Benno Tuchschmid

Emmanuel Altit weiss, wie man Geiseln nach Hause bringt. Der Pariser Star-Anwalt vertrat fünf bulgarische Krankenschwestern, die zwischen 1999 und 2007 von libyschen Gerichten mehrmals zum Tode verurteil worden wurden – und half mit, dass sie im Sommer 2007 begnadigt und nach Bulgarien ausgeflogen werden konnten. Jetzt soll Altit das Mandat für Max Göldi und Rachid Hamdani übernehmen, dies schreibt die Westschweizer Zeitung «24heures» – sie stützt sich auf mehrere anonyme Quellen. Altit, Max Göldis Arbeitgeber ABB und das Departement für äussere Angelegenheiten (EDA) wollen dies weder bestätigen noch dementieren.

Emmanuel Altit hatte sich bereits im vergangenen Dezember zu den Schweizer Geiseln in Libyen geäussert. Damals sagte er, man müsse «das Spiel der Gerichte mitspielen».

«Es ist gut, wenn sich mit Emmanuel Altit ein Anwalt einschaltet, der international bekannt ist und in Libyen schon erfolgreich war», sagt Helen Keller, Professorin für Völkerrecht an der Universität Zürich und Mitglied des Menschenrechtsausschusses der Vereinten Nationen. Auch der ehemalige Nahost-Korrespondent und Libyen-Experte Arnold Hottinger sagt: «Ein gut vernetzter Anwalt könnte diesem Fall international mehr Gewicht geben». Doch eine mögliche Zusammenarbeit mit der libyschen Justiz sieht Helen Keller kritisch: «So weit wie möglich sollten die Schweizer Geiseln kooperieren. Wenn es allerdings darum geht, die Botschaft zu verlassen, dann wird es heikel, weil ihre Gesundheit und ihre Freiheit auf dem Spiel stehen».

Auch Hottinger hält die Frage, ob die Geiseln im Gerichtssaal anwesend sein sollen, für «äusserst schwierig»: «Wenn Max Göldi und Rachid Hamdani vor dem Richter erscheinen, droht ihnen eine Festnahme, wenn sie nicht erscheinen, werden die Libyer vielleicht noch wütender.» Klar gegen ein Erscheinen ist Jean Ziegler, Libyen-Kenner und Buchautor (u.a. «Der Hass auf den Westen»). Er glaubt, dass Altits Strategie und das bisherige Vorgehen der Schweiz unversöhnlich seien. «Für die offizielle Schweiz sind Göldi und Hamdani seit 16 Monaten libysche Geiseln – zu Recht. Wir können jetzt nicht 180 Grad umschwenken». Sonst würden aus Geiseln plötzlich Angeklagte.

Zu Altits Strategie gehört auch die Mobilisierung der Öffentlichkeit. «Die Geiseln und ihre Familien müssen helfen, ein düsteres Licht auf das libysche Regime zu werfen.» Doch genau dies sei bereits passiert, sagt Daniel Graf, Sprecher der Menschenrechtsorganisation Amnesty International: «Während der Verschleppung der Libyen-Geiseln im letzten September hat sich die Strategie verändert. Gerade die Familie Göldi ging viel stärker in die Öffentlichkeit als vorher.» Amnesty International setzt sich mit der Aktion «Kerzen nach Libyen», bei der man online Kerzen anzünden kann, für die Geiseln ein. Ziel dieser Aktion sei es – ganz im Sinne Altits – die Opfer ins Zentrum zu stellen. «Das ist uns gelungen. Und wir wissen, dass diese Aktion auch in Libyen verfolgt wurde», sagt Graf. Nur, frei sind die Geiseln noch immer nicht.