Guy Parmelin hat ein gedrängtes Programm an diesem Nachmittag. Es ist das dritte Interview, das er im Sitzungsraum im Bundeshaus Ost gibt. Anstalten, die Stimmung mit Smalltalk aufzulockern, macht er keine. Er sitzt auf seinem Stuhl vor seinem leeren Glas und wartet auf die erste Frage. Im Gespräch wirkt er dann aber zunehmend aufgeräumt und gut gelaunt, und er antwortet in bereits erstaunlich gutem Deutsch.

Herr Bundesrat, es ist Dezember. Was würden Sie um diese Jahreszeit auf dem Bauernhof machen?

Guy Parmelin: Jetzt gibt es noch etwas Arbeit im Rebbau. Die Buchhaltung muss gemacht werden, der Düngerplan fürs kommende Jahr, Bildungskurse für Weinbauern stehen an. Und eine Jahresbilanz: Was lief gut, was nicht?

War die Ernte gut?

Ja. Gute Qualität, gute Öchslegrade! Bis Mitte August hatten die Weinbauern Angst: Zehn Tage Verspätung, immer Regen. Aber dann gab es schönes Wetter, einen guten September, es war kalt während der Nacht. Wir hatten Glück.

Was gefällt Ihnen besser: Bauer oder Bundesrat?

Es ist nicht vergleichbar. Ich war mit Freude Bauer. Aber das jetzt ist auch sehr interessant, spannend. Und turbulent! Ich habe sehr gute Mitarbeiter. Wir haben natürlich viele Herausforderungen, wie andere Departemente auch. Aktuell sind es die Finanzen. Wenn der Bundesrat beim Personal linear streichen muss, trifft uns das hart: Im VBS arbeitet ein Drittel des Bundespersonals. Das gäbe Probleme und Verzögerungen bei Projekten. Aber wir sind ja erst am Anfang des Budgetprozesses.

Wie erleben Sie die Arbeit im Kollegium Bundesrat?

Interessant und konstruktiv! Unsere zwischenmenschlichen Beziehungen sind sehr gut. Natürlich haben wir oft unterschiedliche Meinungen – wir sind ja eine Koalitionsregierung. Das gibt spannende Diskussionen. Aber am Ende finden wir immer eine Lösung. Entweder eine Mehrheits- oder eine Kompromisslösung.

Sie haben sich schnell den Ruf eines strengen Chefs erworben im VBS. Sie kontrollieren und schauen genau hin.

Das ist meine Aufgabe. Das muss ein Chef. Wir haben viele laufende Projekte. Bei den Topprojekten will ich wissen: Wo stehen sie, gibt es Probleme? Das muss ich tun, es geht um Hunderte von Millionen Franken! Das sind wir dem Steuerzahler auch schuldig.
Es ist viel besser, laufend zu kontrollieren, als dass am Schluss ein Projekt abstürzt.

Sind Sie zufrieden?

Jetzt läuft es gut. Zu Beginn des Jahres liess ich mir die grossen Projekte zeigen. Einige waren gut. Bei anderen habe ich gesagt: Kommen Sie in sechs Monaten wieder. Was ich festgestellt habe: Wir haben ziemlich viele Dossiers und Projekte in der Pipeline. Das Problem dabei: Wir haben nicht die Ressourcen und das Personal, alles zu machen.

Sie wollen weniger Projekte?

Ja. Wir müssen unbedingt stärker priorisieren. Wir müssen den Mut haben, zu sagen: Dieses Projekt ist vielleicht interessant, aber es hat keine Priorität.

Haben Sie ein Beispiel?

Bald müssen wir die grossen terrestrischen Systeme erneuern. Wir werden in den nächsten zehn, fünfzehn Jahren sehr gut analysieren müssen, welche dieser Systeme wir erneuern oder verlängern wollen. Es wird Entscheide brauchen, es werden nicht alle zufrieden sein.

Zu reden gab intern, weil Sie gewisse Unterlagen auf Französisch verlangen.

Bei sehr komplexen Dossiers verlange ich von meinen Leuten, die Eckpunkte auf Französisch festzuhalten. Aber das kommt selten vor.

Hat es ein Welscher schwerer in Bern?

Das denke ich nicht. Viele bemühen sich, Französisch zu sprechen. Welsche Mitarbeiter versuchen, mit ihren Kollegen Deutsch zu reden. Andere unterhalten sich in zwei Sprachen. Einige nehmen am Abend sogar Kurse in Schweizerdeutsch. Alles freiwillig, von sich aus!

Das VBS, ein Völkerverständigungsdepartement ...

(Lacht) Jaja!

Sie haben das Luftabwehrsystem Bodluv sistiert. Das gab Ärger. War dieser Entscheid richtig?

Ja. Es gab zu viele Fragen, die noch offen waren, z. B. bei den Kosten und den Anforderungen. Hätte ich das nicht sistiert, hätten Polemik und Unsicherheit den ganzen Sommer über angehalten. Und ab September hätten mich die Parlamentarier gefragt, warum ich das nicht sistiert habe.

Die Geschäftsprüfungskommission dürfte Sie aber demnächst in einem Bericht dafür kritisieren.

Das Parlament spielt seine Rolle. Unsere eigene Administrativuntersuchung hat ergeben, dass die Sistierung politisch nachvollziehbar war. Zudem wurden schon einige Empfehlungen aus dem Bericht der Untersuchung umgesetzt, weitere werden folgen. Wir werden die Prozesse laufend verbessern. Die von mir eingesetzte Expertengruppe und die Begleitgruppe arbeiten zurzeit Empfehlungen aus, was wir in der dritten Dimension, bei Luftabwehr und Kampfflugzeugen, benötigen. Wir werden Prioritäten setzen müssen. Man kann nicht alles haben, was man möchte. Wahrscheinlich brauchen wir ein Bodluv.

Ein kleineres, kostengünstigeres?

Es ist zu früh für solche Schlussfolgerungen. Es ist wie bei den neuen Kampfflugzeugen. Wenn man nur Luftpolizei will, genügen vielleicht 25 oder 30 neue Flugzeuge. Wenn man den Dritten Weltkrieg vorbereiten möchte, genügen 120 wahrscheinlich nicht.

Möchten Sie das?

Nein! Aber einige Leute haben sportliche Ideen. Doch sie sagen uns nie, wie man solche Vorhaben finanzieren kann und bei der Bevölkerung eine Mehrheit erhält.

Diese Woche war der französische Verteidigungsminister in Fribourg. Hat er Ihnen schon ein Angebot gemacht für seinen Rafale-Kampfjet?

(Lacht) Nein! Jedes Land, zuletzt auch Schweden, fragt mich derzeit, wie unser Zeitplan aussieht. Den habe ich meinem Kollegen aus Frankreich erklärt. Wir haben vor allem allgemeine Fragen diskutiert. Wir haben mehrere Kooperationen mit Frankreich. In der Bildung etwa, aber auch im Luftraum. Das funktioniert sehr gut. Mit anderen Ländern wollen wir das auch verbessern. Mit Österreich etwa bereiten wir einen Pilotversuch vor. Es geht darum, dass wir in gewissen definierten Räumen den jeweils anderen Luftraum koordiniert nutzen können. Wenn alles gut läuft, können wir das am nächsten WEF in Davos testen.

Es gibt Leute, die sagen: Weil Sie Romand sind, würden Sie bestimmt den Rafale kaufen wollen.

Ich habe im Moment keine Meinung dazu. Was mich jetzt interessiert: Was brauchen wir genau? Fragen wie: Machen wir noch Offset, also Kompensationsgeschäfte?

Offset ist ja sehr umstritten.

Deutschland etwa macht das nicht mehr. Es kann interessant sein für unsere Unternehmen: Aufträge, Technologietransfer. Aber es kostet mehr. Und man muss sehr aufpassen: In Österreich kam es zu Korruption bei Gegengeschäften.

Beim Eurofighter-Kauf?

Ja. Das wird eine sehr heikle und politische Entscheidung.

Wie viel können Sie maximal zahlen? Sieben, zehn Milliarden?

Das kann ich heute nicht sagen. Entscheidet man, nur Luftpolizei zu machen, braucht man nicht hochmoderne und entsprechend teure Kampfflugzeuge. Wenn man aber entscheidet, dass wir im Kriegsfall eine gewisse Zeit selber durchhalten wollen, kostet das sofort mehr.

Kommt der vom Volk abgelehnte Gripen überhaupt noch infrage?

Auch das lasse ich analysieren.

Braucht es Erdkampf-Fähigkeit?

Auch das ist offen. Wenn ja, fragt sich: Was kostet es? Welche Probleme ergeben sich? Ich will jetzt zuerst die Spezialisten hören. Einige haben wunderliche Ideen und Visionen.

Nato, Kampfeinsätze?

Niemals! Ich will das nicht und der Bundesrat auch nicht. Wir sind neutral, und das bleiben wir. Es ist übrigens nicht Parmelin, der sagt, welchen Kampfjet wir brauchen, sondern der Bundesrat. Ich kann einen Tarnkappen-Bomber bestellen, dann sagt mir der Bundesrat sofort: He, gehts noch! Im Ernst: Ich bin offen und pragmatisch. Ich lasse gute Grundlagen für gute Entscheide ausarbeiten, um am Schluss die Mehrheit zu überzeugen.

Eine Rolle bei Ihren Überlegungen spielt ja auch die Bedrohungslage. Hat sich die verändert in letzter Zeit?

Ja. Die Lage ist sehr volatil. In der Krim wurde zum ersten Mal seit dem letzten Weltkrieg eine Grenze mit Gewalt verschoben.

Verändert der neue US-Präsident Trump die Bedrohungslage? Wenn die USA nicht mehr Weltpolizist spielen oder die Nato schwächen?

Es ist zu früh, das zu beurteilen. Die Amerikaner wissen selbst noch nicht, was unter Trump passieren wird. Ohnehin haben wir unsere eigenen Prioritäten: Den Schutz unseres Luftraums sicherstellen. Die beschlossene Weiterentwicklung der Armee konkretisieren. Die ist ja ein Glücksfall: Während die anderen Staaten ihre Verteidigungsbudgets eilends erhöhen müssen, haben wir die Grundlagen bereits geschaffen. Sollte sich die internationale Lage verschlechtern, können wir immer noch reagieren.

Was kommt danach an grossen Projekten?

Etwa die Abwehr gegen Cyberangriffe. Das Problem wird unterschätzt. Wir sind seit Januar, nach dem Hacker-Angriff auf die Ruag, intensiv mit der Frage befasst. Wo sind wir gut, wo nicht, brauchen wir Mittel? Unsere Strategie muss sich in die Strategie des Bundes integrieren. Darum brauchen wir so schnell wie möglich Entscheidungen auf Niveau Bundesrat.
Es geht um neue, sehr wichtige Herausforderungen nicht nur für Armee und Bund, sondern auch für die Wirtschaft.

Etwa um die Abwehr von Hacker-Angriffen. Stichwort Putin.

Das sagen Sie.

Macht Ihnen Putin Sorgen? 

Das ist schwierig zu sagen. Ich sage nicht, dass wir wieder in den Kalten Krieg kommen. Aber die Stimmung ist zum Teil aggressiv, die Nervosität sehr gross.