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«Bulle, ich weiss wo du wohnst»

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Politiker und Polizisten schlagen Alarm. Letztes Jahr wurden Uniformierte in 2024 Fällen bedroht oder angegriffen. Das sind doppelt so viele wie im Jahr 2003. Künftig werden Polizeischüler besser auf diese Realität vorbereitet.

Benno Tuchschmid

Martigny, 26. Oktober: Zwei Polizisten werden zu einer Schlägerei gerufen. Als sie dort eintreffen, werden sie von vier portugiesischen Männern angegriffen. Beide werden verletzt und müssen zur ärztlichen Kontrolle ins Spital eingeliefert werden.

Fälle wie dieser, bei denen Polizisten zu Opfern von Gewalt werden, haben sich in den letzten fünf Jahren beinahe verdoppelt. 2024 Anzeigen wegen Gewalt oder Drohungen gegen Beamte gingen letztes Jahr ein, 2003 waren es noch 1125 Anzeigen gewesen. «Gewalt gegen Polizei ist real», sagte Beat Hensler, der Kommandant der Kantonspolizei Luzern, gestern an einer Medienkonferenz an der Interkantonalen Polizeischule in Hitzkirch (IPHh). Hensler, der auch Präsident des Schulrats der IPH ist, macht diese Entwicklung grosse Sorgen. «Wir glauben jedes Jahr, dass wir jetzt den Höhepunkt der Gewalt gegen unsere Leute erreicht haben, doch jedes Jahr wird es noch schlimmer.» In der Tat nahm die Gewalt Jahr für Jahr zu.

Basel, 4. Oktober: Ein Polizist aus dem Kanton Baselland besucht zivil den Match FC Basel -FC Sion. Er und seine Freundin werden von Hooligans vor einer Bushaltestelle erkannt, angepöbelt und spitalreif geprügelt.

«Diese Entwicklung macht Angst», sagt die Baselbieter Regierungsrätin Sabine Pegoraro, die Präsidentin des IPHh-Konkordats, zu dem 11 Deutschschweizer Kantone (u. a. auch AG, BL, BE, SO) gehören. Für Pegoraro ist klar, dass die Gewalt gegen Beamte ein gesellschaftliches Problem ist. «Die Polizei kann nichts dafür», sagt sie. Das sehe man auch daran, dass nicht nur Polizisten von Gewalt und Drohungen betroffen seien. «Auch Sozialvorsteher und andere Beamte werden angegriffen», so Pegoraro.

Die Polizei befindet sich in einer Gewaltspirale. Für Beat Hensler gibt es nur einen Ausweg: «Wir müssen unsere Leute auf diese Gefahren vorbereiten.» Und darum üben Polizeischüler in Hitzkirch intensiv Situationen, bei denen es im Berufsalltag immer wieder zur Eskalation kommt: Ordnungsdienst-Einsätze, wie sie an Sportanlässen vorkommen, Interventionen wegen häuslicher Gewalt, aber auch simple Verkehrskontrollen.

Buchs SG, 26. Mai: Ein Autofahrer verursacht einen Selbstunfall. Als eine Polizeipatrouille eintrifft, deckt der alkoholisierte Unfallfahrer die Polizisten mit Schlägen ein. Die Polizisten können den Mann überwältigen und verhaften.

Genauso belastend wie Gewalttaten sind Drohungen. Beat Hensler dazu: «Diese Leute sagen dann: ‹O. k., ich akzeptiere die Busse. Aber wart nur, wir wissen, wo du wohnst. Und wir wissen, dass du zwei Kinder hast.›»

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