Was ist nicht alles spekuliert worden in den vergangenen Tagen: Tritt mit Doris Leuthard ausgerechnet diejenige Bundesrätin am 9. Dezember nicht mehr zur Wiederwahl an, die einerseits bei Bevölkerung und Parlament die höchsten Sympathiewerte geniesst und andererseits vor dem Abschluss zentraler Politgeschäfte steht? Mehr noch als sie selbst wollte nun offenbar ihre Partei den Gerüchten ein Ende bereiten.

Im «SonntagsBlick» kündigte CVP-Präsident Christophe Darbellay an, dass sich die Aargauerin wiederwählen lassen wolle. Eine solche Aussage ist selbstverständlich mit Leuthard abgesprochen – womit sie, indem sie den abtretenden CVP-Chef vorschickt, ihrer Partei in der letzten Phase des Wahlkampfs einen Aufmerksamkeitsschub ermöglicht, welcher der prognostizierten Wahlverliererin zumindest nicht schaden wird.

Damit ist etwas mehr Licht im Dunkel der anstehenden Gesamterneuerungswahlen der Landesregierung. Denn diese werden von den Parteistrategen – dafür reicht ein kurzer Blick in die gestrigen Sonntagszeitungen – derzeit mindestens so heftig diskutiert wie der Ausgang der Wahlen. Wer steigt mit wem ins Bett, damit eine Mehrheit zustande kommt? Und mit welchem Personal haben die Parteien die grösstmöglichen Erfolgsaussichten?

Was macht Widmer-Schlumpf?

Schauen wir die Fakten an: Die SVP als mit Abstand grösste Partei der Schweiz beansprucht einen zweiten Sitz im Bundesrat. Dort ist der Sesseltanz allerdings wenig spektakulär.

Sechs der sieben amtierenden Regierungsmitglieder treten zur Wiederwahl an. Einzig BDP-Vertreterin Eveline Widmer-Schlumpf scheut die Frage wie der Teufel das Weihwasser. Seit Monaten wiederholt sie mantrahaft, dass ihre Entscheidung vom Ausgang des kommenden Wahlsonntags abhängt.

Die Bündnerin dürfte noch am Abend des 18. Oktobers die Namensliste des neu zusammengesetzten Parlaments genau durchgehen und für sich nachrechnen, ob sie mit einer Mehrheit rechnen kann. Das Lager ihrer Anhänger umfasst neben der eigenen Partei die SP, die Grünen, die GLP und grossmehrheitlich die CVP, welche die inhaltliche Konkordanz damit stärker als die arithmetische gewichten.

Auch wenn gemäss allen Umfragen SVP und FDP Wähleranteil und Sitzzahl steigern werden, bräuchte es einen derzeit kaum vorstellbaren Erdrutschsieg, damit die beiden Parteien in der vereinigten Bundesversammlung eine Mehrheit haben. Aktuell zählt das rechte Lager 104 Sitze, je nach Anzahl Abweichler in anderen Parteien fehlen ihnen mindestens 15 zusätzliche Sitze. Dass Widmer-Schlumpf nicht mehr antritt, wäre daher eine Überraschung.

Ein Herz und eine Seele

Vor diesem Hintergrund stehen die neusten Verlautbarungen aus den Parteizentralen erstaunlich quer in der Landschaft. Einhellig forderten Christian Levrat und Christophe Darbellay vergangene Woche, dass die SVP aus Rücksicht auf die Sprachminderheiten einen Westschweizer Kandidaten aufstellen müsse.

Die Präsidenten von SP und CVP versuchen damit, Druck auf die grösste Partei des Landes aufzubauen, sind deren Bundesratskandidaten doch vornehmlich östlich des Röstigrabens beheimatet.

Die Argumentation des Mitte-Links-Blocks ist allerdings insofern schwachbrüstig, als dass sie dem welschen SVP-Kandidaten Jean-François Rime schon bei zwei Gelegenheiten ihre Stimme versagte.

Klar ist: Wie schon die Abwahl von Alt-Bundesrat Christoph Blocher zeigte, sind Darbellay und Levrat nicht nur gewiefte Taktiker, sondern auch freundschaftlich miteinander verbunden. Bei einem Rücktritt Widmer-Schlumpfs – wann auch immer dieser erfolgt – kann das Darbellay für eine eigene allfällige Bundesratskandidatur nur nützen.

Auch GLP-Chef Martin Bäumle, dessen Partei bei der Bundesratswahl trotz prognostizierten Sitzverlusten das Zünglein an der Waage spielen könnte, erteilt der SVP neuerdings Ratschläge.

Er bringt via «SonntagsZeitung» den Schaffhauser SVP-Ständerat Hannes Germann ins Spiel – und damit die SVP in eine ungemütliche Lage. Taktikfuchs Bäumle weiss genau: Germann weicht in zentralen Fragen von der Parteilinie ab und ist deshalb alles andere als ein Wunschkandidat der SVP-Chefetage – auch wenn ihn die parteiinterne Findungskommission auf dem Radar hat.

Richtig spannend werden die skizzierten Szenarien erst im Fall eines Rücktritts von Widmer-Schlumpf. Entscheidet sie sich für eine erneute Kandidatur am
9. Dezember – und derzeit deutet alles darauf hin –, dürfte beim Bundesratsfoto des kommenden Jahres gegenüber der aktuellen Version genau eine Person neu im Bild sein: der Bundeskanzler.