Susanne Hochuli
Bundesfeieransprache von Regierungsrätin Susanne Hochuli in Gontenschwil

«Liebe Festgemeinde Die Geschichte ist eine Zeitperiode voll von mehr oder weniger guten Ideen. Wir feiern am 1. August eine gute Idee. Die Idee, sich zusammenzutun, zusammen für die Freiheit und für Unabhängigkeit des eigenen Landes einzustehen. Wenn nötig mit dem Einsatz des eigenen Lebens.

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Susanne Hochuli

Susanne Hochuli

Aargauer Zeitung

Dass die Gemeinde Gontenschwil heute zur Schweiz gehört ist geschichtlich auch indirekt damit zu erklären, weil am 1. August 1291 ein Verteidigungsabkommen zwischen den drei Urkantonen zustande gekommen ist. Die "Drei Eidgenossen", Werner Stauffacher aus Schwyz, Walter Fürst aus Uri und Arnold von Melchtal aus Unterwalden hatten eben eine clevere Idee mit grosser Wirkung für die Geschichte unseres Landes. Dass wir die Erinnerung an diese Idee und an die Geschichte der Schweiz am heutigen Bundesfeiertag aufleben lassen, ist... was sonst: eine gute Idee.

Wir Schweizerinnen und Schweizer, wir Bürgerinnen und Bürger, wir Einwohnerinnen und Einwohner nehmen jedes Jahr, wenn wir zur Bundesfeier der Gemeinde pilgern, eigene Geschichten, eigene Erlebnisse mit. Wenn ich meine persönliche Geschichte der letzten 12 Monate anschaue kommt es mir vor wie im Traum. Vor einem Jahr ist die Idee im Raum gestanden, als Grüne Kandidatin für die Regierung zu kandidieren. Zwölf Monate später habe ich meine ersten 100 Tage als Regierungsrätin und als Vorsteherin des Departements Gesundheit und Soziales bereits hinter mir.

Sie sehen, am Anfang der Geschichte steht eine Idee. Die Idee zum Beispiel, ein Haus zu kaufen, ist grundsätzlich gut. Die Idee, dafür einen Hypothekarkredit aufzunehmen, ist auch gut. Die Idee des Kreditinstituts allerdings, dafür keine Garantien zu fordern, ist schlecht. Und genauso schlecht ist auch die Idee, Geld um jeden Preis zu vermehren. Wenn also eine Idee mit Unbekümmertheit angegangen wird, mit List gesalzen und Gier gepfeffert wird, schmeckt die Suppe eben plötzlich nicht mehr allen, wenn sie ausgelöffelt werden muss. Die Entwicklung der Finanzwelt in den letzten 24 Monaten zeigt uns allen, dass die Geschichte zum Spielball der Ideen wird.

Sie werden von mir heute Abend in diesem Zusammenhang aber keine Lösungsvorschläge erhalten. Es gibt keine fixfertigen Lösungen. Ich kann aber meinen Beitrag damit leisten, dass ich mich an der Ideenfindung beteilige und mit Ihnen zusammen kreativ bin - zu Hause, im Büro, auf meinem Bio-Bauernhof. Wo und wann waren Sie, liebe Festgemeinde, das letzte Mal wirklich kreativ? Wann und wo haben Sie ein Problem mit einer innovativen Idee gelöst?

Bleiben wir doch gleich bei der Landwirtschaft. Der Weltlandwirtschaftsrat hat letztes Jahr den Weltlandwirtschaftsbericht veröffentlicht. Man hat wenig davon mitbekommen, aber er ist wirklich revolutionär. Einige Kernaussagen:

Der entscheidende Faktor zur Bekämpfung des Hungers ist nicht die Steigerung der Produktivität um jeden Preis, sondern die Verfügbarkeit von Lebensmitteln und ihrer Produktionsmittel vor Ort.

Die besten Garanten für die lokale Ernährungssicherheit sowie die nationale und regionale Ernährungssouveränität sind kleinbäuerliche Strukturen. Ihre Multifunktionalität mit ihren ökologischen und sozialen Leistungen müssen anerkannt und gezielt gefördert werden.

Die Gentechnik bringt bisher mehr Probleme als Lösungen und lenkt das Forschungsinteresse einseitig auf patentierbare Produkte.

Der Weltlandwirtschaftsbericht schlägt auch vor, Forschungsinvestitionen und nachhaltige Technologien einzusetzen, aber unter anderem

zur Verbesserung der Methoden im biologischen Landbau und der Anbaumethoden mit geringem externen Input, sowie
- zum Biologischen Ersatz von Agrochemikalien.

Das ist absolut revolutionär: Kleinbäuerliche Strukturen statt Landwirtschaftsmoloche, um den Welthunger zu stillen - Welthunger bedeutet, dass rund eine Milliarde Menschen oder rund 15 Prozent der Weltbevölkerung, vor allem Kinder, an Hunger leiden. In der heutigen Zeit, wo wir einerseits von Hunger reden, aber gleichzeitig auch von Umweltschutz, von Bauernsterben, von Strukturreformen in der Landwirtschaft, von Agrarzöllen und schliesslich auch von Staatsgeldern kommt ein Weltrat auf die Idee, zurück zu buchstabieren: Zurück zu unseren ursprünglichen, gewachsenen Strukturen. Speziell beim Thema Ernährung. Aber ich frage, warum auch nicht beim Thema Finanzkrise, oder Bildung, oder Gesundheit, oder Sozialwesen, oder Sicherheit? Eine solche Idee, konsequent umgesetzt, würde die zukünftige Geschichte unseres Landes komplett neu schreiben. Ich meine, das ist nicht nötig. Aber der Ansatz, in ausserordentlichen Situationen ausserordentliche Massnahmen anzudenken, hat für mich Zukunft.

Das Schwerste an einer Idee ist nicht, sie zu haben, sondern zu erkennen, ob sie gut ist. Um das zu erkennen brauchen wir einen Spiegel. Oder noch besser einen Dialogpartner. Menschen verwirklichen sich im Dialog: in der doppelten Fähigkeit, zu reden und zuzuhören, zu antworten, aber auch darin, sich vom Wort treffen zu lassen. Anders gesagt: Dialog, das meint die Bereitschaft zur Kooperation.

Kooperation bedeutet aber nicht automatisch Gleichschaltung. Schauen Sie die politischen Parteien an. Sie haben alle das gleiche Ziel: Volk und Staat soll es gut gehen. Als Volk können wir uns einmal hier und einmal dort anschliessen und einmal diese und einmal jede Ideen unterstützen. Je nach Situation und je nach Rolle, die wir zu Hause, in der Gemeinschaft oder in der Arbeitswelt haben. Per Regel streben Parteien Kooperationen an, um ihre Ideen mehrheitsfähig zu machen. Dieser Prozess ist aber auch wieder von neuen Ideen geprägt, von neuen Kooperationen. Selbst wenn Rollen, Organigramme, Ziele und Wege vorbestimmt sind braucht es nur eine - ich sage einmal "gute" - Idee, um das ganze System der Kooperation zum Wanken zu bringen.

Ich habe dazu ein wunderbares Beispiel gefunden. Es handelt von einem Theaterspiel, "Wilhelm Tell", im fiktiven Ort Nottiswil aufgeführt.

«uf zmal, churz vor em öpfelschuss, der lehrer chunnt als täll,
sy suhn, dä frogt'ne dis und äis, do rüeft dert eine schnäll,
wo un'drem huet als wach isch gschtande, so dass jede ghört,
wiso fragt dä so dumm, het dä ir schuel de nüt rächts gleert
e fründ vom täll, e maa us altdorf, zwickt em eis uf ds muul,
und dise wo der huet bewacht, git ume, gar nid fuul,
und schtoost ihm mit syr helebarde eine z'mitts i buuch,
da chunnt scho s'volk vo uri z'schpringe, donner jetzt geits ruuch
die einte, die vo öschterrich, die näh für d'wach partei,
die andre, die vo altdorf, für ä täll, ei schlegerei,
mit helebarde, cartonschwärt, culisse, schlöh sy dry,
der täll ligt und'rem gessler scho, da mischt der saal sech y
di hei der willhelm täll ufgfüehrt im löie z'nottiswil
und gwüss no niene i naturalistischerem styl,
d'versicherig het zahlt - hingäge eis weiss ig sithär,
sy würde d'freiheit gwinne, wenn sy däwäg z'gwinne wär [...]»

Haben Sie das Lied wiedererkannt? Unverkennbar Mani Matter, «si hei der willhelm täll ufgfüehrt» aus dem Jahr 1966.

Sie sehen: Selbst wenn Rollen, Organigramme, Ziele und Wege vorbestimmt sind braucht es nur eine "gute" Idee, um das ganze System der Kooperation wieder und wieder zum Wanken zu bringen. Das gemeinsame Erlebnis beim Theaterspiel hat für die ganze Gemeinde die Erkenntnis gebracht, dass jedermann für seine Sache bis zum bitteren "Theater-"Ende geht - das ist Ehrensache. Wir könnten daraus schliessen, dass Parteiarbeit und Theaterspiel ein und dasselbe wäre... aber das sind nur böse Zungen, die das behaupten...

Die Geschichte ist eine Zeitperiode voll von mehr oder weniger guten Ideen. Die Finanz- und Wirtschaftskrise von heute ist das Ergebnis von ein paar guten und vielen schlechten Ideen. Um diese Krise nachhaltig zu überstehen müssen wir neue, frische, unkonventionelle Fragen stellen. Nicht nur ich als Regierungsrätin und nicht nur als Vorsteherin des Departements Gesundheit und Soziales - aber auch als Bio-Bäuerin und als Mutter, als Reitnauerin, als Suhrentalerin, als Aargauerin, als Schweizerin und schliesslich als Erdenbürgerin. Und wenn wir, liebe Festgemeinde, jeder von uns, diese Fragen stellt und bereit ist, einen Dialog zu führen und sich von einer gegensätzlichen Idee nicht ins Bockshorn jagen lässt, dann, ja dann können wir verhindern, dass schlecht verdaute Ideen Kopfschmerzen verursachen.

Liebe Festgemeinde.

Den Bundesfeiertag brauchen wir in der heutigen Zeit so fest wie nie. Wir feiern unsere Gemeinschaft. Eine gute Idee, die zu einer erfolgreichen Idee geworden ist. Und damit sie so bleibt, dürfen wir nicht warten, bis der Nachbar mit Ideen unsere Gemeinschaft weiterbringt. Stellen Sie Fragen. Stellen Sie mir Fragen. Stellen Sie sie Ihrem Gemeinderat, aber stellen Sie sie auch sich selbst. Und handeln Sie. Setzen Sie Ideen um. Gehen Sie unkonventionell vor. Aber denken Sie an die Wirkung Ihrer Ideen. Denken Sie daran, dass die Geschichte eine Zeitperiode voll von mehr oder weniger guten Ideen ist. Ohne Ideen, keine Geschichte, ohne Geschichte keine Erinnerung, ohne Erinnerung keine Gemeinschaft, ohne Gemeinschaft kein Leben - was für eine traurige Welt...

Hier in Gontenschwil erlebe ich heute genau das Gegenteil: Geschichtssinn und Zukunftsfreude. Es war eine gute Idee, heute in Gontenschwil zu sein. Dafür danke ich Ihnen.»