Pandemie

Brisante Notiz von Alain Berset an Bundesratskollegen: Trotz Corona-Mutation zurzeit keine schärferen Massnahmen

Alain Berset Anfang Woche an einer Medienkonferenz in Basel.

Alain Berset Anfang Woche an einer Medienkonferenz in Basel.

Der Bundesrat verzichtet heute auf eine formelle Sitzung. Die Drähte laufen trotzdem heiss. Recherchen von CH Media zeigen: In einer Informationsnotiz hat Gesundheitsminister Alain Berset den Regierungskollegen seine Einschätzung der Lage mitgeteilt.

Die wissenschaftliche Taskforce hat gestern einmal mehr Alarm geschlagen. Ihr Präsident Martin Ackermann sagte, die Schweiz müsse die Ausbreitung der mutierten Corona-Varianten «unter allen Umständen» verhindern. Dafür seien tiefe Ansteckungszahlen zentral. Ackermann stellte ein Horrorszenario in den Raum: Verbreite sich, wie in England, das mutierte Virus auch in der Schweiz, könnte es bis im Frühling 20'000 Neuinfektionen geben - pro Tag!

Die Taskforce warnte darum nicht nur vor «vorschnellen Lockerungen» - gemeint war wohl die Wiedereröffnung von Skigebieten, wie sie gestern Zentralschweizer Kantone bekanntgaben. Sondern sie schlug auch zusätzliche Massnahmen vor: Vermehrtes Homeoffice und ein verspäteter Schulstart (die meisten Kantone beginnen schon diesen Montag wieder) würden helfen, Zeit zu gewinnen und die Virus-Ausbreitung zu bremsen.

Laufender Austausch ohne formelle Sitzung

Der pointierte Auftritt der Taskforce, der es heute auf die Frontseiten von «Blick» und «Tages-Anzeiger» brachte, fand just einen Tag statt, bevor der Bundesrat die Corona-Lage beurteilen wollte. Die übliche Mittwochs-Sitzung der Landesregierung findet zwischen den Festtagen nicht statt, daran ändert auch Corona nichts. Mehrere Bundesräte, darunter der Bundespräsident ab 1. Januar 2021, Guy Parmelin, halten sich aber in Bern auf. Es fände ein «laufender Austausch» statt, man könne auch ohne formelle Sitzung «jederzeit reagieren», heisst es aus bundesratsnahen Kreisen.

Dass noch in dieser Woche neue Massnahmen beschlossen werden, ist nicht zu erwarten. Darauf lässt eine sogenannte Informationsnotiz von Alain Bersets Innendepartement (EDI) schliessen, die gestern - noch vor dem Auftritt der Taskforce - den anderen Departementen zugestellt wurde. Demnach sieht Berset zurzeit keinen unmittelbaren Handlungsbedarf, er schlägt vorerst keine neuen Massnahmen vor. Doch wie immer in dieser Pandemie wird offengelassen, jederzeit wieder zu anderen Schlüssen zu kommen.

Heute Mittag teilte der Bundesrat dann offiziell mit, er komme nach einer Analyse der epidemiologischen Lage zum Schluss, dass die für eine Verschärfung festgelegten Kriterien nicht erfüllt seien. Er werde die Lage am 6. Januar 2021 neu beurteilen. Weiter teilte der Bundesrat mit, bislang seien in der Schweiz sieben Personen identifiziert worden, die mit der aus Grossbritannien kommenden Virus-Mutation angesteckt seien.

Zwischen «verhalten optimistisch» und «nicht viel Optimismus»

Am Montag hatte sich Berset an einer Medienkonferenz «verhalten optimistisch» gezeigt, zugleich aber betont, dass die aktuelle Lage wegen der Festtage schwierig einzuschätzen sei. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG), das in Bersets Departement angesiedelt ist, kam gestern aber zu einer kritischeren Einschätzung: Patrick Mathys, Leiter der Sektion Krisenbewältigung im BAG, sagte, es gebe «nicht viel Optimismus zu versprühen».

Unbestritten ist sowohl beim Bund wie auch bei den Kantonen, dass wegen der Corona-Mutation konsequenter getestet und die Kontaktverfolgung bei Neuinfektionen intensiviert werden sollten. Taskforce-Chef Ackermann plädiert für das aufwendigere Backward-Tracing – also das Zurückverfolgen, wo sich eine Person angesteckt hat. Laut Linda Nartey, Vizepräsidentin der Kantonsärzte, wird das aber schwierig. Schon jetzt können nicht alle Kantone nur schon das klassische Contact-Tracing sicherstellen.

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