Luftqualität
Bund schlägt Alarm: In zwei Dritteln aller Klassenzimmern ist die Luft zu schlecht – mit diesen Folgen

Die Luftqualität in Schweizer Schulzimmern ist schlecht. Die Folgen: Konzentrationsprobleme, Grammatikfehler, Rechenschwäche und sogar schlechtere Reaktionszeiten für richtige Antworten. Jetzt fordert das Bundesamt für Gesundheit Massnahmen.

Anna Wanner
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Luftqualität in Klassenzimmern
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Erkenntnis 1: "Gute Luft verkürzte die Reaktionszeit für richtige Antworten."
Erkenntnis 2: "Messgrössen zu Atemnot, Husten, Hautsymptomen, Atemwegsinfekten und Schnupfen verbesserten sich bei einem guten Lüftungsverhalten um mehr als 20 % – in manchen Fällen sogar um das Siebenfache."
Erkenntnis 3: "Bei guter Innenraumluft erbrachten Schülerinnen und Schüler bessere Leistungen in Addition, Zahlenvergleichen und Grammatik sowie im Lesen und Verstehen."
Erkenntnis 4: "Bereits bei leicht erhöhten CO2-Pegeln liessen sich geringfügige Auswirkungen auf die intellektuelle Leistung feststellen."

Luftqualität in Klassenzimmern

Keystone

Kopfschmerzen, Müdigkeit und fehlende Konzentration in der Schule kennen nun endlich eine Ursache: die schlechte Luft. Das Bundesamt für Gesundheit hat die Luft in 100 Schulzimmern gemessen und festgestellt, dass die Qualität in zwei von drei Zimmern ungenügend ist.

Die Luftwerte überschritten während mehr als 10 Prozent der Schulzeit den hygienisch akzeptablen Bereich. Die Schüler und Lehrer atmen also viel schlechte Luft.

Wir geben 3000 Substanzen in die Luft ab

Das liegt hauptsächlich an den Schulzimmern, die dicht belegt sind. Durch atmen, schwitzen, Pflegeprodukte und Bakterien wird die Luft belastet. Sauerstoff hat es zwar ausreichend vorhanden, aber der Mensch gibt durch Atmung und Transpiration über 3000 Substanzen an die Umwelt ab.

Um die Luftqualität zu bestimmen, misst die Forschung den CO2-Anteil. Als inakzeptabel gilt die Qualität, wenn der CO2-Pegel den Grenzwert von 2000 ppm (Teile pro Million, entspricht 0,2 Prozent) überschreitet. Zum Vergleich: In der Aussenluft liegt der CO2-Gehalt momentan bei etwa 400 ppm (0,04 Prozent). In den 100 untersuchten Schulzimmern konnte das BAG nur bei 33 Prozent akzeptable Luftqualität (CO2-Pegel unter 2000 ppm).

Selbst lüften reicht nicht immer aus

Wobei sich in den meisten Zimmern dasselbe Muster zeigt: Am Morgen ist die Luftqualität meist noch gut bis sehr gut. Sie verschlechtert sich aber bei geschlossenen Fenstern im Laufe einer Lektion rasch. Wird in der Pause aufs Lüften verzichtet, verschlechtert sich die Situation zunehmend. Doch auch durch Lüften wird die Luftqualität vom Beginn am Morgen selten wieder erreicht.

Die 8 Lüftungsregeln

Die Regeln des Bundesamts für Gesundheit:

- Vor den ersten Lektionen am Morgen und Nachmittag ausgiebig lüften, um die Lektionen mit Aussenluftqualität zu beginnen.

- Im weiteren Tagesverlauf die grossen und kleinen Pausen vollständig zum Lüften nützen.

- Beim Lüften alle Fenster immer vollständig öffnen.

- Die Schulzimmertür beim Lüften grundsätzlich schliessen.

- Keine Gegenstände auf den Fenstersims stellen – sie erschweren ein vollständiges Öffnen der Fenster.

- Im Sommer die Räume nachts oder frühmorgens möglichst lange auskühlen lassen.

- Beim Durchzug-Lüften mit offenen Fenstern und offener Schulzimmertür auch die Korridorfenster öffnen.

- Im Winter zu langes Lüften während der Heizperiode vermeiden.

Die grössten Fehler:

- Zu kurzes Lüften. Die Pausen deshalb voll zum Lüften ausnutzen.

- Gegenstände auf den Fenstersims stellen. Diese verhindern ein unkompliziertes und vollständiges Öffnen der Fenster.

- Lüften mit offener Schulzimmertür, ohne Korridorfenster zu öffnen. Dadurch kann verbrauchte Luft in das Schulzimmer gelangen.

Miserable Noten erhält nur eine Klasse, bei welcher die Schüler fast den ganzen Tag (92 Prozent der Schulzeit) inakzeptable Luft atmen musste. Nur zwei Klassen erhielten bei der Studie eine tadellose Note. Das heisst, die Qualität sank nie unter 1400 ppm.

Rechenleistung sinkt, Grammatik lässt nach

Nur in einem guten Raumklima sind auch die Lernbedingungen für die Schüler gut. Das zeigten verschiedene Studien: Je besser die Raumluftqualität ist, desto besser ist die intellektuelle Leistungsfähigkeit von Schülern und Lehrern:

  • Gute Luft verkürzte die Reaktionszeit für richtige Antworten.
  • Bei guter Innenraumluft erbrachten Schülerinnen und Schüler bessere Leistungen in Addition, Zahlenvergleichen und Grammatik sowie im Lesen und Verstehen.
  • Bereits bei leicht erhöhten CO2-Pegeln liessen sich geringfügige Auswirkungen auf die intellektuelle Leistung feststellen.
  • Messgrössen zu Atemnot, Husten, Hautsymptomen, Atemwegsinfekten und Schnupfen verbesserten sich bei einem guten Lüftungsverhalten um mehr als 20 % – in manchen Fällen sogar um das Siebenfache.

Allerdings: Die Fehlerquote blieb meist unverändert.

Das Rezept heisst: Lüften!

Der Bund will die Schulen aufmuntern, die Luft in den Klassen zu verbessern. Der Auftrag könnte banaler nicht sein:

Damit sich diese unvermeidbaren Verunreinigungen nicht im Raum ansammeln, muss die belastete, «verbrauchte» Luft durch Lüften aus dem Raum abgeführt und durch eine entsprechende Menge Frischluft ersetzt werden.

(Quelle: Bundesamt für Gesundheit)

Die Anweisungen liefert die Behörde gleich mit. Denn so banal, wie es klingt, ist das Lüften dann eben doch nicht – sonst wäre ja auch die Luftqualität nicht so schlecht. Die Luft in den Schulzimmern ist stark belastet, weil sich viele Personen auf relativ engem Raum befinden.

Um diese zu verbessern, wäre eine starke Durchlüftung nötig. Laut BAG ist dies nicht überall gleichermassen möglich. Gerade im Winter steht langes Lüften im Konflikt mit einer angenehmen Raumtemperatur. Manche Schulen kennen flexible Pausen, was es schwierig macht, einen Lüftungsplan durchzusetzen. Und schliesslich gibt es vor allem auf der unteren Stufe fixe Schulzimmer, wo die Verantwortung fürs Lüften klar geregelt werden kann.

BAG fordert Lüftungskonzepte

Immerhin: Erste Pilotprojekte an 23 Schulen haben ergeben, dass Lüftungspläne die Luftqualität nachhaltig verbessern. Doch dem BAG reicht das nicht. Das Ziel guter Luftqualität in allen Schulräumen könne längerfristig aber nur durch bauliche Massnahmen und Lösungen erreicht werden, welche die Lehrer und Schüler beim Lüften unterstützen. Insofern ist die Studie auch ein Appell an die Schulen, bei bevorstehenden Sanierungen auch an Lüftungskonzepte zu denken.

Was ist schlechte Luft?

Beim Ausatmen geben wir rund 3000 unterschiedliche Substanzen in die Umgebung ab.

Beim Ausatmen und durch Transpiration gibt der Mensch mehr als 3000 verschiedene Substanzen in die Umgebung ab, darunter auch CO2. Gemäss Bundesamt für Gesundheit (BAG) vermischen sich diese Stoffe meist mit genügend frischer Umgebungsluft. Wenn sich allerdings viele Personen in einem Klassenzimmer aufhalten würden, kumuliere sich verunreinigte Luft im Raum sehr schnell. Wichtig sei: Auch in belasteter Raumluft sei genügend Sauerstoff vorhanden. Ein Mangel davon sei im Schulalltag nicht zu erwarten.

Diese 3000 Substanzen zu messen, sei sehr aufwendig. Das ausgeatmete CO2 hingegen kann gemäss BAG gut gemessen werden. Weil der CO2-Pegel in der Luft proportional zu allen anderen Substanzen ansteige, sei er ein verlässlicher Indikator für die Luftqualität.

Der CO2-Pegel wird also nicht gemessen, weil CO2 problematischer ist als andere Stoffe, sondern weil er die Gesamtbelastung der Luft im Schulzimmer anzeigt. Ohne regelmässiges Lüften kumulieren sich diese und führen in Schulzimmern zu schlechter Luftqualität. Und diese beeinflusst die Leistung der Schülerinnen und Schüler. (CHM)