Coronavirus

Briten feiern lebensrettendes Medikament – Schweizer Infektiologen sind skeptisch

Der britische Premierminister Boris Johnson feiert den Forschungserfolg der Universität Oxford.

Der britische Premierminister Boris Johnson feiert den Forschungserfolg der Universität Oxford.

Ein entzündungshemmendes Medikament hat gemäss einer Studie der Universität Oxford das Leben vieler schwer erkrankter Covid-19-Patienten gerettet. Schweizer Infektiologen sind skeptisch.

«Im Kampf gegen das Coronavirus ist ein noch nie dagewesener Durchbruch gelungen». Der TV-Sender BBC nutzte gestern Abend die halbe Zeit der News-Sendung für die Meldung dieser Sensation: «Das Medikament Dexamethason rettet das Leben von schwer erkrankten Covid-19-Patienten.» Gezeigt wurde die vor Rührung weinende Patientin Katherine Millbank, die 15 Tage im Spital gelegen war und an einer grossen Dexamethason-Studie der Universität Oxford teilgenommen hat. Mit Erfolg, wie sie vor laufender TV-Kamera sagt.

5000 Menschenleben

In der Studie ging es darum, herauszufinden, ob die gängige Steroidbehandlung auch gegen Covid-19 wirkt. Gemäss den Studienautoren senkt das entzündungshemmende Medikament das Todesrisiko für Corona-Patienten an Beatmungsgeräten um einen Drittel, bei jenen, die auf Sauerstoff angewiesen sind, um einen Fünftel. Gemäss den britischen Forschern hätten auf der britischen Insel mit dem Einsatz dieses Steroids 5000 Menschenleben gerettet werden können, hätte man dieses Medikament ab Beginn der Pandemie eingesetzt.

Eine Packung für fünf Pfund

Eine Packung Dexamethason kostet in Grossbritannien nur fünf Pfund, deshalb verweisen die Forscher darauf, dass dieses Medikament für einen weltweiten Einsatz auch in ärmeren Ländern tauge. Auch bei uns kostet das Medikament nur wenige Franken und es wird bereits routinemässig bei immunlogischen Prozessen eingesetzt, wie Professor Pietro Vernazza, Leiter der Klinik für Infektiologie am Kantonsspital St.Gallen, erklärt. «Bei Covid-19 wissen wir, dass immunologische Prozesse wesentlich sind», sagt Vernazza. Deshalb werde im Kampf gegen die Lungenkrankheit auch Cortison eingesetzt. Das Resultat mit dem Steroid Dexamethason sei deshalb nicht überraschend. Deshalb hält der Infektiologe die Geschichte doch auch für einen ziemlichen Medienhype. Zumal die Studie noch nicht wissenschaftlich publiziert und damit geprüft sei. Allerdings wird auch in St.Gallen Dexamethason bei einem entsprechenden Verdacht verschrieben und das sei bei vielen Virusinfektionen der Fall.

Sterberate war in der Schweiz deutlich tiefer

Ebenfalls gespannt auf die Fachpublikation ist Huldrych Günthard, Infektiologe am Universitätsspital Zürich, und zeigt sich im «Tages-Anzeiger» ebenfalls skeptisch. Hansjakob Furrer vom Inselspital Bern verweist darauf, dass die Behandlung mit Dexamethason in der Schweiz wohl nicht so viel Leben gerettet hätte, wie das nun die Briten für ihr Land berechnet haben. Die Sterberate in den Spitälern war in der Schweiz deutlich tiefer als in England, wo Beatmungsgeräte und Spitalpersonal gefehlt haben.

Boris Johnson feiert britischen Forschungserfolg

Interessant ist das Medikament aber auf jeden Fall. Denn gemäss den Forschern der Universität Oxford wirkt das Steroid bei Hochrisikopatienten, deren körpereigenes Immunsystem wegen des Coronavirus überdreht. Diese Überreaktion, ein Zytokinsturm, kann tödlich sein und wurde mit Dexamethason verhindert wie die Studie mit 2000 Covid-19-Erkrankten zeigt. Auf BBC hat Premierminister Boris Johnson die Studie als bemerkenswerten britischen Wissenschaftserfolg gefeiert. Man habe genug Vorräte des Medikaments, um für eine zweite Welle gerüstet zu sein. Die Regierung hat demnach 200'000 Packungen auf Lager.

Autor

Bruno Knellwolf

Meistgesehen

Artboard 1