Diplomatie-Affäre
Bulgariens Botschafter in Bern waren ehemalige Geheimdienst-Agenten

In Bulgariens Botschaft in Bern tummelten sich jahrelang ehemalige Staatssicherheits-Mitarbeiter. Auch der letzte offizielle Botschafter Atanas Pavlov hat eine Stasi-Vergangenheit.

Christian Bütikofer
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Die bulgarischen Ex-Agenten in der Berner Botschaft
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 Der bulgarische Botschafter Atanas Pavlov wird 2006 vom damaligen Bundespräsidenten Moritz Leuenberger zum traditionellen Neujahrsempfang im Bernerhof begrüsst.
 Auch Georgi Dagaradin war 2005 für eine kurze Zeit Botschafter Bulgariens in Bern.
 Als ehemalige Botschafterin für Bulgarien in Finnland kann es Elena Kircheva (l.) auch gut mit ihrem finnischen Gegenpart Tarja Laitiainen in Sofia.

Die bulgarischen Ex-Agenten in der Berner Botschaft

Keystone

Mitte Dezember 2010 liess die Sonderkommission (comdos.bg) für die Untersuchung der bulgarischen Geheimdienstakten eine Bombe platzen.

Die Kommission stellte ein 129 Seiten dickes Dokument ins Internet, das feinsäuberlich auflistet, welche Diplomaten zur Zeit der kommunistischen Diktatur Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes «Dazravna Sigurnost» oder anderer ähnlicher Dienste waren. Nach der Wende 1989 blieb diese Wahrheit 20 Jahre lang unter dem Deckel.

Von 462 durchleuchteten aktuell führenden Mitarbeitern des Aussenministeriums hatten 192 auf die eine oder andere Art Verbindungen zum Geheimdienst gepflegt. In diversen EU-Staaten wird Bulgarien durch ehemalige Stasi-Spitzel vertreten, so etwa in Deutschland, Schweden, Grossbritannien, Italien oder Spanien.

Bis wenige Tage vor Enthüllung in Amt und Würden

Die EU ist nicht allein, die Stasi-Connection blühte auch an der Bernastrasse in der Bundeshauptstadt. Dort hielt Botschafter Atanas Pavlov bis Ende November 2010 Hof. Seine Residenz liegt ein wenig abseits vom Botschaftsviertel, mit bester Sicht auf Aare, Bundeshaus, Hotel Bellevue.

Wenige Tage vor der Veröffentlichung des inkriminierenden Dokuments lief in Bern die Zeit des fliessend Deutsch sprechenden Botschafters ab: Atanas Pavlov wurde im Dokument Nr. 175 als ehemaliger Stasi-Spitzel - Deckname «Asenov» - enttarnt. 1976 warb ihn das «Büro I» als Agent an.

In dieser Funktion arbeitete Pavlov alias «Asenov» für die Gegenspionage, Hauptgebiet USA. Vor seiner Botschafter-Karriere in der Schweiz war er aussenpolitischer Berater des bulgarischen Präsidenten.

Aufgabe: Journalisten «betreuen»

Pavlovs direkter Vorgänger in Bern, Georgi Dagaradin, wurde 1972 vom «Büro 11» für Gegenspionage unter dem Decknamen «Arkady» rekrutiert. Spezialgebiet: die Beschäftigung mit Auslandkorrespondenten. Später arbeitete er bis 1992 operativ im Auslandgeheimdienst-«Büro 3» (Spezialität: USA und Westeuropa).

Ex-Botschafterin mit Nähe zur rechten Szene

Die dritte im Bunde der Ex-Stasi-Spitzel ist Elena Kirtcheva. Von 1990 bis 1991 war sie Parlamentsabgeordnete der zentristischen Bulgarischen Bauernpartei und bewegte sich dort am rechten Rand. Von 1991 bis 1996 war sie Botschafterin in der Schweiz.

Nach ihrer Abberufung hielt sie der Eidgenossenschaft die Treue und heiratete einen Schweizer mit bulgarischen Wurzeln. Ihr damaliger Partner sorgte durch nationalsozialistische und antisemitische Sprüche für Aufsehen.

Nachdem ihre Partei an die Macht kam, übernahm sie erst den Botschafterposten in Finnland, später jenen in Österreich. 2005 gründete sie das «Vienna Economic Forum» in Wien, bei dem sie bis heute im Vorstand sitzt.

Kirtcheva war Agentin fürs «Büro 8». Dort kümmerte sie sich von 1985 bis 1990 unter dem Decknamen «Iva» in Bulgarien um Touristen und Westler, die sich auf Stippvisite befanden.

Ein Webauftritt mit Gedächtnislücken

Der Internet-Auftritt der bulgarischen Botschaft in der Schweiz listet heute weder den 66-jährigen Ex-Spitzendiplomaten Atanas Pavlov noch seinen direkten Vorgänger Georgi Dagaradin auf.

Das Dokument der Sonderkommission dürfte auch für die über 2100 in der Schweiz lebenden Bulgaren nicht eben für warme Gefühle gesorgt haben. Denn viele von ihnen sind Alteingesessene, die bereits vor oder kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in die Schweiz auswanderten, wusste Ex-Botschafter Atanas Pavlov 2009 zu berichten. Jene Exil-Bulgaren flüchteten also mitunter vor dem kommunistischen Regime.

Stasi-Verbindungen «omnipräsent»

Offiziell wurde die Staatssicherheit 1991 aufgelöst und zahlreiche Mitarbeiter wurden entlassen. Doch inoffiziell sind die Stasi-Verbindungen «omnipräsent». Das berichtet der deutsche Diplomat Klaus Schrameyer in der aktuellen Ausgabe des Politmagazins «Europäische Rundschau».

Schrameyer, der vormals stellvertretender Botschafter Deutschlands in Bulgarien war, äussert sich in seiner Analyse «Bulgariens Stasi-Diplomaten» bemerkenswert undiplomatisch: «Mit ihrer Hilfe entwickelte sich ein mafioses Netzwerk von kriminellen ‹Businessmen›, ganz gleich ob sie im ‹Nebenberuf› Politiker, Abgeordnete, Beamte, Richter, Staatsanwälte, Oligarchen usw. waren. Sie alle waren vor allem daran interessiert, reich zu werden, auf Kosten ihres Volkes.»

Nomenklatura schaffte Milliarden ins Ausland

In Bulgarien fand beim Zusammenbruch der Sowjetunion gleich wie in Russland kein echter Übergang zwischen der alten und neuen Herrscherelite statt.

Die Nomenklatura schaffte es rechtzeitig, Milliarden Dollar an Volksvermögen im Ausland in Sicherheit zu bringen. Und als sich Bulgarien eine neue Verfassung gab, konnten sich die gut vernetzten Ex-Kommunisten Straffreiheit für Verbrechen und Bereicherung verschaffen.

200 Auftragsmorde bis heute ungesühnt

Bis heute sind Bulgarien und Rumänien die EU-Länder mit den grössten Problemen im Justizsystem. In Bulgarien allein wurden bis heute um die 200 Auftragsmorde nicht geklärt, schreibt Diplomat Schrameyer.

Diverse aktive Politiker sind als Spitzel bekannt, ohne dass dies Konsequenzen hat. Als die Diplomaten-Spitzel-Liste bekannt wurde, weigerte sich Präsident Georgi Parwanow schlicht, die Betroffenen von ihren Posten abzurufen.

Neben den ungeklärten Aktivitäten zu Zeiten des Kommunismus der kompromitierten Diplomaten kommt ein weiteres Problem hinzu: Die Ex-Stasi-Leute sind unter Umständen erpressbar.

Trojanisches Pferd Russlands

Die prekäre innenpolitische Lage Bulgariens wird für die EU zunehmend zum Problem - etwa beim Thema Schengen-Beitritt. Diverse Justizminister und Kriminalbeamte der Partnerländer hegen Bedenken, Bulgarien in den Schengen-Raum aufzunehmen.

In Anspielung auf die alten Geheimdienst-Seilschaften mit besten Verbindungen nach Moskau bezeichnete der russische Botschafter in Brüssel vor vier Jahren die Bulgaren unverblümt als «trojanisches Pferd Russlands» in der EU. Experten befürchten, dass durch den Schengen-Informationsaustausch unbefugt Daten zu russischen Nachrichtendiensten gelangen könnten.

Schweigen bei der Botschaft

Die Bulgarische Botschaft hat bis Redaktionsschluss auf eine Anfrage von az nicht reagiert. Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) liess az wissen, von der Vergangenheit der Diplomaten erst durch die Presse erfahren zu haben. Dem EDA sei mitgeteilt worden, dass Botschafter Pavlov nach Ablauf seiner Amtszeit nach Bulgarien zurückgekehrt sei, sagte Pressesprecher Georg Farago.