Zürich

Bub (†8) in Frankfurt vor Zug gestossen: Täter war in psychiatrischer Behandlung – Gewaltausbruch hatte alle überrascht

Die Kantonspolizei Zürich informierte am Dienstagnachmittag über den in der Schweiz wohnhaften Eritreer, der in Frankfurt einen Jungen und dessen Mutter vor einen Zug gestossen hat. In der Schweiz wurde der Mann bereits seit Donnerstag polizeilich gesucht.

Der 40-jährige Eritreer, der in Frankfurt mehrere Personen vor einen einfahrenden ICE stiess und dabei einen Knaben tötete, war in psychiatrischer Behandlung und krankgeschrieben. Einen terroristischen Hintergrund schliesst die Polizei aus.

Bis am vergangenen Donnerstag, dem 25. Juli, wohnte der Eritreer zurückgezogen mit Frau und Kindern in Wädenswil ZH. Er war Mitglied der christlich-orthodoxen Glaubensgemeinschaft und arbeitete bis Januar 2019 bei den Zürcher Verkehrsbetrieben (VBZ). Seit 2006 lebte er in der Schweiz, seit 2011 hatte er eine Niederlassung C.

Mutmasslicher Täter von Frankfurt war zuvor schon gewalttätig

Mutmasslicher Täter von Frankfurt war schon Tage zuvor gewalttätig aufgefallen.

Der Eritreer soll wird in einer Publikation des Schweizerischen Arbeitshilfswerks (SAH) als gutes Integrationsbeispiel beschrieben, wie der «Tagesanzeiger» berichtet. Im Jahr 2017 habe er über ein SAH-Programm für Sozialhilfebezüger eine Stelle bei den VBZ bekommen und seine Chance genutzt. Davor habe er gemäss der Publikation sechs Jahre in einer Aarauer Schlosserei gearbeitet. Diese Stelle verlor er jedoch, weil die Aufträge zurückgegangen seien.

Tragödie in Frankfurt: Täter war zur Fahndung ausgeschrieben

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Polizeilich bekannt war der 40-Jährige einzig wegen eines geringfügigen Verkehrsdeliktes. Am Donnerstag kam es dann zu einem ersten Gewaltausbruch: Er sperrte seine Ehefrau und die drei Kleinkinder in der Wohnung ein, wie Vertreter der Kantonspolizei Zürich und der Staatsanwaltschaft am Dienstag vor den Medien in Zürich erklärten. Seine Familie musste von der Polizei befreit werden.

Zudem bedrohte er eine Nachbarin mit einem Messer und würgte sie. Der Gewaltausbruch kam für die Familie und die Nachbarin überraschend. Sie hätten ihn noch nie so erlebt, sagten sie aus. Bevor die Polizei am Tatort eintraf, war er bereits geflüchtet.

Keine Hinweise auf Gefährlichkeit

Eine Öffentlichkeitsfahndung wurde am Donnerstag nicht eingeleitet. Das sei nicht angezeigt gewesen. Solche Vorfälle von häuslicher Gewalt gebe es im Kanton Zürich etwa ein Dutzend pro Tag, sagte Bruno Keller, stellvertretender Kommandant der Kantonspolizei. Es habe keine Hinweise auf eine besondere Gefährlichkeit gegeben. Man habe ihn national zur Fahndung ausgeschrieben.

Wie der Mann nach Deutschland kam und mit wem er seit Donnerstag Kontakt hatte, ist noch nicht geklärt. Eine Radikalisierung oder einen terroristischen Hintergrund schliesst die Polizei aus.

Vielmehr hat der Mann psychische Probleme. Seit Januar dieses Jahres war er deswegen auch krankgeschrieben. "Er war in psychiatrischer Behandlung", sagte Keller weiter. Woran er leidet, ist noch nicht geklärt. Die Justiz hat die Krankengeschichte des Mannes noch nicht analysiert. Ob er in einer Klinik war, ist ebenfalls noch unklar.

Was seinen ersten Gewaltausbruch in Wädenswil auslöste, weiss die Polizei noch nicht. Um diese Frage zu beantworten, brauche es weitere Ermittlungen. "Der Vorfall in Frankfurt löste auch im Kanton Zürich grosse Betroffenheit aus", sagte Keller. "In Gedanken sind wir bei den Angehörigen."

Der Eritreer muss sich in Deutschland nun einem Strafverfahren wegen des Tötungsdeliktes stellen. Im Kanton Zürich wird er sich danach auch noch wegen häuslicher Gewalt verantworten müssen.

Medienkonferenz der Kapo Zürich – das Wichtigste in Kürze:

Das sagen die Vertreter der Zürcher Polizei und Staatsanwaltschaft:

  • Die Kantonspolizei bestätigt: Der 40-jährige Eritreer hat seinen Wohnsitz in Wädenswil.
  • Ein deutsches Ermittlungsersuchen ging am Montag kurz vor Mittag bei der Bundespolizei ein. 
  • Am Montagabend gab es eine Hausdurchsuchung am Wohnort des mutmasslichen Täters.
  • Gemäss Polizei-Kommandant Bruno Keller gibt es keinerlei Hinweise auf Radikalisierung oder ideologische Motive.
  • Der orthodoxe Christ hatte seit 2011 eine Aufenthaltsbewilligung der Kategorie C.
  • Der Mann war berufstätig (unter anderem beim VBZ). Seit Januar 2019 befand er sich allerdings in psychiatrischer Behandlung und war krankgeschrieben. Noch laufen Untersuchungen zum psychiatrischen Zustand des Mannes, die Staatsanwaltschaft hat die Krankheitsgeschichte beim behandelnden Arzt eingefordert.
  • Der Mann hat keine Vorstrafen resp. Vorakten über Gewaltdelikte. Er war aber wegen eines geringfügigen Verkehrsdelikts polizeilich bekannt.
  • Am letzten Donnerstag wurde der 40-Jährige erstmals in Wädenswil auffällig und in der Folge national zur Verhaftung ausgeschrieben, es gabe gemäss Polizei keine Hinweise auf eine mögliche Flucht ins Ausland.
  • Die Ehefrau des Täters meldete bei der Stadtpolizei, sie habe Probleme mit ihrem Mann.
  • Die Polizei fand in Wädenswil mehrere in Wohnungen eingesperrte Personen an. Darunter auch eine Nachbarin, die der flüchtige Täter mit einem Messer bedrohte hatte. Der Gewaltausbruch habe alle überrascht. Ehefrau wie Nachbarin sagten aus, ihn noch nie so erlebt zu haben.
  • Wie der Mann nach Deutschland flüchtete und wo er sich zwischen Donnerstag und Montag aufhielt, sind derzeit noch Bestandteil der Ermittlung. 
  • In der Schweiz läuft nur ein Verfahren wegen häuslicher Gewalt. In Deutschland wegen Tötung.

(CHM/SDA)

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