Geschichte

Bundesratslexikon – eine Fundgrube für Politik-Nerds: Das Risiko der frühen Würdigung

Urs Altermatt, Herausgeber des Bundesratslexikons.

Urs Altermatt, Herausgeber des Bundesratslexikons.

Das Bundesratslexikon liegt in einer überarbeiteten und erweiterten Neuauflage vor. Es ist eine Fundgrube für Politik-Nerds.

Nummer 109 und 114 machten dem Herausgeber im letzten Jahr einen Strich durch die Rechnung. Wegen der Rücktritte von Doris Leuthard und Johann Schneider-Ammann verspätete sich die Erscheinung des Bundesratslexikons. Ab heute ist die Neuauflage erhältlich. Etwas später, dafür topaktuell. Auch die Wahl von Viola Amherd und Karin Keller-Sutter ist darin berücksichtigt, Bundesrätinnen 118 und 119.

Das Bundesratslexikon, das 1991 zum 700-Jahr-Jubiläum der Eidgenossenschaft erschienen ist, avancierte längst zum Standardwerk. Herausgeber Urs Altermatt gilt als der Bundesratsspezialist schlechthin. Sein Lexikon ist Nachschlagewerk für Forscher, Politiker, interessierte Bürger. Und wenn ein Journalist im Vorfeld von Bundesratswahlen über historische Gegebenheiten recherchiert, dann greift auch er zum Bundesratslexikon. Sofern er es denn hat: Die deutsche Version ist seit längerem vergriffen. Umso sehnlicher wurde die Neuauflage erwartet.

Ulrich Ochsenbein rehabilitiert

Kernelement sind die Porträts aller Mitglieder der Schweizer Landesregierung. Ergänzt werden sie durch eine Einführung des Historikers Altermatt über den langen Weg des Bundesrates zur Konkordanzdemokratie sowie zahlreiche Übersichtstabellen. Die Neuauflage enthält 20 neue Biografien von Bundesräten, die seit 1991 zurückgetreten sind. Die Texte der Erstausgabe wurden überarbeitet, zum Teil komplett; neue Forschungsergebnisse flossen ein.

So wird heute das Wirken von Ulrich Ochsenbein (Nummer 2) wesentlich positiver dargestellt als in der Erstaufauflage. Damals hiess es noch, er habe «kaum markante Spuren hinterlassen, und sein Wirken in der Landesexekutive weckt weniger Bewunderung für das Geleistete als Mitgefühl wegen der Enttäuschung und Niederlagen, die Ochsenbein ertragen musste». Die Bundesversammlung wählte den Berner 1854 ab – das gleiche Schicksal ereilte in der Geschichte des modernen Bundesstaates nur noch drei weitere Bundesräte, darunter Ruth Metzler und Christoph Blocher. In der Neuauflage bilanziert Rolf Holenstein, die Abwahl sei die Quittung dafür gewesen, dass Ochsenbein 1848 das Zweikammersystem und die Politik der Neutralität durchgesetzt habe. Ochsenbein als Erfinder der modernen Schweiz und nicht als bemitleidenswerter und beinahe vergessener Politiker. Diese Rehabilitation fand nun auch Eingang ins Lexikon.

Über 80 Autoren haben am Werk mitgewirkt. Die Biografien sind immer gleich strukturiert und zum grössten Teil sachlich geschrieben – wie man es von einem Lexikon erwartet. Ob Sitzverlust der CVP im Bundesrat, Blochers Abwahl, Eveline Widmer-Schlumpfs Parteiausschluss oder die Kleinstpartei BDP mit zwei Vertretern im Bundesrat – auch stürmische Zeiten werden mit der erforderlichen Nüchternheit beschrieben.

Heikle Wertungen

Das Beispiel Ochsenbein zeigt, dass sich die Beurteilung eines Bundesrates im Laufe der Zeit ändern kann. Um so risikoreicher erscheinen Würdigungen von eben erst abgetretenen Bundesräten. Macht dies so zeitnah Sinn? Nicht in jedem Fall. So würdigt der Westschweizer Publizist José Ribeaud die Europapolitik des ehemaligen Neuenburger Aussenminister Didier Burkhalter (Nummer 112) mit den Worten: «Die bundesrätliche Kakofonie, die nach Burkhalters Rücktritt eintrat, die deutlichen Signale aus Brüssel an Bern und das Fehlen einer alternativen aussenpolitischen Strategie zeigen, dass Didier Burkhalter und seine Verhandlungsführer in Brüssel den richtigen Weg vorgezeichnet hatten: Nur dieser Weg vermeidet eine langsame Erosion der bilateralen Verträge, die für die Schweizer Wirtschaft von höchster Wichtigkeit sind.» Angesprochen ist damit das institutionelle Abkommen mit der EU, das Burkhalters Nachfolger Ignazio Cassis (Nummer 117) fertig verhandelt hat. Es ist das umstrittenste innenpolitische Dossier derzeit. Seit dem Rücktritt von Burkhalter ist vieles passiert, man denke nur an den Streit um die flankierenden Massnahmen zum Lohnschutz. Wie das Ringen ausgehen wird? Das mag heute niemand wirklich sagen.

Urs Altermatt (Hrsg.) «Das Bundesratslexikon». Verlag NZZ Libro 2019. Ca. 700 Seiten, 200 Abb., Fr. 98.–.

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