Rolling Rock

Buchstaben des Gesetzlosen

Der Schriftzug «Rolling Rock» beim Geschäft an der Aarauer Rathausgasse ist verschwunden, mehr als ein Jahr nach der Eröffnung. Das Baugesuch ging vergessen. Doch bewilligt worden wäre die Reklame gar nicht.

Von Thomas Röthlin

Simon Eichenberger (40), Inhaber des Rolling-Rock- Shops, ist sauer. Ende September musste er die auffällige rote Fassadenreklame über dem Eingang zu seinem Geschäft für sportliche und junge Freizeitmode an der Rathausgasse 10 in Aarau abmontieren. Das Stadtbauamt habe die Frist «ein allerletztes Mal» erstreckt, sagt Marcel Stierli, stellvertretender Leiter der Sektion Hochbau. «Die Schrift ist mit 55 Zentimetern zu hoch», begründet er die Verfügung. In der Altstadt seien, so die «Praxis», 32 Zentimeter erlaubt.

«Das ist geschäftsschädigend », findet Eichenberger. Irgendwie müsse er ja auf seinen Laden aufmerksam machen. Er kenne niemanden, den das Schild gestört habe. «Alle jammern, die Altstadt sei tot. Doch wer zur Stadtentwicklung beiträgt, wird bestraft», nervt sich Eichenberger. Er habe mit seinem Geschäft in den ersten 14 Monaten das Ziel «mehr als erreicht » und neue Arbeitsplätze geschaffen. Eichenberger betreibt auch die Skate-Anlage Rolling Rock in der Industriebrache Torfeld Süd, wo das neue FC-Aarau-Stadion gebaut wird.

«Willkür und Paragrafenreiterei » ist der städtische Beschluss auch für Martin Ammann, Eigentümer der Ladenliegenschaft. «In der unmittelbaren Umgebung hats Reklamen, die sind hässlicher und grösser und passen schlechter in die Altstadt », sagt Ammann. Er habe den Schriftzug nun entfernen lassen, um eine «vernünftige Lösung» zu suchen.

Ammann räumt ein, das Gesuch «vergessen» zu haben. Doch ein solches hätte laut Marcel Stierli auch nichts genützt: «Eine Reklame wäre in dieser Grösse gar nicht bewilligungsfähig», weil sie eben nicht der gängigen Praxis entspreche. Zum Willkür-Vorwurf sagt Stierli: «Richtlinien werden je nach Perspektive anders ausgelegt. » Bei der Buchstabenhöhe gebe es «gewissen Spielraum », denke man ans i-Tüpfelchen oder an Oberund Unterlängen beim «l» oder «g». Beim Rolling Rock sei es «von Anfang an falsch gelaufen», bedauert Stierli.

DENKMALSCHUTZ kommt bei der Rathausgasse 10 als erschwerendes Element hinzu. Die Rolling-Rock-Reklame sei an einem denkmalgeschützten Haus in einer Altstadt «wirklich undenkbar», sagt der stellvertretende kantonale Denkmalpfleger Reto Nussbaumer. Auch die Altstadtkommission trage den Entscheid mit. Die Denkmalpflege ist in der Kommission, die den Stadtrat bei Baugesuchen in der Altstadt berät, mit einem Sitz vertreten.

Dabei habe man dem Eigentümer einen Kompromissvorschlag gemacht, so Nussbaumer: einen weniger grossen Schriftzug im Schaufenster. So handhabe es beispielsweise das renovierte «Bernerhaus» in der Altstadt von Baden, wo ein Nespresso- Shop untergebracht ist. Simon Eichenberger macht sich bereits entsprechende Gedanken. «Was wir hinter der Fassade machen, kann uns niemand vorschreiben», ist er überzeugt.

Wo das Schild prangte, kleben jetzt Rolling-Rock-Plakate. Doch die Geschichte dürfte noch nicht zu Ende sein. Die Fassade des Erdgeschosses ist frisch gestrichen. Auch für das Grau fehlt die Bewilligung.

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