Susanne Hochuli
Bundesfeieransprache von Regierungsrätin Susanne Hochuli in Reitnau

«Liebe Reitnauerinnen und Reitnauer Dass ich heute Abend in dem Dorf, das meine Heimat ist, die 1.-August-Ansprache halten darf, ist für mich keine Selbstverständlichkeit. Ganz im Gegenteil: Ich hätte es verstehen können, wenn sich die Organisatoren der Bundesfeier gesagt hätten: "D Hochueli esch jetz dermasse of aune Kanäu, dass mer si ned ou no a öisere Fiir müend ha." Umso mehr freue ich mich, dass ich heute zu Ihnen, liebe Reitnauerinnen und Reitnauer, sprechen darf.

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Susanne Hochuli

Susanne Hochuli

Aargauer Zeitung

Wenn ich an die vergangenen Wochen und Monate zurückdenke, geht mir vieles durch den Kopf. Das Meiste hat mit dem zu tun, was ich in meinem neuen Amt als Regierungsrätin erlebt habe. Aber nicht nur: Ich durfte im Mai auch an zwei Veranstaltungen mitwirken, die mich ganz besonders berührt haben. Und die auch etwas mit dem heutigen Tag, dem 1. August eben, zu tun haben. Ich erinnere mich zum einen an den schönen Anlass der Kultur- und Landschaftskommission Reitnau, an dem wir Elena Hochuli-Superina auszeichnen konnten. Ich erinnere mich aber auch an den 20. Todestag meines Vaters, an dem Ausschnitte aus dem Film "I bi no Puur" gezeigt wurden.

So unterschiedlich die beiden Menschen, so unterschiedlich die beiden Anlässe über sie auch waren - eines verband sie: die Frage nach dem, was "deheime sii" bedeutet, aber auch nach dem, was "ke Heimet ha" meint. Und was es heissen kann, wenn man sich aufgrund seiner Herkunft oder wegen seiner Ansichten nicht zu jenen zählen kann, "wo dezue ghöre", sondern sich zu jenen zählen muss, "wo dosse send".

Das sind für mich ganz entscheidende Fragen, wenn es darum geht, ob es Heimat bloss auf dem Papier oder auch im Herzen gibt. Jeder und jede Einzelne kann sich dabei selber befragen, wie er oder sie es hat. Und wird feststellen, dass Heimat nicht etwas ist, das einem in den Schoss fällt, sondern etwas, das jeder und jede Einzelne immer wieder neu erfinden muss. Und das gilt auch für die Schweiz: Letztlich muss sich auch das Land stets von neuem fragen, ob der Vorrat an Gemeinsamem, Verbindendem, an Heimat eben noch ausreicht - oder ob es Anstrengungen braucht, dem Trennenden, dem Ausgrenzenden zu begegnen.

Ich habe es heute Nachmittag schon an der Bundesfeier in Gontenschwil gesagt und sage es heute Abend in Reitnau gerne noch einmal: Dazu braucht es immer wieder Ideen. Ideen, die bewegen, Ideen, die vorwärts gewandt sind, Ideen, die Undenkbares denken lassen, Ideen, die sich noch auf unsicherem Boden bewegen, Ideen, die sich entwickeln dürfen. Wobei wir alle wissen: Das Schwerste an einer Idee ist nicht, sie zu haben, sondern zu erkennen, ob sie gut ist oder nicht. Um das zu erkennen, brauchen wir einen Spiegel. Oder, noch besser, einen Dialogpartner. Menschen verwirklichen sich im Dialog: in der doppelten Fähigkeit, zu reden und zuzuhören, zu antworten, aber auch darin, sich vom Wort treffen zu lassen. Anders gesagt: Dialog, das meint die Bereitschaft zum Austausch.

Die Geschichte ist letztlich eine Ansammlung von mehr oder weniger guten Ideen - und von mehr oder weniger geglückten Dialogen. Die Finanz- und Wirtschaftskrise ist das Ergebnis von ein paar guten und vielen schlechten Ideen sowie von ein paar guten und vielen schlechten Dialogen. Das bedeutet: Um diese Krise nachhaltig zu überstehen, müssen wir neue, frische, unkonventionelle Fragen stellen. Nicht nur ich als Regierungsrätin und als Departementsvorsteherin, sondern auch als Bio-Bäuerin und als Mutter, als Reitnauerin, als Suhrentalerin, als Aargauerin, als Schweizerin und schliesslich als Erdenbürgerin. Wenn wir, jeder und jede von uns, diese Fragen stellt und bereit ist, einen Dialog zu führen und sich von einer gegensätzlichen Idee nicht ins Bockshorn jagen lässt, dann, ja dann können wir verhindern, dass schlecht verdaute Ideen und schlecht geführte Dialoge Kopfschmerzen (und vielleicht sogar Wirtschaftskrisen) verursachen.

Was ich Ihnen, liebe Reitnauerinnen und Reitnauer, sagen will: Ich kann meinen Beitrag damit leisten, dass ich mich an der Ideenfindung beteilige und mit Ihnen zusammen kreativ bin - zu Hause, im Büro, auf meinem Bio-Bauernhof. Und ich frage Sie: Wo und wann waren Sie das letzte Mal wirklich kreativ? Wann und wo haben Sie ein Problem mit einer innovativen Idee gelöst?

Ich möchte Ihnen ein gutes Beispiel für eine grosse innovative Idee näher bringen, die aus der Landwirtschaft stammt, der ich mich immer noch verbunden fühle. Der Weltlandwirtschaftsrat hat letztes Jahr den Weltlandwirtschaftsbericht veröffentlicht. Man hat wenig davon mitbekommen, aber er ist wirklich revolutionär.

Einige Kernaussagen:
- Der entscheidende Faktor zur Bekämpfung des Hungers ist nicht die Steigerung der Produktivität um jeden Preis, sondern die Verfügbarkeit von Lebensmitteln und ihrer Produktionsmittel vor Ort.
- Die besten Garanten für die lokale Ernährungssicherheit sowie die nationale und regionale Ernährungssouveränität sind kleinbäuerliche Strukturen. Ihre Multifunktionalität mit ihren ökologischen und sozialen Leistungen müssen anerkannt und gezielt gefördert werden.
- Die Gentechnik bringt bisher mehr Probleme als Lösungen und lenkt das Forschungsinteresse einseitig auf patentierbare Produkte.
Der Weltlandwirtschaftsbericht schlägt auch vor, Forschungsinvestitionen und nachhaltige Technologien einzusetzen, aber unter anderem
- zur Verbesserung der Methoden im biologischen Landbau und der Anbaumethoden mit geringem externen Input, sowie
- zum Biologischen Ersatz von Agrochemikalien.

Das ist absolut revolutionär: Kleinbäuerliche Strukturen statt Landwirtschaftsmoloche, um den Welthunger zu stillen - Welthunger bedeutet, dass rund eine Milliarde Menschen oder rund 15 Prozent der Weltbevölkerung, vor allem Kinder, an Hunger leiden. In der heutigen Zeit, wo wir einerseits von Hunger reden, aber gleichzeitig auch von Umweltschutz, von Bauernsterben, von Strukturreformen in der Landwirtschaft, von Agrarzöllen und schliesslich auch von Staatsgeldern kommt ein Weltrat auf die Idee, zurück zu buchstabieren: Zurück zu unseren ursprünglichen, gewachsenen Strukturen. Speziell beim Thema Ernährung. Aber ich frage, warum auch nicht beim Thema Finanzkrise, oder Bildung, oder Gesundheit, oder Sozialwesen, oder Sicherheit?

Eine solche Idee, konsequent umgesetzt, würde die zukünftige Geschichte unseres Landes komplett neu schreiben. Ich meine, das ist nicht nötig. Aber der Ansatz, tatsächlich und scheinbar Ausserordentliches zu denken, hat für mich Zukunft. Und zwar nicht nur bei den ganz grossen Fragen, die uns derzeit beschäftigen, sondern auch bei den scheinbar kleinen, die uns ganz persönlich betreffen. Die Antworten müssen dabei nicht kompliziert sein, nein, sie dürfen, sie sollen so einfach wie möglich sein. So eben, dass die Idee dahinter möglichst echt bleibt - und der Dialog darüber ebenfalls.

Aber das ist noch nicht alles: Zum "deheim sii chönne" und zum "dezue ghöre" braucht es für mich neben guten Ideen und geglückten Dialogen auch den Respekt - jenen vor sich selber, aber auch jenen vor dem Anderen. Vor seiner Person, vor seinem Leben, vor der Art und Weise, wie er ist. Lassen Sie es mich an einem Beispiel sagen: Ich habe grosse Achtung vor den Bauern und Bäuerinnen, die hart in der Natur arbeiten - so wie ich es bisher gekannt habe. Ich habe aber auch grossen Respekt vor den Menschen in der Verwaltung, die tagtäglich in ihren Büros sitzen und sich darum kümmern, dass das Leben von allen möglichst geordnet verläuft. Das Leben der Anderen öffnet uns die Augen immer wieder neu - für unsere Umwelt, aber auch für uns selber. Mit anderen Worten: Wir brauchen einander! Das ist denn auch das, was ich Ihnen, liebe Reitnauerinnen und Reitnauer, am heutigen 1. August mit auf den Weg geben möchte.»