Hochseeschiffe

Bundes-Havarie im Ärmelkanal – das kann teuer werden

Rostiger Anblick am Islandkai in Bremerhaven: Havariertes Frachtschiff, das der Bund letztes Jahr an Kanadier verkaufte.

Rostiger Anblick am Islandkai in Bremerhaven: Havariertes Frachtschiff, das der Bund letztes Jahr an Kanadier verkaufte.

Ein vom Bund notverkauftes Schiff ist seit vier Monaten ausser Betrieb. Obwohl das Schiff unter der Flagge von Barbados segelt, haftet noch immer die Schweiz.

Der etwas heruntergekommene Eindruck täuscht. Im Schiff, das auf den Fotos einem Rosthaufen ähnelt und im norddeutschen Bremerhaven an einem Kai liegt, steckt viel Schweizer Steuergeld. Und es könnte noch mehr werden.

Doch der Reihe nach. Der 12'000-Tonnen-Frachter, Baujahr 2008, trägt derzeit den Namen «Jennifer H». Bis vor gut einem Jahr hiess er «SCL Andisa». SCL steht für Swiss Cargo Line. Das war eine Holding von Reeder Hansjürg Grunder, der zwölf vom Bund verbürgte Schiffe besass. Weil Grunder zahlungsunfähig wurde, verkaufte der Bund die Schiffe mit grossem Verlust. Zehn der Schiffe gingen an kanadische Investoren, angeführt von Grunders früherem Geschäftspartner Talal Hallak. Einer der Kähne war die heutige «Jennifer H».

Bankdarlehen von 20 Millionen Franken steckten noch im Schiff, als Hallak es kaufte. Er machte ein Schnäppchen, bekam er das Schiff doch für wenig mehr als drei Millionen. Den Bund jedoch kostet das Debakel der Grunder-Flotte insgesamt bis zu 215 Millionen Franken. Und schon droht neues Ungemach. Denn die «Jennifer H» liegt nicht erst seit Tagen oder Wochen in Bremerhaven. Sondern seit Monaten, seit Ende März schon. Dies hat Einnahmenausfälle zur Folge, die leicht in die Millionen gehen.

Wie es dazu kam und was passiert ist, lässt sich auf spezialisierten Websites wie fleetmon.com nachlesen.

Havarie im Ärmelkanal

Demnach machte die «Jennifer H», von Gijon in Spanien ins norddeutsche Nordenham unterwegs, am 16. März im Ärmelkanal vor der französischen Küste schlapp: Motorenprobleme. Die Crew habe darauf die Anker ausgeworfen und Reparaturarbeiten ausgeführt. Am gleichen Abend ging die Fahrt weiter, aber nicht lange. Tags darauf fiel der Motor nordwestlich von Calais erneut aus. Gemäss den Marinebeobachtern war angeblich ein Leck im Kühlsystem des Hauptmotors der Grund. Am gleichen Abend geriet das Schiff ausser Kontrolle, es trieb trotz gesetzter Anker der Küste entlang.

Darauf kam ein französischer Seenotrettungsschlepper dem mittlerweile unter der Flagge von Barbados fahrenden Frachtschiff zu Hilfe. Aber wenig später gelang es der Crew erneut, den Motorenschaden zu beheben, und der Kahn, offenbar beladen mit Landwirtschaftsprodukten, setzte seine Fahrt fort. Weit kam die «Jennifer H» allerdings nicht, am 18. März wurde sie gesichtet, als sie manövrierunfähig in der Nordsee trieb, 35 Meilen von der belgischen Küste entfernt.

In der Folge wurde das Schiff offenbar nach Bremerhaven geschleppt. Dort liegt die «Jennifer H» nun sein knapp vier Monaten am Islandkai im verwaisten Fischereihafen. Für Schifffahrtsspezialisten deutet dies darauf hin, dass Ersatzteile für die Reparatur des in China gebauten Schiffs mit dem chinesischen Motor fehlen. Jetzt warte man vermutlich auf das Eintreffen der Ersatzteile, heisst es.

Für den Bund ist dies mit einiger Wahrscheinlichkeit keine gute Nachricht. Denn die kanadischen Käufer haben die Schiffe mit Garantie erstanden. Die sogenannte Gewährleistungsfrist läuft derzeit noch, wie Insider wissen. Etwa zehn Prozent des von den Kanadiern bezahlten Kaufpreises von total etwa 60 Millionen Franken liegen zu diesem Zweck auf Treuhandkonten, die von einem unabhängigen Anwalt verwaltet werden.

Bundes-Garantie läuft noch

Talal Hallak, der Käufer der Schiffe, reagierte dieser Tage nicht auf eine Anfrage, ob er die Havarie der «Jennifer H» als Garantiefall betrachte. In der Branche gilt er aber als schlauer Geschäftsmann, der zudem knallharte kanadische Investoren und deren Anwälte hinter sich habe. Der vom Bund beauftragte Liquidator äusserte sich gestern bis Redaktionsschluss nicht zur Sache.

Branchenkenner rechnen mit saftigen Forderungen der Käufer. Sie können theoretisch hohe Einnahmenausfälle und Kosten geltend machen. Bei angenommenen 10'000 Franken pro Tag an entgangenen Chartereinnahmen läppern sich in den vier Monaten, während derer das Schiff bereits ausser Betrieb ist, 1,2 Millionen zusammen. Dazu kommen die Kosten für den Liegeplatz und andere Aufwendungen. Mit zwei bis drei Millionen Franken sei rasch mal zu rechnen, glauben Insider.

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