Hohn und Spott ergossen sich über die Appenzeller, als sie am 29. Mai 1990 zum wiederholten Male die Einführung des Frauenstimmrechts abgelehnt hatten. Auf dem Video-Kanal Youtube, den es damals noch gar nicht gab, lässt sich heute anschauen, wie zahlreich die Männer ihre Hände zum Gegen-Mehr erheben und wie die Landsgemeinde den trotzigen Entscheid bejubelt.

Es sind Bilder wie aus einer anderen Epoche, dabei ist es noch keine 30 Jahre her seit dem denkwürdigen Votum, das dann später vom Bundesgericht umgestossen wurde. Zeitungen und TV-Sender rund um den Globus machten sich lustig über die sonderbaren Appenzeller, und noch heute verbindet man den Halbkanton nicht nur mit Hügeln, Alpenbitter und Biber, sondern auch damit, dass es der letzte Flecken in Europa war, wo Frauen nicht abstimmen durften.

«Ich war extrem nervös»

Ausschnitte aus der Sendung «TalkTäglich» mit Funda Yilmaz und SVP-Asylstratege Andreas Glarner.(26.6.2017)

Dorftrottel der Weltpresse

Was die Appenzeller beim Frauenstimmrecht, sind nun die Buchser bei der Einbürgerungspolitik: die Dorftrottel der Weltpresse. Buchs, der «10 000-Einwohner-Ort 30 Minuten westlich von Zürich», wie die deutsche «Zeit» ihren Lesern die Gemeinde erklärte, hat der 25-jährigen Türkin Funda Yilmaz den Schweizer Pass verweigert.

Medien aus aller Herren Ländern, China eingeschlossen, berichten inzwischen darüber. Der britische «Guardian» erwähnte, dass Yilmaz beim Einbürgerungstest als «typische Schweizer Sportarten» Chlaus-Chlöpfen und Skifahren und nicht, wie verlangt, Hornussen nannte – und klärte auf: Hornussen sei «an indigenous cross between baseball and golf» (eine einheimische Mischung zwischen Baseball und Golf).

Dass man den Medienhype in Buchs für übertrieben hält und der Gemeindeammann gegenüber der «Aargauer Zeitung» von einem «Shitstorm» spricht, ist verständlich. Zumal hier ein ganzes Dorf in Sippenhaft genommen wird; dabei gibt es keinen Volksentscheid.

Der Fall Yilmaz ist auch ein Lehrstück über das Funktionieren der modernen Mediengesellschaft: Ein Einzelfall verbreitet sich viral, der bizarre Test mit den 92 Einbürgerungsfragen ist online für jedermann einsehbar, und so entsteht der Eindruck, dass in der Schweiz Einbürgerungsverfahren halt so ablaufen – mit «dermassen doofen Fragen», wie sich FDP-Ständerat Philipp Müller ausdrückte. Dabei funktioniert das Einbürgerungsprozedere in der Schweiz meistens problemlos.

Der Fall ist aber vor allem ein Lehrstück über Behördenwillkür. Darum ist gut, dass er an die Öffentlichkeit kam. Übrigens nicht, indem Funda Yilmaz aktiv «an die Medien gelangte», wie es bisweilen hiess, sondern weil der «Aargauer Zeitung» der abschlägige Einbürgerungsentscheid in den Buchser Gemeindenachrichten aufgefallen war.

Darauf besuchte die zuständige Redaktorin die Einwohnerratssitzung, an welcher der Fall behandelt wurde, um die Hintergründe zu erfahren, und berichtete darüber. Das war vor einem Monat. Hätten die Buchser Behörden angesichts der Absurdität des Entscheids umgehend reagiert – durch Wiedererwägung –, wäre ihnen der Spott der nationalen und internationalen Medien wohl erspart geblieben.

An der Absurdität bestehen kaum Zweifel, auch SVP-Politiker wie Natalie Rickli verstehen den Entscheid nicht: «Wirklich absurd. Vor allem, wenn man bedenkt, wer sonst alles eingebürgert wird, ohne wirklich integriert zu sein», twitterte die Nationalrätin.

Funda Yilmaz ist hier aufgewachsen, bestens integriert, spricht Dialekt, ist mit einem Schweizer verlobt, hat einen Job als Bauzeichnerin und einen einwandfreien Leumund. Sie bestand den Einbürgerungstest problemlos, auch wenn sie – welche Schande! – bei der Frage passen musste, wie man Frittieröl entsorgt.

Die Buchser Einbürgerungskommission entschied sich nach einem 45-minütigen Gespräch mit Yilmaz trotzdem gegen den Schweizer Pass, weil sie, wie es in einer Aktennotiz heisst, angeblich «in ihrer kleinen Welt lebt und kein Interesse zeigt, sich mit der Schweiz und der Bevölkerung auf einen Dialog einzulassen». Selten wurde Behördenwillkür so klar sichtbar.

Leichtfertige Einbürgerungen

Wohlverstanden: Die Hürden für den Schweizer Pass sollten hoch angesetzt sein. Wer nicht integriert ist, und dazu gehört auch das Beherrschen einer Landessprache, sollte nicht eingebürgert werden. In grossen Städten werden Gesuche bisweilen leichtfertig durchgewinkt, und dahinter können ebenso undurchsichtige oder politische Motive stecken wie in Buchs: Die Zürcher Stadtpräsidentin schrieb kürzlich einen Brief an 40 000 Ausländer, in dem sie diese zur Einbürgerung ermunterte.

Das Bürgerrecht ist für Ausländer aber keine Bring-, sondern eine Holschuld. Und vor allem: Der Entscheid darüber darf nicht politisch motiviert sein. Ob jemand den Pass bekommt, muss ganz einfach darauf beruhen, ob der Antragsteller die Voraussetzungen erfüllt oder nicht. Es ist kein politischer, sondern ein administrativer Akt. Der Wirbel um den Fall Yilmaz ruft das hoffentlich in Erinnerung. Über Buchs hinaus.

Buchs: Junge Türkin als Schweizermacher-Opfer – «Ich kann es nicht verstehen»

Die 25-jährige Türkin Funda Yilmaz darf nicht Schweizerin werden – trotz perfektem Schweizerdeutsch, einwandfreiem Leumund, stabiler Lebenssituation, Pläne für ein Studium und mit 100 Prozent bestandenem Staatskundetest. Sie kann die Ablehnung ihrer Einbürgerung nicht verstehen.