Cyber-War
Bundesrat stellt Ueli Maurers Cyber-Chefpolizisten kalt

Im Streit, wie sich die Schweiz gegen Cyber-Attacken am besten wappnet, hat VBS-Chef Ueli Maurer im Bundesrat eine Schlappe einstecken müssen. Der Bundesrat will keine zentrale, sondern eine dezentrale Lösung. Maurers Cyber-Chefs wurden entmachtet.

Christian Nünlist
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Cyber-Warrior Ueli Maurer ist das Lachen vergangen.

Cyber-Warrior Ueli Maurer ist das Lachen vergangen.

Keystone

In einem «stillen Putsch» haben die Cyber-Krieger im Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) die Federführung über das Prestigeprojekt einer neuen nationalen Cyber-Defense-Strategie verloren. Laut az-Recherchen entzog Verteidigungsminister Ueli Maurer bereits Anfang April den Projektleitern Divisionär Kurt Nydegger und Gérald Vernez das Vertrauen. Seit Ende 2010 hatte ihre siebenköpfige Gruppe «Cyber Defense» im Auftrag des Bundesrats daran gearbeitet, eine landesweite Strategie für den Kampf gegen den neuen Feind aus dem Internet zu entwerfen.

Dezentral und entmilitarisiert

Nachdem das unter VBS-Führung entstandene Strategiepapier am 4. April im Gesamtbundesrat Schiffbruch erlitten hat, fand ein radikaler Kurswechsel statt. Die vom Bundesrat verlangte Revision und Vertiefung des 30-seitigen Strategieberichts bis zu den Sommerferien (die az berichtete) führen nun laut zwei Insidern nicht länger die Cyber-Warriors aus dem VBS durch, sondern Marc Henauer, der Chef der Melde- und Analysestelle Informationssicherung (Melani). Henauer trägt zwei institutionelle Hüte, denn «Melani» ist ein in Bundesbern einzigartiges Kooperationsmodell des Nachrichtendiensts (NDB/VBS) und des Informatiksteuerungsorgans des Bundes (ISB) in Eveline Widmer-Schlumpfs Finanzdepartement (EFP).

Über ein Jahr lang rangen im Cyber-Defense-Projekt zwei verschiedene Denkschulen um die Meinungshoheit: Sollte eine neue grosse «Cyber-Ghostbuster-Truppe» im VBS den unsichtbaren Feind im Internet militärisch bekämpfen? Oder sollte die Schweiz den neuen Risiken dezentral mit bereits bestehenden Ressourcen, aber dank besserer Koordination und besserem Austausch aller beteiligter Akteure begegnen? Der Bundesrat entschied sich offenbar Anfang April für die dezentrale Variante à la Melani.

Spezialisten beiziehen

Damit scheint auch gewährleistet, dass die Cyber-Defense-Strategie optimal mit der ebenfalls in diesem Jahr erwarteten «Nationalen Strategie zum Schutz kritischer Infrastrukturen» abgestimmt wird, welche das Bundesamt für Bevölkerungsschutz erarbeitet. Wahrscheinlich werden die beiden Strategien nun gemeinsam in den nächsten Wochen verabschiedet. Henauers Melani, die in der Schweiz und international einen ausgezeichneten Ruf geniesst, soll zudem auch das stark ramponierte Vertrauen der Partner aus der Privatwirtschaft wieder herstellen, die sich am VBS-Denken störten und sich zum Teil bereits im Herbst direkt bei Ueli Maurer darüber beklagt hatten.

Nach aussen hin treten Nydegger und Vernez immer noch als offizielle Projektmanager und Verantwortliche für die nationale Cyber-Defense-Strategie auf. Das VBS erklärte gestern der az auf Anfrage: «Die Projektleitung liegt immer noch bei Kurt Nydegger.» Angesprochen auf Marc Henauer, ergänzte VBS-Sprecherin Silvia Steidle: «Um gewisse technische Fragen, wie vom Bundesrat verlangt, vertiefen zu können, hat das VBS entschieden, Spezialisten beizuziehen.»

Klein, aber fein

Ende April hatte Gérald Vernez an einer Tagung in Aarau behauptet, der Bundesrat habe «drei von vier Kapiteln gelobt» und sich für eine «ambitionierte Variante» entschieden: «50 zusätzliche Bundesstellen sollen geschaffen werden», so Vernez. Diese rosige Sicht wird von den Insidern gegenüber der az bestritten. Gebraucht würden nicht 50 neue Stellen, sondern eine kleine Koordinationsstelle für den Informationsaustausch zwischen Behörden und Unternehmen.

Marc Henauer hat das vom Bundesrat kritisierte VBS-Strategiedokument in den letzten Wochen offenbar bereits umgeschrieben. Das Schlusskapitel über die Kompetenzfragen wurde laut einem gut informierten Insider dabei vollständig überarbeitet, die ersten drei Kapitel «kampfwertgesteigert» – eine Bezeichnung, die nicht einer gewissen Ironie entbehrt, wurde den VBS-Internetkriegern doch eine zu militärische Sicht auf das komplexe Problem von Cyber-Risiken vorgeworfen.