Urs Hofmann
Bundesfeieransprache von Regierungsrat Urs Hofmann in Wil AG

«Liebe Wilerinnen und Wiler, liebe Gäste

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Urs Hofmann

Urs Hofmann

Aargauer Zeitung

Meine Mutter wurde vor 90 Jahren in Vasön im Taminatal geboren. Das Taminatal liegt im St. Galler Oberland. Von Bad Ragaz führen zwei Strassen hinauf entweder nach Pfäfers oder nach Valens und von dort geht's hinauf ins Tal zu den beiden Dörfern Vasön und Vättis. Am 2. Juli 1803 - just im gleichen Jahr, als auch der Kanton Aargau entstand - wurden die Ortsgemeinden Pfäfers, Vättis, Valens und Vasön im neu geschaffenen Kanton St. Gallen zur Gemeinde Pfäfers zusammen gefasst. Ob sich die Bewohnerinnen und Bewohner damals darüber gefreut oder geärgert haben, weiss ich nicht. Was ich weiss und bei meinen Besuchen im Taminatal immer wieder erfahre: Die Valenser fühlen sich als Valenser so wie sich auch die Vättnerinnen heute noch als Vättnerinnen fühlen. Als Besucher aus dem Unterland habe ich denn auch erst vor kurzem richtig bemerkt, dass es in diesem Tal seit über 200 Jahren nur eine politische Gemeinde gibt.

Liebe Wilerinnen und Wiler, ich denke, Ihnen wird es ebenso ergehen. Nach dem 1. Januar 2010 gehören Sie zwar zur Gemeinde Mettauertal. Doch Ihr Bewusstsein als Wiler oder Wilerin werden Sie deshalb nicht so leicht verlieren oder gar aufgeben. Denn die Gefühle für den Ort, wo man daheim ist, richten sich nicht nach den politischen Gemeindegrenzen, sondern nach der im Alltag erlebten dörflichen Gemeinschaft. Im Übrigen werden gerade die Wilerinnen und Wiler sich beim neuen Gemeindeammann des Mettauertals bestimmt gut aufgehoben fühlen.

Etzgen, Mettau, Oberhofen, Wil und Hottwil finden zusammen zur Gemeinde Mettauertal. Neue Menschen werden zuziehen oder hier geboren werden. Was werden diese wohl dann sagen auf die Fragen: „Als was fühlen Sie sich?" Als Wilerin oder Wiler, als jemand aus dem Mettauertal, als Aargauerin oder Aargauer oder etwa als Schweizerin oder Schweizer?
Nach vier Monaten als Aargauer Regierungsrat habe ich mir diese Frage auch gestellt. Schlägt mein Herz jetzt anders als zuvor? Hat sich bei mir etwas verändert? Als Nationalrat nimmt einen die „Schweizer Welt" in Bern schnell gefangen. Das muss so sein. Denn, um seine Anliegen zu platzieren und Mehrheiten dafür zu gewinnen, muss man über die Kantonsgrenzen hinweg in Bundesbern heimisch werden, auch wenn es um die Durchsetzung der ureigensten Aargauer Interessen geht. Seit meinem Amtsantritt am 1. April 2009 ist jedoch vieles anders geworden. Ich bin nicht mehr Parlamentarier, ich bin jetzt Mitglied der Aargauer Regierung. Bern ist plötzlich ziemlich weit weg und mein Herz schlägt jetzt hier im und für den ganzen Aargau. Und ich bin stolz, in der Regierung eines derart vielgestaltigen Kantons mitwirken zu dürfen.

Manch ein Kantonspolitiker, eine Kantonspolitikerin leidet allerdings zuweilen darunter, dass sich die Menschen nicht allzu sehr für Kantonspolitik zu interessieren scheinen. Bundespolitik oder internationale Politik: Da werden die wichtigen Fragen geklärt oder zumindest diejenigen, die die Menschen für wichtig halten. Dort treten die grossen Namen auf. Da trifft Obama auf Sarkozy, da streitet Couchepin mit Calmy-Rey. In Bern wird über die Gelder an die UBS entschieden und dort läuft zurzeit das vielaktige Sommertheater zu Couchepins Nachfolge. Im Grossratsgebäude in Aarau hingegen geht es kaum je glamourös zu und her. Das Interesse der Bevölkerung steigt jedoch dann, wenn die Kantonspolitik die Eigenheiten der Regionen und der Gemeinden tangiert. Und im Aargau als dem Kanton der Regionen gibt es immer wieder Entscheide, die die einen mit Genugtuung, die anderen mit Empörung erfüllen; bis hin zu Fragen, von denen man am besten die Finger lässt, da man sie sich ohnehin nur regionalpolitisch verbrennen kann.

Ich halte in diesem Jahr in drei Aargauer Gemeinden die Bundesfeierrede: In Kaiseraugst an der Grenze zu Basel, in Moosleerau im obersten Suhrental und bei Ihnen in Wil im Südosten des Bezirks Laufenburg. Schon die geografische Lage zeigt, dass es um ganz unterschiedliche Orte geht. Dies zeigt aber auch die Feiertagsregelung, deren Änderung sich als aargauische Unmöglichkeit erwies: In Kaiseraugst gelten Allerheiligen, Ostermontag, Pfingstmontag und Stephanstag als Feiertage; in Moosleerau sind es Berchtoldstag, Ostermontag, Pfingst-montag und Stephanstag und in Wil sind Allerheiligen, Fronleichnam, Maria Himmelfahrt und Maria Empfängnis arbeitsfrei. Und dies wird auch in Zukunft so bleiben.

Diese drei Gemeinden Moosleerau, Kaiseraugst und Wil zeigen eindrücklich, wie abwechslungsreich, farbig, ländlich und städtisch, vermögend und weniger vermögend, konservativ und fortschrittlich der Aargau ist. Der Aargau liegt mitten in der Schweiz. Und mit seiner Vielfalt besitzt er die einmalige Chance, wertvolle Beziehungen zu ganz unterschiedlichen Nachbarn pflegen zu können. Das obere Freiamt wünscht sich mehr Nähe zu Zug und zu Luzern. Das Limmattal pendelt zu einem grossen Teil nach Zürich und ist auf gute Verbindungen dorthin angewiesen. Dem unteren Fricktal hört man nicht nur sprachlich die Nähe zu Basel an, man fühlt sich dort verständlicherweise Basel weit näher als der eigenen Kantonshauptstadt Aarau.

Die zentrale Lage im Mittelland macht den Aargau zum Grenzkanton. Wir gehören gleichzeitig zur Nordwestschweiz, zur Nordostschweiz, zur erweiterten Innerschweiz und mit Solothurn besitzen wir ein gemeinsames Regionaljournal auf Radio DRS. Dafür liegt der Oberaargau im Kanton Bern. Wir gehören überall hin, touristisch wird das Fricktal zu Basel geschlagen und im "Züri-Tipp", dem Ausgehmagazin des "Tages-Anzeiger", ist die Badener Kultur auch enthalten. Da geht es dem Aargau nicht viel anders als der Schweiz. Auch sie muss als Binnenland in Europa ihren Platz suchen und auch behaupten.

Bei so viel Nachbarschaft müssen wir in unserem Kanton acht geben, dass wir uns nicht verzetteln: Wir müssen das Gleichgewicht finden zwischen Zusammenarbeit, sinnvoller Angleichung und unabhängigem Handeln. Wir müssen selbstbewusst sein und unsere Interessen mit Nachdruck vertreten, müssen dabei aber auch die Bedürfnisse unserer Nachbarn achten und anerkennen. Denn diese sind eben häufig auch die Bedürfnisse eines Teils unserer MitAargauerinnen und Mit-Aargauer, die in einer bestimmten Region des Kantons leben. Der Kanton Aargau darf sich deshalb nicht auf die eine oder andere Seite schlagen. Zu Recht haben wir den Weg gewählt, unsere Partner in verschiedenen Himmelsrichtungen zu suchen - Richtung Basel ebenso wie Richtung Zürich und Richtung Luzern. Nur so können wir im Interesse aller Aargauerinnen und Aargauer mitreden, mitentscheiden und schliesslich - und das darf man auch laut sagen - mitprofitieren.

Wil hat genau diese Chance gepackt und hat sich Partner gesucht für den Weg in eine gemeinsame Zukunft. Dazu gratuliere ich Ihnen.

Erinnern Sie sich noch an die deutsche Fernsehlegende Robert Lembke und seine Sendung „Was bin ich?" Erinnern Sie sich noch daran, wie sein Rateteam den Beruf eines Gastes herauszufinden hatte? Als Antworten waren nur Ja und Nein erlaubt. Die Welt scheint damals einfacher gewesen zu sein. Die Menschen hatten ihren Beruf, den sie in der Regel ein Leben lang ausübten. So sassen im Studio Personen mit klaren, einfachen Konturen - manchmal durchaus mit aussergewöhnlichen Berufen. Man hat gewusst, woran man ist. Und das hat Geld, Zeit und Nerven gespart. Von 1955 bis 1989 moderierte Robert Lembke 337 Mal „Was bin ich?" - ein unspektakuläres Erfolgsmodell sondergleichen. 1989 starb Robert Lembke und mit ihm seine Sendung.

Eine so langsame, so einfache und so beschauliche Sendung ist heute kaum mehr vorstellbar. Heute gibt es "Deal or no Deal". Anstelle von 5-Mark-Stücken treten Koffer voller Geld. Anstelle der farbigen Schweinderl die Moneygirls. Es muss immer was los sein. Roman Kilchsperger lässt uns mit seinen Sprüchen kaum verschnaufen und wir leiden in der eigenen Stube mit der glücklichen Gewinnerin oder dem tragischen Verlierer mit. Die Sendung gaukelt Nähe vor und ist trotzdem oberflächlich.

Woran können wir uns heute halten? Von "Was bin ich?" sind wir in der Welt von "Deal or no Deal" gelandet. Schneller, unpersönlicher, es geht nur noch ums Geld und kaum mehr um den Menschen. Ich verstehe deshalb gut, dass sich viele in dieser Hektik nach einem bekannten, überschaubaren und sicheren Umfeld sehnen. Erst recht, wenn es in der Wirtschaft drunter und drüber geht. Einen Teil dieses Daheims bietet uns die Wohngemeinde, Ihr Wil. Und das ist gut so.

Das Bekannte und Berechenbare bietet Geborgenheit. Schwierig wird es erst dann, wenn das Bekannte und Bewährte keine Veränderung mehr zulässt. Die fünf Gemeinden im Mettauertal haben sich bewusst für einen zukunftsträchtigen Weg entschieden.

Der Historiker Roger Sablonier hat 2008 ein Buch zu Politik und Gesellschaft in der Innerschweiz um 1300 heraus gegeben hat. Diese Zeit, wo wir unsere Wurzeln zu finden hoffen, hat am 1. August eine starke Bedeutung. Was die Schweiz ausmacht, findet er nicht in einem Gründungsmythos sondern in der dauernden Kraft der Veränderung. Er sagt dazu: «Die Schweiz ist weder 1291 noch 1848 entstanden - sie entsteht immer wieder von Neuem.»

Jetzt gerade hier im Mettauertal.

Wenn sich Gemeinden für einen gemeinsamen Weg entscheiden, haben sie bereits einen gemeinsamen Weg hinter sich, den der Entscheidung nämlich. Auf diesem Weg darf und muss Vieles eine Rolle spielen. Für einen Teil der Bevölkerung ist das gefühlsmässige Zuhause ganz wichtig. Dies müssen wir sehr ernst nehmen. Denn eine starke Verankerung macht unter anderem die Menschen zu selbstbewussten Menschen. Selbstbewusst sein heisst: Ich habe erkannt, wie es um mich selbst steht. Ich bin durchaus selbstkritisch, kenne meine guten und auch weniger guten Seiten. Die Frage dazu lautet: "Wer oder was bin ich?" und nicht "In welchem Koffer gibt es am meisten Geld zu holen". Ich sehe mich in realistischen Farben, nicht in rosigen. Diese Art von Selbstbewusstsein liefert viel Kraft. Und zwar Kraft, die nicht zuschlägt, sondern Kraft, um Dinge klar zu erkennen und auch mit Konflikten und Frustrationen gut umzugehen. Solche Menschen formen eine gute Gemeinschaft. Und eine gute Gemeinschaft bringt solche Menschen hervor.

Neben Ihrer Wohngemeinde gibt es viele andere wichtige Strukturen, Organisationen, Gebilde, die solche Wurzeln geben, ein solches Daheim ermöglichen: Die eigene Familie, Freundinnen und Freunde, Kolleginnen und Kollegen am Arbeitsplatz, eine Kirche, der wir uns zugehörig fühlen oder Vereine ganz unterschiedlicher Art. Diese Beispiele schmälern nicht die Bedeutung der Gemeinden, relativieren sie jedoch. Dazu nochmals der Historiker Roger Sablonier: «Für den inneren Zusammenhalt einer Gemeinde - gerade im 13. Jahrhundert - waren vor allem Familien, Nachbarschaft, Netzwerke, gemeinsame Herrschaftszugehörigkeit, Wirtschaftsverbände, kirchliche Zuständigkeiten und so weiter viel bedeutender als das eigentliche Konstrukt der Gemeinde, das es damals in der heutigen Form nicht gab.»

Die Gemeinden sind erst im Verlauf der Jahrhunderte entstanden. Sie boten den Bewohnern und schliesslich auch den Bewohnerinnen die Möglichkeit zur Mitsprache und Mitentscheidung in gemeinsamen Angelegenheiten. Sie ermöglichten erst Demokratie gleichberechtigter Menschen. Damit einher ging auch ein steter Wandel, einen solchen Wandel erleben Sie in diesen Zeiten, liebe Wilerinnen und Wiler. Gemeinden schlossen sich zusammen, Gemeinden trennten sich. Emotionale Verbundenheit darf dabei eine ebenso grosse Rolle spielen wie finanzielle Überlegungen. Junge Familien haben andere Anliegen als stark verankerte Ortsbürgerinnen und Ortsbürger; ein Pendler nach Zürich wieder andere als ältere Menschen mit ihren Gebresten. Es ist wichtig, alle ernst zu nehmen. Das Mettauertal hat sorgfältig abgewogen, seinen Weg bewusst gewählt und ist auf die Anliegen seiner Bewohnerinnen und Bewohner eingegangen.

Auch mir als Aargauer Regierungsrat geht es nicht anders. Auch ich darf und muss die Anliegen aller Aargauerinnen und Aargauerinnen wahrnehmen, ich will ein Regierungsrat für alle Aargauerinnen und Aargauer sein. Dies bedeutet nicht, dass ich es allen recht machen will und kann. Es bedeutet aber, dass möglichst viele ihre Interessen einbringen können und diese auch ernst genommen werden. Mit einem gesunden Selbstbewusstsein schaffen wir dies sowohl in der Gemeinde, im Kanton als auch im Bund. Und Sie werden es auch in Ihrer neuen Gemeinde Mettauertal schaffen. Und zwar auch dann, wenn Sie in Ihrem Herzen noch auf lange Zeit Wiler und Wilerin bleiben. Genau so, wie meine zahlreichen Verwandten in der Gemeinde Pfäfers sich auch heute noch als Valenserinnen und Valenser oder als Vasönerinnen und Vasöner fühlen. Denn Sie haben erkannt, dass sich die gemeinsamen Herausforderungen der Zukunft am besten zusammen lösen lassen. In guteidgenössischer Tradition. Auf diesem gemeinsamen Weg in die Zukunft wünsche ich dem ganzen Mettauertal alles Gute und viel Glück!»