Herr Wilkinson, sind Sie ein Anti-Kapitalist?

Richard Wilkinson: Ich bin ein Anhänger der sozialen Marktwirtschaft. Wir brauchen die Märkte. Doch wir müssen sie kontrollieren. Warum fragen Sie?

Sie plädieren für mehr Gleichheit. Das ist nicht per se ein kapitalistisches Anliegen.

Unsere Studien zeigen, dass ungleiche Gesellschaften wesentlich mehr soziale Probleme haben. Wirtschaftliche Ungleichheit führt zu Verschuldung und Spekulation und im schlimmsten Fall zu Systemkrisen. Das haben wir in der Weltwirtschaftskrise von 1929 und zu Beginn der Finanzkrise 2008 gesehen. Grosse Unterschiede in der Einkommensverteilung beschädigen die Märkte und sie beschädigen die Demokratie.

Das müssen Sie erklären.

Gesellschaften mit grossen Einkommensunterschieden haben eine höhere Kriminalitätsrate, eine höhere Sterblichkeit, mehr Teenagerschwangerschaften, mehr kranke Menschen, mehr Suizide und deutlich mehr Personen in Gefängnissen. Zudem fördert Ungleichheit die Korruption. Wir haben Tausende Daten ausgewertet. Die Zusammenhänge sind empirisch nachgewiesen. Mehr Gleichheit fördert den Wohlstand und das Glück einer Gesellschaft.

Können Sie Beispiele nennen?

Wir haben nur die entwickelten Länder untersucht. Am grössten ist die Ungleichheit in den USA, Singapur und Grossbritannien. Am besten stehen Japan und die skandinavischen Staaten Schweden und Norwegen da. Die Schweiz liegt im Mittelfeld. Die Zahlen sprechen Klartext. In Schweden leben die Menschen länger, sie sind gesünder und viel besser ausgebildet als etwa in den USA.

Das Schweizervolk stimmt am 24. November über die Initiative 1:12 ab. Ein Lohndeckel wäre ein massiver Eingriff in die Wirtschaftsfreiheit.

Unsere Erkenntnisse gelten auch für die Schweiz: Mehr Gleichheit führt zu mehr Wohlstand. 1:12 wird die Schweizer glücklicher machen.

Die Schweiz ist schon heute eines der reichsten Länder der Welt.

Sie wäre noch reicher.

Welches Einkommensverhältnis wäre denn perfekt?

Das kann ich nicht sagen. Die britische Regierung hat ihre Bürger gefragt, was ein gerechter Lohn ist: für einen Professor, für einen Arzt, für eine Lehrerin. Aus den Antworten lässt sich klar ableiten, welche Spreizung zwischen dem höchsten und tiefsten Lohn die Leute noch als gerecht und fair empfinden: Es ist 1:6. Doch die meisten Menschen realisieren nicht, dass die Unterschiede viel grösser sind.

Die Schweizer wissen das. Seit Jahren werden hierzulande Millionengehälter kontrovers diskutiert.

Jetzt muss den Leuten bewusst werden, dass sich zu hohe Gehälter insgesamt negativ auf den Wohlstand der Gesellschaft auswirken.

Ihre Analyse wirkt angesichts des wirtschaftlichen Erfolgs der Schweiz theoretisch. 1:12 wäre für die Schweizer Wirtschaft vor allem ein Schock.

Im ersten Moment vielleicht schon. Es kommt deshalb darauf an, wie diese Initiative umgesetzt wird. Man kann den Schock abfedern mit Übergangsfristen oder Steuererhöhungen für Grossverdiener. Es gibt verschiedene Wege, das Ziel zu erreichen.

Wenn 1:12 angenommen wird, verlassen doch viele gut bezahlte Manager das Land. Auch Unternehmen könnten abwandern. Das Resultat wäre Wohlstandsverlust.

Das ist Unsinn. Unsere Studien zeigen das Gegenteil. In Japan gibt es eine Kultur, die firmeninterne Talente konsequent fördert. Dahinter steckt die Idee, dass vermeintliche Superstars nicht eingekauft werden müssen, sondern dass viele Menschen aussergewöhnliche Leistungen erbringen können, wenn man sie an ihre Aufgabe heranführt. Eine Lohnbegrenzung wäre also auch in der Schweiz eine grosse Chance für Firmen-interne Aufsteiger, die Spitzenjobs für die Hälfte des Salärs eines teuren Ausländers machen würden. Die Schweizer sollten den eigenen, fähigen Leuten mehr zutrauen.

Eine Lohnobergrenze ist mit einer liberalen Wirtschaftsordnung nicht vereinbar.

Die Schweiz ist eine starke Demokratie. Doch die demokratischen Verhaltensmuster gelten nicht für grosse, internationale Firmen. Die Multis können machen, was sie wollen. Deshalb hat sich eine Bonus-Kultur etabliert, die 2008 zum Beinahe-Zusammenbruch des Finanzsystems geführt hat. Wir müssen die Demokratie auf diesen Teil der Wirtschaft ausweiten.