Christian Dorer, Karen Schärer

Die künftige Nationalratspräsidentin ist zu Fuss von ihrer Wohnung die Limmat entlang ins Stadtzentrum von Baden marschiert. Sie kommt ein paar Minuten zu spät im Café an, weil ihre schwarze Labrador- Hündin Kala unterwegs besonders viele spannende Artgenossen angetroffen hat. Die legt sich jetzt unter den Tisch und wartet zufrieden, bis das Interview vorbei ist.

Mit 24 waren Sie die jüngste Nationalrätin, nun werden Sie als jüngste Frau in der Geschichte Nationalratspräsidentin. Waren Sie schon immer die Schnellste?
Pascale Bruderer: Schnell war ich nie, zumindest nicht auf kurzen Strecken. (lacht) Die Jüngste allerdings schon, in meiner Familie als Jüngste von drei Schwestern und auch in verschiedenen politischen Gremien. Zwischenzeitlich sind - zu meiner Freude - viele jüngere Politikerinnen und Politiker nachgekommen. Wenn sich der U35- Klub des Nationalrats heutzutage trifft, füllen wir eine lange Tafel.

Woher kommt der Ehrgeiz, mit dem Sie es so jung so weit gebracht haben?


Bruderer: Ich habe damals einen bewussten Entscheid gefällt, als junge Frau Politik zu machen. Damit wollte ich Gleichaltrige aufrufen, sich für Politik zu interessieren. Gleichzeitig wollte ich der jungen Generation eine Stimme geben. Ehrgeiz braucht es vor allem, seine politischen Ideen und Projekte zu verfolgen - denn es hat ja niemand auf eine junge Frau mit guten Ideen gewartet.

Nimmt man Sie als junge Person in der Politik manchmal weniger ernst?
Bruderer: Um Mehrheiten zu finden, spielt das Alter keine Rolle. Entscheidend ist die Offenheit: Oft gelingt es mir, über Parteigrenzen hinweg Unterstützung zu erhalten, weil ich weiss, wie wichtig es ist, anderen zuzuhören und bereit zu sein, von der eigenen Maximalforderung auch mal ein Stück weit abzurücken.

Was erleben Sie bei repräsentativen Anlässen: Gibt es da irritierte Reaktionen?
Bruderer: Während meiner zwei Jahre als Vizepräsidentin des Nationalrats erlebte ich das tatsächlich, aber nur einmal - und das Gegenüber war eher erstaunt als irritiert.

Bill Clinton, den Sie kürzlich getroffen haben?
Bruderer: Nein, Clinton nicht. Er war absolut professionell und erfreut über unser gemeinsames behindertenpolitisches Engagement.

Welche Tipps geben Sie jungen Menschen, die es in der Politik weit bringen wollen?
Bruderer: Sich selbst zu bleiben, seine eigenen Erfahrungen einzubringen und nicht das Gefühl zu haben, das genüge nicht. Ich bin sehr gut damit gefahren, auch mal offen zu sagen, wenn ich etwas nicht wusste. Lieber authentisch sein als vorgeben, man habe alles im Griff - das haben auch die Älteren im Parlament nicht.

Frau Bruderer, was möchten Sie in Ihrem Präsidialjahr erreichen?
Bruderer: In erster Linie wird die Nationalratspräsidentin gewählt, um die Sessionen vorzubereiten und den Rat zu leiten. Diese Arbeit möchte ich möglichst gut machen - und dabei eher im Hintergrund agieren. Die eigentlichen Akteure sind die Parlamentsmitglieder, ihnen will ich gute Rahmenbedingungen bieten für ihre Arbeit und so zu fairen Debatten beitragen. Auch im Sport ist der beste Schiedsrichter derjenige, den man kaum wahrnimmt. Und über den man nach dem Spiel nicht spricht, weil er seine Arbeit gut gemacht hat.

Wer den Nationalrat besucht, ist schockiert über die Unordnung und den Lärm im Saal. Was werden Sie dagegen tun?
Bruderer: Der Parlamentarier, der von morgens bis abends still auf seinem Stuhl sitzt, verrichtet seine Arbeit nicht unbedingt am besten. Politisieren heisst auch, sich auszutauschen, Gespräche zu führen, Medien Auskunft zu geben. Mir ist es aber wichtig, dass die Ratsmitglieder im Saal ihre Kollegen am Rednerpult und die Zuhörer auf den Tribünen nicht stören. Da ist es meine Aufgabe, für Ruhe zu sorgen. Null Verständnis habe ich, wenn im Saal telefoniert wird.

Das werden Sie unterbinden?
Bruderer: Ja. Wohl nicht über das Mikrofon, sondern indem ich den Einzelnen persönlich darauf hinweise, dass er den Saal während des Telefonats verlassen soll.

Und neben der Führung des Nationalrats?
Bruderer: Ich freue mich darauf, das Parlament der Bevölkerung näherzubringen und aufzuzeigen, wie Politik in der Schweiz gelebt wird und funktioniert.

Wie wollen Sie das tun?
Bruderer: Der direkte Kontakt mit der Bevölkerung war mir schon bisher sehr wichtig - deshalb eröffnete ich ein Bürgerbüro, traf regelmässig Schulklassen etc. Im nächsten Jahr möchte ich eine Nationalratspräsidentin sein, die nahe bei den Leuten ist, die nicht nur an den grossen Veranstaltungen auftritt.

Sie nehmen also haufenweise Einladungen an, damit Sie den Kontakt zur Bevölkerung haben.
Bruderer: Genau. (lacht) Ich bekomme sehr viele Einladungen - das zeigt, dass ein Interesse besteht am Dialog und an der Nähe zur Nationalratspräsidentin. Ich möchte aber vor allem dort vor Ort sein, wo sich Generationen begegnen.

Zum Beispiel?
Bruderer: Etwa dort, wo junge Leute älteren zeigen, wie man mit neuen Technologien umgeht. Ich möchte mein Präsidialjahr dazu nutzen, zum Brückenschlag zwischen den Generationen aufzurufen. Nicht zuletzt, weil ich auf meinem politischen Weg selber gemerkt habe, wie viel die Generationen vom Austausch untereinander lernen und profitieren können.

Haben sich die Generationen entfremdet?
Bruderer: Das nicht, aber man lernt zu wenig von den Stärken des anderen. Das Thema Jugendgewalt zum Beispiel beschäftigt mich stark. Ich habe mich mit vielen Schulklassen ausgetauscht und staune, dass Ansätze, wie man Jugendgewalt begegnen sollte, von jungen Leuten ganz anders wahrgenommen werden. Sie fokussieren viel stärker auf Perspektiven und auf Freiräume.

Was können die Jungen von den Älteren lernen?
Bruderer: Viele ältere Leute, die am Ende ihrer Arbeitstätigkeit sind, möchten sich stärker in die Gesellschaft einbringen - bei ihnen kann man einen enormen Reichtum an Erfahrungen und Ressourcen abholen. Junge Leute können davon profitieren und daraus Schlüsse ziehen für den eigenen Alltag.

Was tun Sie, um den Draht zur jungen Generation zu halten? Sie selber sind ja auch nicht mehr so jung wie auch schon . . .
Bruderer: Das fällt mir auch auf . . . Die wirklich junge Generation findet zum Glück neue und andere Vorbilder in der Politik. Ich freue mich, dass es Junge gibt, die im gleichen Alter mit Politik beginnen wie ich damals. Ich glaube aber, mir ist es bisher immer gelungen, den Draht zu behalten.

Mit aufmüpfigen Repräsentanten der jüngeren Generation, etwa mit SP-Vizepräsident Cédric Wermuth, haben viele ihre liebe Mühe.
Bruderer: Ich kann mit Cédric gut zusammenarbeiten - auch wenn wir völlig verschieden politisieren. Ich habe das Mittel der Provokation nie benutzt. Nicht weil ich finde, das sei nicht erlaubt, sondern weil ich als Mensch einfach ein anderer Typ bin: Ich bin ein ausgesprochenes Kind der Konkordanz. Das ist unspektakulär und vielleicht sogar ein bisschen langweilig. Aber es ist tatsächlich die Art, wie ich immer gern Politik gemacht habe: Ich stelle lieber das Miteinander ins Zentrum statt das Gegeneinander.

Tönt so die zurückhaltende Antwort einer Ratspräsidentin?
Bruderer: So tönte ich schon immer. Was aber neu sein wird: Ich werde mich in der Tat mit sachpolitischen Aussagen zurückhalten.

Das Präsidialjahr wird im Nu vorbei sein. Wie werden Sie danach Ihre Lust an der Politik befriedigen?
Bruderer: Das ist ja das Lustige und das Schöne: Nach dem einen Jahr als Nationalratspräsidentin sitzt man wieder zurück an sein Plätzchen im Saal und führt die Arbeit dort weiter. Ich finde, es ist für mich nach 12 Jahren der perfekte Zeitpunkt, diesen Perspektivenwechsel zu machen.

Wollen Sie Ständerätin werden . . .?
Bruderer: Was 2011 ist, kann ich noch nicht sagen. Auch weil ich es wichtig finde, mich jetzt voll und ganz auf das Nationalratspräsidium zu konzentrieren.

. . . eines Tages gar Bundesrätin?
Bruderer: Im Moment gefällt mir die Parlamentsarbeit. Ich habe auch bisher keine langfristigen Pläne gemacht, das macht für mich wenig Sinn.

Das glauben wir Ihnen nicht. Eine Vollblutpolitikerin macht sich doch Gedanken, ob ein Regierungsamt reizvoll wäre.
Bruderer: Ganz offen: Ich mache mir auch darum diese Gedanken nicht, weil es in meinem Leben noch anderes gibt als Politik.

Ein Häuschen und Kinder?
Bruderer: Warum auch nicht? Man weiss nie, wie es kommt. Ich finde es gefährlich, zu viel zu planen. Dass mir Politik so viel Freude macht, liegt sicher auch daran, dass ich geschafft habe, einen guten Ausgleich zu finden zwischen Politik und anderen Aspekten meines Lebens.

Sie könnten sich vorstellen, einmal einen Schlussstrich unter die Politik zu ziehen?
Bruderer: Zum Glück kann ich mir das vorstellen! Wer so jung in die Politik einsteigt, wie ich das getan habe, wäre verrückt zu denken, das Leben hänge nur von der Politik ab.

Geht denn Politik auf hohem Level und Familie nicht zusammen?
Bruderer: Doch! Nur: In unserem Milizsystem, wo der Beruf auch noch eine Rolle spielt, muss man sich früher oder später entscheiden, wo man Prioritäten setzt und worauf man verzichtet. In diesem Jahr liegt die Priorität auf der Politik - ich freue mich darauf.