.

Für solche Burka-spezifischen Extrawünsche hat Wobmann aber kein Gehör. Eine Sonderregelung für Touristen komme nicht infrage. «Saudi-Arabien, von wo viele Burka-Touristinnen kommen, hat seine Landsleute kürzlich dazu aufgerufen, auf Reisen die Sitten im Ausland zu respektieren. Diesen Leuten ist das egal, wenn sie ihre Verschleierung in den Ferien ablegen müssen», sagte Wobmann. Zuhause habe er einen Koran, da stehe nichts drin von Verhüllung. Und sowieso: «Wir sind es, die die Hausordnung durchgeben müssen.»

Tessiner Sorgen

Dass das problemlos funktioniere, zeige das Beispiel Tessin, wo seit Juli ein kantonales Burka-Verbot gilt. «Im Tessin haben die Touristinnen den Schleier bisher immer abgelegt, wenn sie dazu aufgefordert wurden», sagte Wobmann. Die Anzahl arabischer Touristen sei seit der Einführung des Verbots sogar gewachsen. «Ich kann eure Sorgen nicht nachvollziehen.»
Anders sieht das Stefan Ryser, der für Interlaken den arabischen Reisemarkt betreut.

«Nachdem das Verbot im Tessin eingeführt wurde, haben arabische Reiseveranstalter besorgt bei uns nachgefragt, ob das Verbot in Interlaken auch gelte», erklärte Ryser. Zudem habe es eine Verschiebung von arabischen Touristen ins Berner Oberland gegeben. «Das negative Signal, das wir mit einem Verbot in Richtung der arabischen Länder senden würden, wäre für uns als Reiseland äusserst problematisch.»

Kulturelle Eindringlinge oder willkommene Gäste: Darüber wurde man sich am Interlakner Kaminfeuer nicht einig. Wobmann kämpft weiter für das Verbot. Und auch die Interlakner Touristiker sind sich neuerdings uneins (siehe Box unten).

Und die Burka-Trägerinnen? Die liessen sich schliesslich doch noch blicken. Auf schwarz-roten Plakaten in der Bahnhofsunterführung, wo sie – ungewollt – gegen die Initiative für die erleichterte Einbürgerung werben. Den warm eingepackten Touristen, die ihre Rollkoffer durch die Unterführung zogen und an den Plakaten vorbeihuschten, fielen sie nicht auf.