Südschweiz

Bündner Bezirk als «Eldorado für Briefkastenfirmen» – steckt dahinter die Mafia?

Enges Tal, immer weniger Einwohner. Dafür auffällig viele und immer mehr (Briefkasten-)Firmen: Das Südbündner Tal Misox – im Bild Mesocco. Thinkstock

Enges Tal, immer weniger Einwohner. Dafür auffällig viele und immer mehr (Briefkasten-)Firmen: Das Südbündner Tal Misox – im Bild Mesocco. Thinkstock

Die Zahl undurchsichtiger Briefkastenfirmen im Bündner Bezirk Moesa wächst rasant. In einer Petition fordern Bürger nun ein sofortiges Eingreifen der Behörden.

Der Südbündner Bezirk Moesa ist ein äusserst ländlicher Bezirk. Wer die Gegend zwischen Bellinzona und San Bernardino auf der A13 durchfährt, käme wohl kaum auf die Idee, dass sich hier ein «Eldorado für Briefkastenfirmen» verbirgt. Doch genau solche Briefkastenfirmen schiessen wie Pilze aus dem Boden. Rohstoffhandel ist angesagt, aber auch Finanzdienstleister finden sich neben Informatik- und Technologieunternehmen, alle zumindest auf dem Papier. Denn ausser einem Schild auf einem Briefkasten steckt häufig wenig hinter einem Firmennamen. Der italienischsprachige Bezirk, der das Misox und Calancatal umfasst und direkt ans Tessin angrenzt, zählt zwar nur 8300 Einwohner, aber 1500 registrierte Firmen. In Grono kommt eine Firma auf zwei Einwohner.

Das Phänomen ist nicht ganz neu, hat aber in jüngster Zeit neue Dimensionen und eine neue Brisanz erreicht. Hans Peter Wellig, Hotelier in San Bernardino und stellvertretender Grossrat der FDP, hat in einer bereits im Juni 2017 im Bündner Grossen Rat eingereichten Anfrage die Bezeichnung «Eldorado für Briefkastenfirmen» aufgebracht. Er zeigt sich besorgt. Diese Unternehmungen stellten keinen Beitrag für die regionale Wirtschaft dar, sondern eine Belastung. Statt erwünschter Steuereinnahmen fielen häufig Kosten durch Betreibungs- und Konkursverfahren an. Er verweist etwa auf den starken Anstieg der Zahlungsbefehle.

In Sorge ob dieser Entwicklung ist auch Nicoletta Noi-Togni, die unabhängige Gemeindepräsidentin von San Vittore und Grossrätin im Bündner Parlament. Sie hatte schon 2003 in einer Anfrage an die Kantonsregierung eine schärfere Aufsicht über die Finanzgesellschaften gefordert, war mit ihrem Vorstoss aber abgeblitzt. Sie befürchtet unter anderem, dass unseriöse Briefkastenfirmen das Image der Region beschädigen. Sie wirft dem Kanton eine allzu lasche Politik vor, um sich ins Handelsregister eintragen lassen zu können.

Verbindungen nach Italien?

Ihre Furcht erscheint berechtigt. Nachdem das italienischsprachige Fernsehen RSI im Oktober in der Sendung «Falò» eine ausführliche Reportage über die Zustände im Bezirk Moesa brachte, zog das italienische Staatsfernsehen RAI mit einem langen Bericht nach. Besonders heikel: Es wird insinuiert, dass auch Personen, die allenfalls mit der italienischen Mafia in Kontakt stehen, sich problemlos im Bezirk Moesa niederlassen können.

Die These, dass sich teilweise «Tarnfirmen» aus Italien aus nicht immer noblen Gründen eine Adresse im beschaulichen Misox besorgen, vertritt Fausto Cattaneo. Der frühere Tessiner Polizeikommissar und Undercover-Drogenagent, der ursprünglich aus dem Südbündner Örtchen Roveredo stammt, hat unter dem vielsagenden Namen «Moesana Connection» ein Dossier von mehr als 100 Seiten erarbeitet.

«Abwanderung» aus Tessin?

Vor kurzem stellte Fausto Cattaneo einen Teil seiner Recherchen im Rahmen eines öffentlichen Informationsabends in Roveredo vor. Bei diesem Anlass wurde auch die Petition Moesano pulito (auf Deutsch: Sauberes Moesa) lanciert. «Angesichts der alarmierenden Nachrichten über mafiöse Infiltrationen wird gefordert, dass die kantonalen Behörden, aber auch die Strafermittler flächendeckende Untersuchungen einleiten», heisst es sinngemäss in dieser Petition. Sicher ist, dass die Zahl der Briefkastenfirmen im Bezirk Moesa seit drei Jahren stark zugenommen hat. Und auffällig ist dabei, dass genau vor drei Jahren der Nachbarkanton Tessin die Schraube durch eine Verschärfung des Treuhandgesetzes angezogen und die Kontrollen intensiviert hat. Zudem war damals die umstrittene Pflicht zur Vorlage eines Strafregisterauszugs für Antragsteller von Niederlassungs- und Grenzgängerbewilligungen eingeführt worden. Knapp 300 Unternehmen haben seit 2014 ihren Firmensitz vom Tessin ins benachbarte Misox gezügelt. Der Leiter der Abteilung für Wirtschaftskriminalität bei der Tessiner Kantonspolizei, Fabio Tasso, spricht vom Bezirk Moesa denn auch «als einer der Off-Shore-Zonen der Schweiz».

Chur zieht Schraube an

Lange machte Chur gute Miene zum bösen Spiel. Doch nun will man die Flut der Briefkastenfirmen im Südbündner Bezirk ganz offenbar nicht länger ignorieren. Der Kanton habe seine Kontrollen verschärft, versicherte Volkswirtschaftsdirektor Jon Domenic Parolini vor kurzem im Kantonsparlament. «Das Amt für Industrie, Gewerbe und Arbeit überprüft jeden einzelnen Betrieb», erklärte er. Bei 160 Unternehmen bestünden Zweifel, ob überhaupt eine Betriebsstätte vorhanden sei. Der Bündner Justizdirektor Christian Rathgeb hat sich inzwischen mit seinem Tessiner Amtskollegen Norman Gobbi getroffen, um die Zügelproblematik suspekter Scheinfirmen zu erörtern.

Hotelier Hans Peter Wellig in San Bernardino ist «zufrieden», dass sich die Behörden bewegen. Seiner Meinung nach müssten aber auch die «Strafermittler aktiver werden». Ob die Bundesanwaltschaft (BA), in deren Kompetenz Organisierte Kriminalität und Geldwäscherei fällt, konkrete Ermittlungen eingeleitet hat, war nicht in Erfahrung zu bringen. Zu einer entsprechenden Anfrage schreibt die BA ganz allgemein: «Im Rahmen ihrer Zuständigkeit für die Bekämpfung der organisierten Kriminalität verfolgt die BA die Thematik aufmerksam.»

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