FDP
Buch beleuchtet dreifaches Scheitern des Freisinns

Die Partei, die den Bundesstaat schuf, entfremdete sich dem Staat, der Wirtschaft und den Wählern – so wird es im Buch der beiden Journalisten Alan Cassidy und Philipp Loser beschrieben. Eine Besprechung von Medienwissenschaftler Roger Blum.

Roger Blum
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Die FDP hat dunkle Zeiten durchgemacht: In den letzten 35 Jahren verlor sie mehr als 10 Prozent Wählerstimmen.

Die FDP hat dunkle Zeiten durchgemacht: In den letzten 35 Jahren verlor sie mehr als 10 Prozent Wählerstimmen.

Keystone

Gerade gewinnen die Schweizer Freisinnigen wieder Wahlen, da platzt ein Buch dazwischen, das aufzeigt, wie sehr sich die FDP in der Sackgasse befindet. Die beiden Journalisten Alan Cassidy («Schweiz am Sonntag») und Philipp Loser («Tages-Anzeiger») beleuchten die letzten 35 Jahre freisinniger Politik und erzählen, wie die FDP in dieser Zeit sich als Staatspartei dem Staat entfremdete, als Wirtschaftspartei das Vertrauen der Wirtschaft verlor und als Volkspartei das Volk vergraulte.

Der Bundesstaat von 1848 war der Staat der Freisinnigen, aber diese Staatspartei setzte von 1979 an auf «weniger Staat» und begann, nach Deregulierungen zu rufen und die Bürokratie anzuprangern.

Freisinnige besetzten die meisten Schlüsselstellungen der Wirtschaft, deshalb schadeten das Swissair-Grounding, eklatante Abzocker-Fälle und die Banken-Krise erst einmal der FDP.

Dies hatte den Effekt, dass die FDP mehr und mehr auf Distanz zur Wirtschaft ging, was etliche Wirtschaftsführer in die Arme der SVP trieb. Der Volkspartei FDP liefen zudem Wählerinnen und Wähler davon, weil sie die Umweltproblematik missachtete, in der Europafrage glücklos taktierte und in der Asylpolitik mit der SVP sowie in der Drogenpolitik mit der SP zusammenspannte.

Die Partei erlebte mehrere Krisen, so 1989, als mit Elisabeth Kopp die erste Bundesrätin zurücktreten musste, der Fichen-Staat enthüllt wurde und das Feindbild Kommunismus plötzlich wegbrach, oder 1992, als der Beitritt zum EWR in der Volksabstimmung scheiterte.

Dies alles war begleitet vom permanenten Trommelfeuer Christoph Blochers, der die FDP als nicht mehr bürgerlich und als Filz-Partei bezichtigte. In den 35 Jahren verlor die liberale Partei fast 10 Prozent Wähleranteil.

Sie verlor auch ihren gesellschaftsliberalen Flügel, der mit Politikern wie Christine Beerli, Lili Nabholz, Otto Schoch, René Rhinow, Gilles Petitpierre, Peter Tschopp, Marc F. Suter, Sergio Salvioni, François Loeb oder Dick Marty für Reformideen und für den intellektuellen Nährstoff sorgte. Geblieben sind gerade noch Christa Markwalder und Claudine Esseiva.

Die beiden Autoren analysieren das Schicksal dieser Partei fakten- und kenntnisreich und beziehen auch die jüngste Aktualität, etwa die Krise der NZZ, mit ein. Sie lassen vor allem die sieben Parteipräsidenten Bruno Hunziker, Franz Steinegger, Gerold Bührer, Christiane Langenberger, Rolf Schweiger, Fulvio Pelli und Philipp Müller plastisch erscheinen, die das Programm, die Strategie und den Stil der FDP je verschieden ausprägten.

Einen wichtigen Aspekt vernachlässigen sie allerdings, da sie sich als Journalisten womöglich zu wenig selber beobachten: Die Mediengesellschaft steht quer zur schweizerischen politischen Kultur, die stark auf Kompromiss und Konsens und Einbindung von Minderheiten ausgerichtet ist.

In der kommerzialisierten und boulevardisierten Mediengesellschaft können jene politischen Akteure punkten, die skandalisieren, dramatisieren und simplifizieren.

Parteien, die Schlagzeilen produzieren, erhalten mehr Aufmerksamkeit als solche, die in langen Verhandlungsprozessen nach Lösungen suchen. Da sind pragmatische Parteien wie die FDP und die CVP a priori im Nachteil: Sie sind die Verlierer der Mediengesellschaft.

*Roger Blum ist emeritierter Professor für Medienwissenschaft an der Universität Bern. Er politisierte 1961–1978 in den Reihen der FDP.

Alan Cassidy/ Philipp Loser Der Fall FDP – Eine Partei verliert ihr Land. Rotpunktverlag Zürich 2015, 216 Seiten, 33 Franken.