Bundesfeieransprache von Regierungsrat Urs Hofmann in Moosleerau

«Liebe Moosleerberinnen und Moosleerber, liebe Gäste Genau hier in Moosleerau war es jeweils klar: Meine Ferien beginnen. Mein Vater oder meine Mutter steuerten das Auto Richtung Innerschweiz, zuweilen auch weiter gegen Süden. Auch als die Autobahn die Verkehrswege veränderte, gehörte für uns die Fahrt durchs Suhrental zum Ferienbeginn.

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Urs Hofmann

Urs Hofmann

Aargauer Zeitung

Gleich hinter Mooseerlau begann das Luzernische und damit unbekanntes Land für uns Kinder. Der Ferienort, ob Innerschweiz oder Tessin, schien auf einmal näher als die Heimatstadt Aarau. War das nicht schon Ferienluft, die da durch das offene Fenster hinein zog? Schien die Sonne nicht schon etwas wärmer?

Moosleerau lag also an der Grenze zu einer anderen, schöneren Welt, schon einige wenige Kilometer von zu Hause entfernt.

Wenn ich mich als Kind hier schon in der Ferne fühlte, wie fühlen Sie sich denn hier, wo Sie leben? Sind Sie Moosleerberinnen oder Mossleerber, Suhrentalerinnen oder Suhrentaler, Aargauerinnen oder Aargauer oder etwa Schweizerinnen oder Schweizer?

Nach vier Monaten als Aargauer Regierungsrat habe ich mir diese Frage auch gestellt. Schlägt mein Herz jetzt anders als zuvor? Hat sich bei mir etwas verändert? Als Nationalrat nimmt einen die "Schweizer Welt" in Bern schnell gefangen. Das muss so sein. Denn, um seine Anliegen zu platzieren und Mehrheiten dafür zu gewinnen, muss man über die Kantonsgrenzen hinweg in Bundesbern heimisch werden, auch wenn es um die Durchsetzung der ureigensten Aargauer Interessen geht.

Seit meinem Amtsantritt am 1. April 2009 ist jedoch vieles anders geworden. Ich bin nicht mehr Parlamentarier, ich bin jetzt Mitglied der Aargauer Regierung. Bern ist plötzlich ziemlich weit weg und mein Herz schlägt jetzt hier im und für den ganzen Aargau. Und ich bin stolz, in der Regierung eines derart vielgestaltigen Kantons mitwirken zu dürfen.

Manch ein Kantonspolitiker, eine Kantonspolitikerin leidet allerdings zuweilen darunter, dass sich die Menschen nicht allzu sehr für Kantonspolitik zu interessieren scheinen. Bundespolitik oder internationale Politik: Da werden die wichtigen Fragen geklärt oder zumindest diejenigen, die die Menschen für wichtig halten.

Dort treten die grossen Namen auf. Da trifft Obama auf Sarkozy, da streitet Couchepin mit Calmy-Rey. In Bern wird über die Gelder an die UBS entschieden und dort läuft zurzeit das vielaktige Sommertheater zu Couchepins Nachfolge.

Im Grossratsgebäude in Aarau hingegen geht es kaum je glamourös zu und her. Das Interesse der Bevölkerung steigt jedoch dann, wenn die Kantonspolitik die Eigenheiten der Regionen und der Gemeinden tangiert. Und im Aargau als dem Kanton der Regionen gibt es immer wieder Entscheide, die die einen mit Genugtuung, die anderen mit Empörung erfüllen; bis hin zu Fragen, von denen man am besten die Finger lässt, da man sie sich ohnehin nur regionalpolitisch verbrennen kann.

Ich halte in diesem Jahr in drei Aargauer Gemeinden die Bundesfeierrede: In Kaiseraugst an der Grenze zu Basel, in Wil im Südosten des Bezirks Laufenburg, einer Gemeinde, die sich auf den 1. Januar 2010 mit vier weiteren Gemeinden zur neuen Gemeinde Mettauertal zusammen schliessen wird, und bei Ihnen in Moosleerau im obersten Suhrental.

Schon die geografische Lage zeigt, dass es um ganz unterschiedliche Orte geht. Dies zeigt aber auch die Feiertagsregelung, deren Änderung sich als aargauische Unmöglichkeit erwies: In Kaiseraugst gelten Allerheiligen, Ostermontag, Pfingstmontag und Stephanstag als Feiertage; in Wil sind es Allerheiligen, Fronleichnam, Maria Himmelfahrt und Maria Empfängnis und in Moosleerau sind der Berchtoldstag, Ostermontag, Pfingstmontag und Stephanstag arbeitsfrei. Und dies wird auch in Zukunft so bleiben.

Diese drei Gemeinden Moosleerau, Kaiseraugst und Wil zeigen eindrücklich, wie abwechslungsreich, farbig, ländlich und städtisch, vermögend und weniger vermögend, konservativ und fortschrittlich der Aargau ist. Der Aargau liegt mitten in der Schweiz. Und mit seiner Vielfalt besitzt er die einmalige Chance, wertvolle Beziehungen zu ganz unterschiedlichen Nachbarn zu pflegen.

Das obere Freiamt wünscht sich mehr Nähe zu Zug und zu Luzern. Das Limmattal pendelt zu einem grossen Teil nach Zürich und ist auf gute Verbindungen dorthin angewiesen. Dem unteren Fricktal hört man nicht nur sprachlich die Nähe zu Basel an, man fühlt sich dort häufig Basel weit näher als der eigenen Kantonshauptstadt Aarau.

Die zentrale Lage im Mittelland macht den Aargau zum Grenzkanton. Wir gehören gleichzeitig zur Nordwestschweiz, zur Nordostschweiz, zur erweiterten Innerschweiz und mit Solothurn besitzen wir ein gemeinsames Regionaljournal auf Radio DRS. Dafür liegt der Oberaargau im Kanton Bern. Wir gehören überall hin, touristisch wird das Fricktal zu Basel geschlagen und im "Züri-Tipp", dem Ausgehmagazin des "Tages-Anzeiger", ist die Badener Kultur auch enthalten. Da geht es dem Aargau nicht viel anders als der Schweiz. Auch sie muss als Binnenland in Europa ihren Platz suchen und auch behaupten.

Bei so viel Nachbarschaft müssen wir in unserem Kanton acht geben, dass wir uns nicht verzetteln: Wir müssen das Gleichgewicht finden zwischen Zusammenarbeit, sinnvoller Angleichung und unabhängigem Handeln. Wir müssen selbstbewusst sein und unsere Interessen mit Nachdruck vertreten, müssen dabei aber auch die Bedürfnisse unserer Nachbarn achten und anerkennen. Denn diese sind eben häufig auch die Bedürfnisse eines Teils unserer Mit-Aargauerinnen und Mit-Aargauer, die in einer bestimmten Region des Kantons leben.

Der Kanton Aargau darf sich deshalb nicht auf die eine oder andere Seite schlagen. Zu Recht haben wir den Weg gewählt, unsere Partner in verschiedenen Himmelsrichtungen zu suchen - Richtung Basel ebenso wie Richtung Zürich und Richtung Luzern. Nur so können wir im Interesse aller Aargauerinnen und Aargauer mitreden, mitentscheiden und schliesslich - und das darf man auch laut sagen - mit-profitieren.

Erinnern Sie sich noch an die deutsche Fernsehlegende Robert Lembke und seine Sendung "Was bin ich?" Erinnern Sie sich noch daran, wie sein Rateteam den Beruf eines Gastes herauszufinden hatte? Als Antworten waren nur Ja und Nein erlaubt. Die Welt scheint damals einfacher gewesen zu sein. Die Menschen hatten ihren Beruf, den sie in der Regel ein Leben lang ausübten.

So sassen im Studio Personen mit klaren, einfachen Konturen - manchmal durchaus mit aussergewöhnlichen Berufen. Man hat gewusst, woran man ist. Und das hat Geld, Zeit und Nerven gespart. Von 1955 bis 1989 moderierte Robert Lembke 337 Mal „Was bin ich?" - ein unspektakuläres Erfolgsmodell sondergleichen. 1989 starb Robert Lembke und mit ihm seine Sendung.

Eine so langsame, so einfache und so beschauliche Sendung ist heute kaum mehr vorstellbar. Heute gibt es "Deal or no Deal". Anstelle von 5-Mark-Stücken treten Koffer voller Geld. Anstelle der farbigen Schweinderl die Moneygirls. Es muss immer was los sein. Roman Kilchsperger lässt uns mit seinen Sprüchen kaum verschnaufen und wir leiden in der eigenen Stube mit der glücklichen Gewinnerin oder dem tragischen Verlierer mit. Die Sendung gaukelt Nähe vor und ist trotzdem oberflächlich.

Woran können wir uns heute halten? Von "Was bin ich?" sind wir in der Welt von "Deal or no Deal" gelandet. Schneller, unpersönlicher, es geht nur noch ums Geld und kaum mehr um den Menschen. Ich verstehe deshalb gut, dass sich viele in dieser Hektik nach einem bekannten, überschaubaren und sicheren Umfeld sehnen. Erst recht, wenn es in der Wirtschaft drunter und drüber geht. Einen Teil dieses Daheims bietet uns die Wohngemeinde, Ihr Moosleerau. Und das ist gut so.

Heute feiern Sie hier gemeinsam mit Menschen aus Ihrer Gemeinde den Nationalfeiertag. Dies zeigt: Sie fühlen sich in Ihrer Gemeinde verankert. Diese gefühlsmässige Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft finde ich wichtig. Denn erst eine starke Verankerung, eigene Wurzeln machen aus uns Menschen selbstbewusste Menschen. Selbstbewusst sein heisst: Ich habe erkannt, wie es um mich selbst steht. Ich bin aber auch selbstkritisch, ich kenne meine guten und auch weniger guten Seiten. Die Frage dazu lautet: "Wer oder was bin ich?" und nicht "In welchem Koffer gibt es am meisten Geld zu holen". Ich sehe mich in durchaus bunten, aber realistischen Farben, nicht einfach in eintönigen rosigen. Eine solche Art von Selbstbewusstsein gibt viel Kraft. Und zwar Kraft, die nicht zuschlägt, sondern Kraft, um die Welt in allen ihren Facetten klar zu erkennen und auch mit Konflikten und Frustrationen gut umzugehen. Solche Menschen formen eine gute Gemeinschaft. Und eine gute Gemeinschaft bringt solche Menschen hervor.

Neben Ihrer Wohngemeinde gibt es viele andere wichtige Strukturen, Organisationen, Gebilde, die solche Wurzeln geben, ein solches Daheim ermöglichen: Die eigene Familie, Freundinnen und Freunde, Kolleginnen und Kollegen am Arbeitsplatz, eine Kirche, der wir uns zugehörig fühlen oder Vereine ganz unterschiedlicher Art.

Dies ist heute so und war es schon früher: Der Historiker Roger Sablonier hat 2008 ein Buch zu Politik und Gesellschaft in der Innerschweiz um 1300 heraus gegeben hat. Darin sagt er zur Bedeutung der Gemeinden:

«Für den inneren Zusammenhalt einer Gemeinde - gerade im 13. Jahrhundert - waren vor allem Familien, Nachbarschaft, Netzwerke, gemeinsame Herrschaftszugehörigkeit, Wirtschaftsverbände, kirchliche Zuständigkeiten und so weiter viel bedeutender als das eigentliche Konstrukt der Gemeinde, das es damals in der heutigen Form nicht gab.»

Die Gemeinden sind erst im Verlauf der Jahrhunderte entstanden. Sie boten den Bewohnern und schliesslich auch den Bewohnerinnen die Möglichkeit zur Mitsprache und Mitentscheidung in gemeinsamen Angelegenheiten. Sie ermöglichten erst Demokratie gleichberechtigter Menschen. Nicht von gestern auf heute, sondern durch steten Wandel und Entwicklung. Nochmals Roger Sablonier: «Die Schweiz ist weder 1291 noch 1848 entstanden - die entsteht immer wieder von Neuem.» Dies gilt für den Bund der Eidgenossen, den Bundesstaat des 19. Jahrhunderts und unseren Aargau aus dem Jahr 1803 ebenso wie für unsere Gemeinden. Demokratie heisst Erneuerung, Demokratie heisst Wandel.

Gerade unsere Gemeinden bleiben auch in Zukunft nebst all den anderen gesellschaftlichen Bereichen dann von zentraler Bedeutung, wenn sie das gemeinsame Entwickeln von Ideen, den demokratischen Umgang mit dem Wandel erlauben und erst möglich machen. Wandel tut dann gut und weist in die Zukunft, wenn er die Bedürfnisse unterschiedlichster Menschen erkennt und aufnimmt. Junge Familien haben andere Anliegen als ein alleinstehender Pendler nach Zürich oder alte Menschen mit ihren körperlichen Gebresten.

Es ist wichtig, die Anliegen möglichst aller Menschen zu erkennen und aufzunehmen und damit die Gemeinde zusammen mit ihren Einwohnerinnen und Einwohnern zu entwickeln und zukunftsfähig zu erhalten. Solche Gemeinden wird niemand missen wollen, seien es die heutigen oder wie im Mettauertal, wo ich heute Abend sprechen werde, eine neue Gemeinde. Eine Gemeinde, die demokratisch durch die Bevölkerung von fünf Dörfern gebildet wurde als Ausdruck einer Tal-schaft, die ihre Zukunft gemeinsam gestalten will.

Auch mir als Aargauer Regierungsrat geht es nicht anders. Auch ich darf und muss die Anliegen aller Aargauerinnen und Aargauerinnen wahrnehmen, ich will ein Regierungsrat für alle Aargauerinnen und Aargauer sein. Dies bedeutet nicht, dass ich es allen recht machen will und kann. Es bedeutet aber, dass möglichst viele ihre Interessen einbringen können und diese auch ernst genommen werden. Mit einem gesunden Selbstbewusstsein schaffen wir dies sowohl in der Gemeinde, im Kanton als auch im Bund. Wir schaffen es auch, weil wir in unserer Gesellschaft und unserem Land Grundpfeiler haben - die Demokratie und die Menschenrechte -, die uns immer wieder den Weg weisen. Genau so wie mir Moosleerau schon als Kind den Weg Richtung Ferien wies. Fuhr ich von Süden kommend an diesem Ortsschild vorbei, wusste ich, ich bin bald zu Hause. Mein Aargau beginnt.»